Einwanderung und Integration

Vom Pflichtbewusstsein zum Selbstbewusstsein

Von Emel Abidin-Algan

Komplette Verpackung

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Muslime von heute wollen, dass auch ihre Kinder an den staatlichen Schulen Religionsunterricht erhalten. Um diesen Wunsch zu verwirklichen, bieten sich mittlerweile zahlreiche islamische Organisationen an, die es den christlichen Kirchen und jüdischen Organisationen gleichtun wollen. Allerdings ist das Leben zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen aus Unkenntnis immer noch von gegenseitigen Vorurteilen gekennzeichnet, die manchmal zu spürbaren Spannungen führen. Aber auch unter Muslimen werden nationale Traditionen immer noch mit Religion verwechselt.

Ein verantwortungsvoller Religionsunterricht hat die Aufgabe, über diese Zusammenhänge aufzuklären und Bereitschaft zur Integration zu fördern. So kann er Heranwachsende in ihrem Bemühen unterstützen, in einer nichtmuslimischen Gesellschaft eine Identität auszubilden, die die religiöse Dimension nicht ausschließt. Dazu müssen die Islamischen Organisationen, die den Religionsunterricht ausgestalten wollen, in ihrem Bildungsbestreben ihre Begriffe und Vorstellungen von Religion auf ihre Gegenwartstauglichkeit überprüfen. Ich habe nicht den Eindruck, dass sie derzeit dazu in der Lage sind.

Während meiner Kindheit und Jugend in Deutschland gab es weder islamische Organisationen noch Islamunterricht an Schulen, denn vor 35 Jahren gab es unter der nichtmuslimischen Bevölkerung Deutschlands noch nicht so viele Menschen, die sich als Muslime verstanden. Ich hatte großes Glück und erlebte in der Person meines Vaters einen vorbildlichen Muslim. Diese Erfahrung war prägender, als es der beste theoretische Unterricht hätte sein können. Deshalb meine ich, dass die religiöse Unterweisung eigentlich in die Privatsphäre elterlicher Fürsorge und Verantwortung gehört, vorausgesetzt, die Eltern sind sich ihrer Verantwortung bewusst.

Das überlieferte Religionsverständnis

Denn über das geschichtliche Faktenwissen hinaus werden auch Fragen nach dem Sinn des Lebens und der persönlichen Beziehung zum Schöpfer berührt. Deren Behandlung in der Schule wird durch den Charakter und die persönliche Einstellung des Lehrers geprägt. Wer will dafür Verantwortung übernehmen, wenn so etwas Existentielles schiefläuft?

Viele Muslime von heute laufen Gefahr, mit einer Überbetonung von Äußerlichkeiten und einer ausschließlichen Erfüllung von Ritualen und gottesdienstlichen Pflichten Religiosität und Götzendienst zu verwechseln. Sie müssen sich endlich mit den „überlieferten Religionsverständnissen“ kritisch und intensiv auseinandersetzen, ehe sie Verantwortung für einen Religionsunterricht übernehmen können. Es wäre ein Irrtum, zu meinen, dass die zunehmende Isolation und Gewalt unter der muslimischen Jugend nur mit der Vermittlung von religiösem Faktenwissen im Rahmen von Unterricht in den Griff zu bekommen wären. Ohne die Einbeziehung der Familien in die religiöse Bildungsarbeit ist alle Mühe vergebens.

Seit je berufen sich die monotheistischen Religionen im Namen von Gerechtigkeit auf einen Gott, der Bedingungen und Forderungen stellt und Fehlverhalten konsequent ahndet. Ich meine, dass dabei aber mit dem seelischen Grundbedürfnis nach Liebe und Geborgenheit ein verantwortungsloses Geschäft getrieben wird, um Abhängigkeiten zu sichern. Während einer Veranstaltung zum Thema „Islamophobie“ fragte ich den muslimischen Redner, ob es seiner Meinung nach einen Zusammenhang zwischen dem Glauben an einen strafenden Gott und der Gewalt mancher muslimischer Männer gäbe. Der Repräsentant einer islamischen Organisation antwortete: „Wir haben den strafenden Gott als pädagogisches Hilfsmittel aus unseren Lehrplänen genommen.“

Wir sind in unserer wissenschaftlichen Kenntnis der menschlichen Psyche von heute so weit, dass wir wissen, wie Vorstellungskraft und Verhalten zusammenhängen können: Glaube benötigt Projektionsflächen, um bestehen zu bleiben. So müssen bei dem Glauben an einen Gott, der bei Ungehorsam straft und rächt, Situationen geschaffen werden und Menschen herhalten, damit dieser Glaube sichtbar wird und Bestätigung erfährt. Dasselbe gilt auch für den Glauben an einen liebenden und allbarmherzigen Gott. Deshalb tragen Erwachsene eine enorme Verantwortung für das, was sie als Glaubensverständnis den Heranwachsenden mit auf den Weg geben.

