Deutsche Geschichte(n)

Propaganda der Tat

Von Professor Dr. Gerd Langguth

14. November 2006 Warum ist Rudi Dutschke für einen großen Teil der Achtundsechziger-Generation eine legendäre Gestalt, für manche gar ein identitätsstiftender Mythos? Im Abstand von einer Generation erscheint seine mit alt- und neumarxistischen Versatzstücken durchwirkte Ideologie befremdlich. Doch Walter Jens sprach noch 1981 von Dutschke als einem friedliebenden, „zutiefst jesuanischen Menschen“. Der grüne Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele sieht in dem Führer des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) gar einen „Märtyrer“. Wahr ist, daß Dutschke weder mehr Liberalität noch eine „Demokratisierung“ der westdeutschen Gesellschaft im Sinn einer Weiterentwicklung der parlamentarisch-demokratischen Ordnung anstrebte. Er wollte Revolution.

Dutschke hatte, wie es in einem Buchtitel heißt, drei Leben. Das erste war das eines Berufsrevolutionärs, der auch den Einsatz von Gewalt zur Durchsetzung der eigenen Ziele in Erwägung zog - wenn auch zunächst nur theoretisch. Wolfgang Kraushaar, der dem Umfeld der Gruppe des Frankfurter „Revolutionären Kampfes“ entstammt, meint heute, „daß von ehemaligen Akteuren trotz allen autobiographisch gefärbten Bekennerdrangs zuweilen falsche Fährten ausgelegt oder Gedächtnisschwund und Erinnerungsverlust angeführt werden, um die Schutzfunktion auch im nachhinein zu erneuern“. Entsprechend schwierig ist es, die Ursprünge der Stadtguerrilla und des Terrorismus in der Bundesrepublik Deutschland zu erforschen.

„Übervater der RAF“?

Man hat Dutschke mitunter als den „Übervater“ der RAF gesehen. Das ist nicht richtig. Nur ein kleiner Teil der Achtundsechziger verschrieb sich der Klandestinität und der Systemveränderung durch terroristische Gewalt. Kurt Sontheimer stellte aber schon 1977 fest, daß der von der RAF und anderen Gruppierungen ausgehende Terrorismus ohne das bis zum Überdruß geschürte Unbehagen an den politischen Verhältnissen der Bundesrepublik und ohne den mit linken Theorien ausstaffierten geistigen Hintergrund der Akteure nicht zureichend erklärt werden kann. Dutschkes gewaltbereite revolutionäre Strategie war nicht identisch mit der Theorie der späteren RAF. Diese mußte vielmehr nach seiner Ansicht scheitern, weil sie den militärischen Kampf mit den „Herrschenden“ suchte und eben nicht die Stadtguerrilla-Strategie eingeschlagen hatte.

Ehemalige SDS-Genossen verweisen darauf, daß Dutschke kein Studentenführer war, sondern erst von den Medien dazu gemacht wurde. Seine Biographin Michaela Karl beschreibt ihn als Integrationsfigur, herausragenden Redner und theoretischen Mitinitiator der Studentenbewegung. Er sei „weder ihr Vordenker noch ihr Anführer“ gewesen. Dutschke plante nach ihrer Ansicht auch keinen gewaltsamen Umsturz. Als Revolutionär aber „wollte er Gewalt als Mittel der Systemveränderung nicht ausschließen, sondern mußte sich letztendlich ein für die jeweilige Situation angemessenes positives Verhältnis zur Gewalt bewahren“. Das läßt sich inzwischen gut belegen.

Vermutlich im Jahr 1964, also zu einem Zeitpunkt, als er mit anderen Mitgliedern der sogenannten „Subversiven Aktion“, unter anderen Dieter Kunzelmann, über eine revolutionäre Strategie diskutierte, bezeichnete Dutschke den SDS, dem er mit anderen Kombattanten aus der „Subversiven Aktion“ erst im Januar 1965 beitrat, in einem Diskussionsbeitrag als „Gelegenheitsprodukt der revolutionären Ebbe der Nachkriegszeit“. Mikrozellen in Hamburg, Bremen, Köln und Nürnberg, vielleicht auch in einigen weiteren Städten, sollten diesen Zustand beenden. Zudem sollte „praktisch-theoretische und koordinierte Zusammenarbeit mit allen revolutionären Gruppen in der Welt“ den SDS revolutionieren. Nach Dutschkes Auffassung sollte ein „Druck von innen“, der in den Industriegesellschaften durch die Befreiung des Menschen von der repressiven Arbeit entstehe, durch „Druck von außen“ begleitet werden. Gemeint war der revolutionäre Kampf in den Entwicklungsländern. Schon damals wußte Dutschke mit den Mitteln der Klandestinität, also im verborgenen, zu arbeiten. In der „Nachbemerkung“ heißt es: „Dieser Text darf in dieser spezifischen Form keinen fremden Leuten in die Hand gegeben werden.“