Religion als Hilfsmittel

Eigentlich geht es bei Religion um ein Hilfsmittel für die Erkenntnis des Schöpfers als bedingungslos liebender Quelle des Lebens und den Aufbau einer klaren Beziehung zu dieser wichtigsten Quelle von Geborgenheit. In einem Hadith Kudsi, einer besonderen Kategorie von Aussagen des Propheten Mohammed, teilt der Schöpfer das Wesentliche der menschlichen Existenz mit: „Ich war ein verborgener Schatz, und ich habe die Schöpfung erschaffen, damit sie mich erkennen.“ Wer sich und seinen Schöpfer kennenlernen will, der muss sich aber der gesamten Schöpfung öffnen und nähern, ohne auferlegte Einschränkungen. Ich definiere den Schöpfer als barmherzige Intelligenz in Vollkommenheit. Dieser Schöpfer offenbart sich übrigens nicht nur in heiligen Büchern wie dem Koran, sondern im gesamten Kosmos. Mir scheint, dass der Schutz dieser wichtigen Quelle von Geborgenheit vor der Vermittlung eines widersprüchlichen und verzerrten Gottesbildes bei der Bildung einer stabilen Persönlichkeit oberste Priorität hat.

Religionen haben sich seit ihren Ursprüngen im Laufe der Geschichte immer wieder gewandelt, und das sowohl in der Praxis wie in der theologischen Wissenschaft. Beides drückt sich bis heute aus in Formen von Religion, die so unterschiedlich sein können, wie Menschen unterschiedlich sind. Auch heute unterliegt das Verständnis einer Religion deshalb der persönlichen Wahrnehmung und Lebenserfahrung, aber auch den politischen und traditionellen Einflüssen der jeweiligen Zeiten und Lebensumstände. Jede Religion enthält daher Aussagen, die in Raum und Zeit eingebunden sind. Im Koran etwa ging jeder Offenbarung eine Situation als Offenbarungsanlass voraus. Deshalb unterscheide ich als gläubige Muslimin zwischen dem Islam des Propheten Muhammad und dem bis heute als Überlieferung erhalten gebliebenen Religionsverständnis der Gelehrten und Heiligen, die für mich nur Meinungsträger sind und mir mit Befolgungsansprüchen die Verantwortung für persönliche Entscheidungen im Hier und Heute nicht abnehmen können.

Der Islam des Propheten war von praktischer Alltagstauglichkeit geprägt und sollte Erleichterung bringen. Er brachte Erneuerungen im Diesseits des Lebens jener Menschen seiner Zeit. Einmal wurde der Prophet über Verhütung gefragt und empfahl den Coitus Interruptus. Heute würden wir aber andere Mittel vorziehen. Andererseits enthält der Koran allgemeingültige und zeitlose Aussagen, zum Beispiel den Hinweis, dass die Menschen gekennzeichnet sind durch ihre Fingerabdrücke. Die heutige Wissenschaft bestätigt diese göttliche Offenbarung.

Gegen ein unreflektiertes Befolgen

Ein erwachsener Mensch sollte in der Lage sein, in der vorhandenen Glaubensüberlieferung eine Basis für die Suche nach der eigenen Wahrheit zu erkennen und diese auch in sein Leben zu integrieren. Für den Umgang mit muslimischen Heranwachsenden bedeutet das, dass diese umfassende Informationen bekommen, neugierig sein dürfen, kreative Fragen formulieren können, um zu analysieren und mit eigenen Entscheidungen Verantwortung für sich übernehmen lernen.

Kann jemand aber frei entscheiden und somit Verantwortung tragen, wenn er in seinem Verhalten das Wohlwollen eines Gottes anstreben soll, den er noch nicht kennt, weil er diesem schon sehr früh aus einer Haltung der Pflicht heraus nur in Ritualen begegnet ist und gelernt hat, Sanktionen im Jenseits als Kriterium für Entscheidungen im Diesseits heranzuziehen, anstatt als Maßstab für seine Entscheidungen und sein Verhalten sein eigenes Wohlbefinden zu berücksichtigen und die eigenen Erfahrungen im Hier und Heute heranzuziehen?

Das überlieferte Religionsverständnis gibt einen Rahmen für Glauben vor, in dem die Mentalität des Taqlid, des unreflektierten Befolgens von vorgegebenen Pflicht-Regeln, im Mittelpunkt steht. Ich meine, dass dieses Verständnis bisher zu viele Heuchler und Dummköpfe hervorgebracht hat, die aus Mangel an Selbstkenntnis sich und anderen Schaden zufügen. Einen Glauben aus Verpflichtung und Gehorsam zu fördern und leere Routine und Gewohnheit zu erzeugen kann also keineswegs das Wahre sein. Zur Bildung von Selbstbewusstsein und Glauben aus Überzeugung braucht es die Erlaubnis und Bewegungsfreiheit für eigene Erfahrungen und Meinungen sowie die Erlaubnis, ehrlich mit eigenen Gefühlen und Gedanken umzugehen, ohne Sanktionen durch die Familie oder einen strafenden Gott befürchten zu müssen.

Als wichtig erscheint es mir auch, dass man für die Integrationsfähigkeit von altertümlichen Begriffen Abschied nimmt. Als sechsfache Mutter und - bis vor zwei Jahren - langjährige Vorsitzende des Islamischen Frauenvereins, der in Berlin vier staatlich geförderte Kindergärten unterhält, beobachte ich unter muslimischen Jugendlichen eine zunehmende Desorientierung mit auffälligem Sozialverhalten in Schule und Gesellschaft. Viele kommen aus nicht funktionierenden Elternhäusern oder sind den Spannungen nicht gewachsen, die sich aus dem traditionellen Religionsverständnis der Eltern- und Großelterngeneration ergeben. Die Jugendlichen von heute kommen mit den traditionell begründeten Einschränkungen und Regeln nicht mehr klar, wenn sie etwa zu einer Ehe ohne Liebe aufgefordert werden und wenn sie sich in ihrem Entdeckungsdrang beschränken sollen, weil es sich eben so gehöre. Heranwachsende von heute wollen lernen, mit ihrer Sexualität zurechtzukommen, und als wichtige Voraussetzung für Beziehungsfähigkeit Verantwortung für ihr Liebesleben zu übernehmen, indem sie auch „nein“ sagen dürfen.

Was ist im Religionsunterricht zu lehren?

Im Religionsunterricht müssten klare Trennlinien zwischen Tradition und Religion gezogen werden. Wenn Integration ernst genommen wird, dann muss die Argumentationsfähigkeit der Muslime verbessert werden und die Neugierde von Nichtmuslimen wachsen. Es ist niemandem mehr damit gedient, wenn der Nichtmuslim mit polemisierenden Fragen kommt und der Muslim dann nur auf den Koran und das Leben des Propheten verweisen kann. Im Austausch miteinander fehlt es an treffenden Fragen und verständlichen Erklärungen mit nachvollziehbaren Argumenten, die in das Hier und Heute passen. Ich habe erlebt, wie erwachsene Muslime ins Schwitzen kommen, wenn sie in der Öffentlichkeit zu Inhalten der Scharia Stellung beziehen sollen. Beim nicht endenden Thema Kopftuch wäre beispielsweise die Frage an einen Muslim fällig, ob denn der Gott der Muslime etwas gegen Damenfrisuren habe?

Im Religionsunterricht ist nach meiner Meinung auch zu lehren und zu lernen, dass ein Mensch nicht auf seine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion reduziert werden soll. Ein Mensch, der sich nur über seine Religion definieren soll, hat es heute schwer, in der vielfältigen Gemeinschaft der Menschen seinen Platz zu finden. Denn immer mehr Menschen bekennen sich in ihrem Selbstbestimmungsdrang zu Flexibilität und Veränderung von verschiedenen Formen von Identität und Beziehung, wo Religionen wie das Christentum oder der Islam aufgrund ihres Verlustes an universalem Verständnis und der ungeklärten Widersprüche heute nicht mehr viel bieten können. Die Verpflichtung katholischer Priester zur Ehelosigkeit und die theologisch begründete Unauflösbarkeit der Ehe sind genauso unzeitgemäß wie eine traditionell begründete Zwangsverheiratung und Verhüllung von Frauen als angeblich schutzbedürftige Objekte vor der Belästigung durch Männer. Könnten diese Unverhältnismäßigkeiten im Umgang mit Liebe und die Beleidigung von Männern vielleicht eine wichtige Ursache für Gewalt sein?

Sichtbare und ausschließliche Religionszugehörigkeit ist einseitig und einschränkend geworden, aber auch stigmatisierend und risikoreich, weil sie isolieren und geistige Gettos bilden kann. Verhüllte Frauen fallen in einer nichtmuslimischen Gesellschaft deshalb besonders auf und bedürfen der besonderen Aufmerksamkeit. Deshalb ist es fraglich, ob Familie und Religionsunterricht mit ihrem Anspruch auf religiöse Erziehung der Kinder diesen einen Dienst erweisen, wenn sie sie lehren, in der Religion ein dominierendes Identifikationsmerkmal zu sehen.

Ich habe mich erst als Erwachsene nach einer intensiven und kritischen Auseinandersetzung mit meiner Lebensrealität aus einem kollektiven Religionsverständnis lösen können, um das Wesentliche in meinem eigenen Leben zu erkennen und alleinige Verantwortung für mein Wohlbefinden zu tragen. Dass ich dabei auch meine islamische Bekleidungsform als sichtbare Kennzeichnung der Religionszugehörigkeit abgelegt habe, sehe ich nur als eine natürliche Begleiterscheinung. Auch ohne diese Verhüllung fühle ich mich religiös, würdevoll, geschützt und selbstbewusst.

„Schamlose Sünderin“

Heute frage ich mich, wem mit dieser auffälligen Sichtbarkeit von Religionszugehörigkeit denn was bewiesen werden soll? Vielen meiner Glaubensgeschwister gelte ich nun als „schamlose Sünderin“ - ein Begriff, der völlig unverhältnismäßig ist, mich aber persönlich nicht mehr berührt. Denn ich habe erkannt, dass ich mich, nachdem ich mich im Spiegel eines Menschen erkennen konnte, auf meinen Weg des Kennenlernens meiner Selbst begeben habe. Das alles vor allem deshalb, um auch meinen Schöpfer zu erkennen und mein Leben zu verstehen.

Islamischer Religionsunterricht muss daher mit einem anderen, viel genauer und differenzierter beschreibenden Gottes- und Menschenbild für soziale Verantwortung allen Menschen gegenüber sensibilisieren. Denn Menschen sind Individuen als Ausdruck der göttlichen Vielfalt, die erhaben ist über ein politisch verfärbtes Religionsverständnis von gestern, das es sich leicht macht und Menschen in Gute und Böse, in Gläubige und Ungläubige aufteilt. Ein zeitgemäßer Religionsunterricht müsste heute dazu beitragen, polarisierende Begriffe zu entlarven und zu neutralisieren, damit der sogenannte Unglauben als interessanter Andersglauben entdeckt werden kann, von dem man etwas lernen kann.

Ich meine, dass dieses Religionsverständnis von gestern trennt, anstatt zu verbinden. Im Angesicht der Herausforderungen unserer Zeit, die nach Annäherung und Verständigung verlangen, werden aber mit Vorurteilen und Berührungsängsten Kommunikationsbarrieren gefördert. Ein islamisch begründetes Verbot von Körperkontakt zwischen Männern und Frauen, die nicht miteinander verheiratet und verwandt sind, sowie die komplette Verpackung der Frauenkörper mit Stoff, die mit der Geschlechtertrennung einhergeht, konzentriert sich auf Äußerlichkeiten und behindert die allumfassende Selbsterkenntnis und das solidarische Miteinander. Einige meiner nichtmuslimischen Freunde haben sich im Gespräch darüber beklagt und ihr Unverständnis geäußert, dass ihr Gruß von ihrer verhüllten Nachbarin nie erwidert wird. Kann islamischer Religionsunterricht die Verantwortung für solch ein hässliches Nebeneinander übernehmen?

Die Verfasserin ist Kommunikationsmanagerin, Tochter des Gründers der Organisation „Türkische Union Europas“, der Vorgängerorganisation der Islamischen Gemeinschaft „Milli Görüs“, und Preisträgerin des Luther-Preises „Das unerschrockene Wort“.



Text: F.A.Z., 10.08.2007, Nr. 184 / Seite 6
Bildmaterial: dpa

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