Dritte Welt und Metropolen

1966 kam es im SDS unter dem Einfluß Dutschkes und anderer Mitglieder der sogenannten „Viva-Maria-Gruppe“ zu einer intensiven Debatte über das Thema Gewalt. Im Zusammenhang mit einer Plakataktion beschrieb Rudi Dutschke am 13. Februar 1966 in einem Referat den theoretischen Standort dieser Gruppe, präzisierte die Verbindung zwischen Dritter Welt und den hochindustrialisierten kapitalistischen Ländern und sagte unter anderem: „Der Kampf der Vietcong oder der MIR in Peru sind unsere Kämpfe, müssen bei uns tatsächlich über rationale Diskussion und prinzipiell illegale Demonstrationen und Aktionen in bewußte Einsicht umfunktionalisiert werden - eine riesige, fast unlösbare Aufgabe.“

Dutschke plädierte an diesem Tag unter dem Titel „Fokustheorie in der dritten Welt und ihre Neubestimmung in den Metropolen“ für die Übertragung von Che Guevaras Guerrilla-Theorie auf die Verhältnisse in Deutschland, vor allem in West-Berlin. Als „das schwächste Glied“, von dem aus mit dem „langen Marsch durch die Institutionen“ begonnen werden sollte, machte er die Universität aus. Sie bildete für ihn einen „Fokus“, von dem aus „kleinste homogene Guerrilla-Einheiten“ ihren Ausgang nähmen, die in einem langen Prozeß die „Aufstandsphase der Revolution“ einleiteten. Dafür sollte ein „urbaner militärischer Apparat“ aufgebaut werden, bestehend aus Parallelorganisationen der „Selbstverteidigung“ und sogenannten „T.u.Son.-Gruppen“. Mit ihnen sollte irgendwann zur „Konteroffensive“ übergegangen werden. Was sich hinter den Buchstaben „T.u.Son.“ verbirgt, läßt sich heute nicht mehr feststellen. Dutschkes ehemaliger Weggefährte Bernd Rabehl fragt sich heute allerdings, ob die Abkürzungen „T.“ und „Son.“ nicht für „Terror“ oder „Technik“ und für „Sondergruppen“ oder „Sondierungsgruppen“ standen.

Die revolutionäre Theorie stieß nicht auf ungeteilte Zustimmung. In Berlin wurden Stimmen laut, die den Ausschluß der Dutschke-Gruppe aus dem SDS-Landesverband verlangten. Diese Forderung wurde abgelehnt. Im März 1966 wurden während eines Seminars des SDS in Oberreifenberg im Taunus die kontroversen Punkte des revolutionären Kampfes zwischen den Anhängern orthodox-marxistischer Standpunkte, den Vertretern „klassischer“ linkssozialistischer SDS-Positionen, die nicht zum gewaltsamen Umsturz bereit waren, und den Befürwortern der Konzeptionen Dutschkes und Rabehls vehement diskutiert. Letztere machten inzwischen auch Anleihen beim Anarchismus und griffen auf Bakunin und Texte des russischen Revolutionärs Sawinkow (Ropschin) zurück.

Rudis Sabotageakte

Im September des folgenden Jahres warfen Dutschke und Hans-Jürgen Krahl auf der Bundesdelegiertenkonferenz des SDS in Frankfurt die sogenannte „Organisationsfrage“ auf. In ihrem Referat, das lange nicht als Text vorlag, gingen beide von einer „bestimmten Negation“ der parlamentarischen Ordnung und des Systems der „Staatsparteien“ aus. Gegen den Macht- und Sicherheitsapparat des Staates sollten illegale Kämpfer Schutz gewähren. Dutschke und Krahl riefen die SDS-Mitglieder dazu auf, sich als „Sabotageund Verweigerungsguerrilla“ zu formieren, und erläuterten, warum der Kampf gegen staatliche Autoritäten notwendig sei: „Die Agitation in der Aktion, die sinnliche Erfahrung der organisierten Einzelkämpfer in der Auseinandersetzung mit der staatlichen Exekutivgewalt bilden die mobilisierenden Faktoren in der Verbreiterung der radikalen Opposition und ermöglichen tendenziell einen Bewußtseinsprozeß für agierende Minderheiten innerhalb der passiven und leidenden Massen, denen durch sichtbar irreguläre Aktionen die abstrakte Gewalt des Systems zur sinnlichen Gewalt werden kann. Die ,Propaganda der Schüsse' (Che) in der ,dritten Welt' muß durch die ,Propaganda der Tat' in den Metropolen vervollständigt werden, welche eine Urbanisierung ruraler Guerrilla-Tätigkeit geschichtlich möglich macht. Der städtische Guerrillero ist der Organisator schlechthinniger Irregularität als Destruktion des Systems der repressiven Institutionen.“

Noch vor dem „Vietnam-Kongreß“ vom 17./18. Februar 1968 propagierte Dutschke einen „europäischen Cong“. In den Niederlanden hatte er von einem bewaffneten Kampf gegen die „schreckliche Kriegsmaschine“ der Vereinigten Staaten und von „Angriffen gegen Nato-Schiffe“ gesprochen. Dutschke dachte an Kleingruppen von jeweils vier bis sechs Stadtguerrilleros, die eine Doppelexistenz führen sollten - wie später die sogenannten „Feierabend-Terroristen“, darunter die „Revolutionären Zellen“. Nach Rabehls Darstellung „näherte“ sich Dutschke damals Überlegungen, den bewaffneten Kampf gegen den Militärapparat der Vereinigten Staaten aufzunehmen.

Im Frühjahr 1968 bildete sich eine Gruppe um Dutschke, zu der auch der spätere Terrorist Georg von Rauch gehörte und die innerhalb des SDS nicht offen auftrat. Dutschke glaubte weiterhin, daß das Konzept der Stadtguerrilla, das zuerst von den Tupamaros in Montevideo entwickelt und dann von dem brasilianischen Kommunisten Carlos Marighela seit Ende 1967 in São Paulo praktiziert und im „Handbuch des Stadtguerrillero“ kanonisiert wurde, auf Deutschland übertragen werden sollte. Manch anderer Zeitgenosse teilte diese Meinung. Hans Magnus Enzensberger schrieb im Jahr 1969: „Gegenwärtig veranschaulicht uns eine Organisation wie die Tupamaros in Uruguay Formen des Kampfes, die direkt auf Europa angewandt werden können und müssen.“

Praktische illegale Schritte

Die Ehefrau Dutschkes, Gretchen Dutschke, gab in ihrer 1996 erschienenen Biographie weitere interessante Details über das Verhältnis ihres Mannes zur Gewalt preis. Sie berichtet, daß, wenn Rudi Dutschke von „Illegalität“ sprach, es wenig mit dem zu tun gehabt habe, was die RAF später tat. Aber er und manche anderen vom SDS und vom „Dritte-Welt-Kreis“ stimmten wohl darin überein, daß ein illegaler Kampf notwendig sei, der über die bisherigen Regelverletzungen hinausging. So habe Anfang des Jahres 1968 Rudi Dutschke auch daran gedacht, „in verschiedenen europäischen Städten Arbeitergruppen zu unterstützen, die sogenannte ,Sabotage-Akte' durchführen sollten, sofern dies möglich und sinnvoll erschien“. Aus den Notizen aus dem Nachlaß von Dutschke ist zu ersehen, daß im Zusammenhang mit dem „Vietnam-Kongreß“ im Jahr 1968 die „Sabotage-Akte, von denen Rudi sprach“, sich „gegen Transport, Telekommunikation, Hafen und Eisenbahn richten sollten“. Aus dem SDS und aus den mit ihm sympathisierenden Gruppen sollte eine 80 Mann starke Gruppe rekrutiert werden, die den illegalen Teil der Organisation bilden sollte.

Gretchen Dutschke berichtet ferner, daß ihr Mann und „sein Kreis“ „fast fieberhaft“ überlegten, welche praktischen illegalen Schritte sie unternehmen könnten. Dazu zogen sie auch internationale Kooperationen in Betracht: „Es bahnten sich aber auch Kontakte an zur Eta in Spanien und zur IRA in Nordirland, die illegal im Untergrund kämpften und nicht davor zurückschreckten, Waffen einzusetzen.“ Die Gruppen wollten eine illegale internationale Organisation aufbauen, die auch Terroraktionen gegen die „Kriegsmaschine“ der Amerikaner durchführen sollte. „Rudi lehnte dieses Konzept nicht grundlegend ab“, meinte seine Frau. „Er war nur nicht überzeugt davon, daß diese Gruppen die gleichen Ziele verfolgten wie er.“

In diesem Zusammenhang interessant ist Dutschkes Beziehung zu dem linksradikalen italienischen Verleger und Millionär Giangiacomo Feltrinelli. Mit dem Geld, das dieser zur Verfügung stellte, wurde 1967/68 unter anderem das „Internationale Nachrichten- und Forschungsinstitut (Infi)“ aufgebaut. In den Augen der vermeintlichen Revolutionäre war das Institut eine Zentrale für die Kombination legaler und illegaler Arbeit und sollte die Illegalität kleiner Gruppen ermöglichen.

Kind auf Dynamit

Gretchen Dutschke berichtet von einem bemerkenswerten Zusammentreffen mit dem italienischen Verleger, der im übrigen am 15. März 1972 nach einer Explosion zu Füßen eines Stromleitungsmastes tot aufgefunden wurde. Im Februar 1968 klopfte Feltrinelli, einst Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens, begeisterter Anhänger der Black Power und der Fatah-Bewegung, dazu ein Freund des kubanischen Revolutionärs Fidel Castro, an die Tür der Dutschkes, um den beiden fröhlich die mit Dynamitstangen gefüllte Rückbank seines Autos zu zeigen. Im Schutz der Dunkelheit brachte Feltrinelli den Sprengstoff in die Wohnung. Am nächsten Tag wurde das Dynamit im Kinderwagen des Sohnes Hosea in eine konspirative Wohnung weitertransportiert, die der Mailänder Verleger gemietet hatte. Feltrinelli habe, so Gretchen Dutschke, „befohlen“, das Kind auf den hochexplosiven Stoff zu betten, damit man keinerlei Verdacht errege.

Dutschke wollte mit Feltrinelli mit dem Dynamit ein Schiff mit Kriegsmaterial für den Vietnamkrieg in die Luft sprengen. Das Vorhaben wurde aber wieder aufgegeben, weil das Risiko zu groß war, daß Personen bei dem Anschlag zu Schaden kämen. Festzuhalten bleibt aber folgender Dreischritt: Im Februar 1966 hatte Dutschke intern sein Guerrillakonzept erläutert; im September 1967 propagierte er es öffentlich auf der SDS-Bundesdelegiertenkonferenz; wenige Monate später war er unter den ersten, die zur Tat schreiten wollten.

Bahman Nirumand berichtet, er sei im März 1968 mit Dutschke und einer Bombe im Gepäck von Berlin über Frankfurt nach Saarbrücken gereist. Dort sollte ein Antennenmast des amerikanischen Soldatensenders AFN gesprengt werden, damit es „zu einer kurzen Unterbrechung der Sendung kommen konnte“. Der Anschlag sollte dem Protest gegen den Vietnamkrieg dienen. Doch waren die Vorbereitungen durch einen Genossen am Ort so mangelhaft, daß die Aktion nicht ausgeführt wurde. Im April 1968 gelang dann Andreas Baader und Gudrun Ensslin die erste spektakuläre „Propaganda der Tat“: In Frankfurt setzten sie ein Kaufhaus in Brand.

Die Vielfalt der Achtundsechziger-Bewegung darf nicht nur auf den Terrorismus reduziert werden. Doch bleibt richtig: Zu den Auswirkungen der Studentenrevolte gehören nicht nur eine Geringschätzung der liberalen Demokratie und eine Relativierung des Rechtsstaates, sondern auch eine Enttabuisierung und Befürwortung der Gewalt bis hin zum Terrorismus. Die Gewalt wurde zunehmend als eine taktische Frage eingeschätzt, die von der „Reife des Klassenkampfes“ abhing. Anfang 1968, kurz vor dem Attentat, dessen Folgen er elf Jahre später erlag, antwortete Dutschke auf die Frage, ob er sich von Gewalt distanziere: „Nein, aber die Höhe unserer gegenwärtigen Gewalt bestimmt sich durch das Maß der repressiven Gewalt der Herrschenden. Wir sagen ja zu den Aktionen der Antiautoritären, weil sie einen permanenten Lernprozeß der an der Aktion Beteiligten darstellen.“

Der Verfasser lehrt Politische Wissenschaft an der Universität Bonn.



Text: F.A.Z. vom 14. November 2006
Bildmaterial: picture-alliance / dpa, picture-alliance/ dpa

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche