Bruno Merk erinnert sich gut an den 5. September 1972. Damals brachten acht palästinensische Terroristen die israelische Olympia-Mannschaft in ihre Gewalt, um die Freilassung ihrer Brüder in Israel und einiger Gleichgesinnter im Westen zu erzwingen. Merk, damals bayerischer Innenminister, trat mehrere Male gemeinsam mit Bundesinnenminister Genscher und dem Münchner Polizeipräsidenten Schreiber vor das Fenster des Gebäudes im Olympischen Dorf, in dem der Schwarze September seine Geiseln festhielt. Issa, der Anführer der Gruppe, drohte, binnen Stunden eine Geisel nach der anderen zu töten, wenn seine Forderungen nicht erfüllt würden.
Merk, so berichtet er nun, hielt Issa entgegen: Wenn Sie das tun, haben Sie am Ende keine Geiseln mehr und sitzen hier fest. Issa antwortete darauf in fließendem Deutsch: Na und? In Deutschland gibt es keine Todesstrafe, und unsere Brüder werden uns befreien. Die kurze Szene nahm die Entwicklung der kommenden Monate vorweg. Am 29. Oktober entführten besagte Brüder eine Lufthansa-Maschine und preßten jene drei Geiselnehmer frei, die den mißlungenen Polizeieinsatz zur Befreiung der Geiseln auf dem Flughafen von Fürstenfeldbruck überlebt hatten und nun in Untersuchungshaft in Bayern auf ihren Prozeß warteten.
Die Freilassung der Attentäter von München, deren Umstände hier erstmals ausführlich nachgezeichnet werden, ist eine Fußnote von München 1972 - den Olympischen Sommerspielen und der Tragödie der israelischen Sportler. Aus deutscher Perspektive verdient dieser Teil der Geschichte eine eigene Betrachtung. Denn der Bundesregierung kam die Entführung der Lufthansa-Maschine gelegen. So konnte sie die palästinensischen Terroristen loswerden. Einige Indizien sprechen sogar für die Mutmaßung, daß deutsche Stellen von der Entführung der Lufthansa-Maschine nicht überrascht wurden.
Kristallisationspunkt der Nachkriegsgeschichte
Die Ereignisse vom Herbst 1972 bilden einen Kristallisationspunkt, in dem sich die Nachkriegskonflikte, der in den Westen verlagerte Nahost-Konflikt und nicht zuletzt die seltsame Verquickung von arabischem und deutschem Terrorismus spiegeln. Die Terroristin Ulrike Meinhof, Rädelsführerin der zunächst als Baader-Meinhof-Bande geläufigen Rote Armee Fraktion, verfaßte in der Haft in Köln-Ossendorf eine Kampfschrift, die diesen Zusammenhang in verquast-pervertierter Form darlegt: Die Genossen vom Schwarzen September haben ihren eigenen Schwarzen September 1970 - als die jordanische Armee über 20 000 Palästinenser hingemetzelt hat, dahin zurückgetragen, wo dieses Massaker ursprünglich ausgeheckt worden ist: Westdeutschland - früher Nazideutschland - jetzt imperialistisches Zentrum. Dahin, von wo aus die Juden aus West- und Osteuropa nach Israel auszuwandern gezwungen worden sind - dahin, wo Israel sein Wiedergutmachungskapital bezog und bis 1965 offiziell Waffen. Dahin, wo der Springerkonzern Israels Blitzkrieg im Juni 67 als antikommunistische Orgie gefeiert hat.
Westdeutschland aber war in den Augen der palästinenischen Terroristen nicht nur ein legitimes Ziel, sondern auch ein leichtes: In München hatte die westdeutsche Gesellschaft, die ihren architektonischen Ausdruck in der gläsernen Dachkonstruktion des Olympiastadions erhalten hatte, Gegenspiele zu Berlin 1936 veranstalten wollen. Das Sicherheitskonzept sollte das Gegenteil jenes von 1936 sein. Mit Terrorismus kannte sich die Bundesregierung noch nicht aus - seine linksextremistische deutsche Variante steckte noch in den Anfängen. Auch das Grundgesetz war auf Freiheitsgewinn, nicht auf Terrorabwehr eingestellt. Anders als etwa in Frankreich war die Todesstrafe in der Bundesrepublik abgeschafft - auch eine Folge der Vergangenheit. All das nutzten die Terroristen in perfider Perfektion aus.
Der Schwarze September“
In den Morgenstunden des 29. Oktober 1972, eines Sonntags, brachten zwei Mitglieder des Schwarzen September eine Boeing 727 der Lufthansa auf ihrem Flug von Damaskus nach Frankfurt in ihre Gewalt. Sie zwangen den Piloten, Kurs auf München zu nehmen, und verlangten die Freilassung der Helden von München. Formal zuständig waren die bayrischen Behörden. Nur Justizminister Held (CSU) konnte über das Schicksal der Inhaftierten entscheiden. Innenminister Merk (CSU) setzte umgehend einen Krisenstab ein. In Bonn berief Innnenminister Genscher (FDP), der vom Krankenbett aus in das Ministerium gerufen wurde, einen Krisenstab ein. Bundeskanzler Brandt (SPD) war nicht sofort zugegen, einige Bundesminister mußten Wahlkampfreisen abbrechen; in wenigen Wochen sollte ein neuer Bundestag gewählt werden. Am Nachmittag berieten die zuständigen Bundesminister dann im Büro des Bundeskanzlers.
Bundes- und Landesregierung standen in telefonischem Kontakt. Merk erinnert sich nicht mehr an Details seiner ersten Gespräche mit Genscher, aber daran, daß sie rasch übereinstimmten. Die Möglichkeit, die Geiselnehmer bei der geplanten Landung in München zu überwältigen, sei nicht erwogen worden. Die Voraussetzungen dafür seien nicht gegeben gewesen, erinnert sich Genscher - und meint damit auch die fehlende Ausbildung von Polizisten für solche Zwecke. Die Entscheidung zur Freilassung haben dann wir getroffen, sagt Merk heute. Mit wir meint er die bayerische Regierung. Held, der Staatsanwaltschaft gegenüber weisungsbefugt, ließ den Haftbefehl gegen die Terroristen aufheben. Genscher indes sagt: Die Unterlagen über die Meinungsbildung in dieser Frage sind mir nicht mehr zugänglich. Er könne keine belastbare Aussage machen.
Eine Entscheidung von solcher Tragweite wird in der Bundesrepublik nicht die formal zuständige Landesregierung allein treffen. So unvorbereitet das Olympia-Attentat die deutschen Behörden getroffen hatte, so wenig überraschen konnte sie eigentlich das Geschehen am 29. Oktober. Das belegen Akten des Bundesinnenministeriums aus dem Frühherbst jenes Jahres. Im September und Oktober waren Genscher mehrere, zum Teil sehr genaue Warnungen des Schwarzen September zugegangen. Am 18. September etwa übermittelte das Bundesamt für Verfassungsschutz dem Bundesinnenministerium eine Liste aller Hinweise, die die Behörde von eigenen oder befreundeten ausländischen Diensten erhalten hatte. Darunter war auch ein Fernschreiben des Berliner Verfassungsschutzes: Hinweis auf den angeblichen Plan palästinensischer Terroristen zur Entführung einer von Berlin nach München fliegenden Maschine, um dadurch die Freilassung der drei Münchner Terroristen zu erzwingen.
Strengste Maßnahmen zum Schutz des Luftverkehrs
Schon am 8. September waren in einer Besprechung der Abteilungsleiter des Innenministeriums mit Vertretern des Verfassungsschutzes und des Bundeskriminalamtes unter Leitung Genschers strengste Maßnahmen zum Schutz des Luftverkehrs erwogen worden: Bundesverkehrsminister Lauritzen (SPD) sollte zeitweise alle Fluggäste aus arabischen Ländern von der Beförderung ausschließen, in Linienmaschinen der damals staatlichen Lufthansa bewaffnetes Personal mitfliegen lassen und die Arbeitsverhältnisse mit allen Arbeitnehmern aus arabischen Ländern, die im Luftverkehr beschäftigt sind, auflösen. Am 13. Oktober teilte Klaus Kinkel, Leiter des Ministerbüros Genschers und später dessen Nachfolger im Amt des Außenministers, seinem Chef mit, daß Kanzleramtsminister Horst Ehmke (SPD) für den 30. Oktober eine Sitzung des Ständigen Ausschusses des Bundestages anberaumt habe - die erste in der Geschichte der Bundesrepublik. Genscher solle darin über die Sicherheitslage berichten. Das Parlament hatte bereits seine letzte ordentliche Sitzung der Legislaturperiode hinter sich gebracht.
Am 25. Oktober, vier Tage vor der Flugzeugentführung, schrieb das Referat für Öffentliche Sicherheit für Genscher in einem Informationsvermerk: Gefahr durch erneute Aktionen arabischer Terroristen nach wie vor gegeben. Bisheriges Ausbleiben größerer Aktionen wahrscheinlich ,Einschläferungstaktik'. Motive: Befreiung der 3 inhaftierten Araber, ,Rache' für Fürstenfeldbruck. Unter mögliche Ziele folgt der Eintrag: Lufthansa, El Al. Mögliche Angriffsarten: Geiselnahmen, Flugzeugentführungen, Mordanschläge. Es gebe ausdrückliche Ankündigungen, etwa ein Ultimatum des Schwarzen September.
In Wirklichkeit blieben die Schutzmaßnahmen für den Luftverkehr weit hinter den Forderungen aus der Dienstbesprechung zurück: Hundertprozentige Personen- und Handgepäckkontrolle im innerdeutschen und grenzüberschreitenden Verkehr. Die Boeing 727, die für die Entführung bestimmt war, startete aber nicht von einem deutschen Flughafen aus, sondern - zunächst ohne Passagiere - in Damaskus. In Beirut stiegen 13 Fluggäste ein, unter ihnen die drei Terroristen. Deren Waffen, so hieß es später, seien schon in Syrien an Bord geschmuggelt worden.
Kurs auf Zagreb
Nach einer Zwischenlandung in Nikosia zum Auftanken nahm ein Irrflug seinen Anfang: Die Entführer wollten nicht länger München anfliegen, sondern wiesen die Piloten an, Kurs auf die jugoslawische Stadt Zagreb zu nehmen. Dort wollten sie die drei aus Bayern ausgeflogenen Terroristen an Bord nehmen. So kam es. Von Zagreb aus flogen die Terroristen nach Tripolis weiter, wo sie am Abend eintrafen. Die Geiseln aus arabischen Ländern flogen umgehend in ihre Heimatländer, die Lufthansa-Maschine traf am folgenden Tag mit den übrigen Passagieren in Frankfurt ein. Die libyschen Behörden ließen die Terroristen untertauchen. In der arabischen Welt wurden sie als Helden gefeiert.
Am 30. Oktober, dem Tag nach der Entführung, fand die Sitzung des Ständigen Ausschusses des Bundestages unter dem Eindruck einer neuen Lage statt: Die drei Täter von München waren frei. Bundeskanzler Brandt versprach vollständige Aufklärung: Hier soll niemand den Eindruck erwecken wollen, als ob nicht alles auf den Tisch gelegt wird. Genscher berichtete, nach der Entführung und der erpreßten Freilassung sei ein Motiv für die arabischen Terroristen entfallen. Es müsse jedoch berücksichtigt werden, daß ultraradikale Strömungen unter den Palästinensern in der Bundesrepublik infolge des - erzwungenen - Nachgebens ein geeignetes Objekt für erneute Erpressungsversuche sehen könnten. So steht es auf einem Sprechzettel, den Beamte für den Minister verfaßt hatten.
Vom Schwarzen September, der mutmaßlichen Terroreinheit der Fatah-Bewegung Yassir Arafats, war nicht mehr die Rede. Offenbar rechnete Bonn zumindest an dieser Front mit Ruhe. Zwar gab es weiter anonyme Drohungen. Deren Echtheit wurde aber von arabischer Seite mit dem Hinweis auf zionistische Provokationen bestritten. Der Radiosender Stimme der palästinensischen Revolution meldete, die palästinensischen Kommandos würden ihre Aktionen gegen die Bundesrepublik wegen der Kooperation Bonns einstellen.
Warum hat die Regierung nachgegeben? Es wäre sinnlos gewesen, nach all dem, was war, das Leben der Geiseln aufs Spiel zu setzen, sagt Merk heute. Er bereue die Entscheidung nicht. Auch Kinkel mag nicht von einer Ursünde im Umgang mit Terroristen sprechen. Es habe sich um eine Einzelsituation gehandelt, die Fürsorgepflicht des Staates habe im Vordergrund gestanden. Horst Grabert, der Ehmke Ende 1972 als Kanzleramtschef nachfolgte, verweist auf Brandt. Dieser habe - anders als Helmut Schmidt (SPD), dessen Kanzlerschaft in noch größerem Ausmaß durch den Terrorismus geprägt wurde - nie die Hoffnung gehabt, daß Härte irgend etwas bewirken könne. Brandt habe nicht an Prinzipien, sondern an Humanität geglaubt.
Ungerechtfertigte Vorwürfe
Die Hoffnung, fortan von arabischen Gewalttaten verschont zu werden, war verbreitet. Und die Kritik aus Israel war kalkulierbar - war nicht auch Jerusalem zwei Jahre zuvor auf Forderungen von Terroristen eingegangen und hatte, während des Schwarzen Septembers in Jordanien, palästinensische Gefangene auf freien Fuß gesetzt, um als Geiseln genommene El-Al-Passagiere zu befreien? Noch am 29. Oktober war Außenminister Scheel (FDP) beauftragt worden, diplomatische Vorbereitungen zur Absicherung einer Freilassung zu treffen.
Tatsächlich folgte die bis heute schwerste Krise in den deutsch-israelischen Beziehungen. Kapitulation vor Terroristen, hieß es in Jerusalem. Außenminister Abba Eban sprach von einem Schlag gegen die Würde der Opfer von München. Brandt äußerte Verständnis für die Kritik, fügte aber hinzu: Ungerechtfertigte Vorwürfe können wir jedoch nicht hinnehmen. Die Bundesrepublik Deutschland befindet sich nicht im Kriegszustand - wie Israel, meinte er. Hintergrund dieser Aussage war die Sorge, das Verhältnis zur arabischen Welt könnte sich verschlechtern.
Dieses war seit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik 1965 gestört. Hans-Jürgen Wischnewski, ein Sozialdemokrat mit Verbindungen in die arabische Welt, bemühte sich um die Verbesserung der Beziehungen. Ein Strafprozeß gegen die drei Palästinenser hätte wichtige Exportländer und ebenso wichtige Öllieferanten gegen Bonn aufgebracht. Daß die Bundesregierung dies im Blick hatte, bestätigt das Verhalten des Außenministers: Scheel verlangte nach Landung der Lufthansa-Maschine in Tripolis vom libyschen Staatschef Gaddafi zwar die Bestrafung der drei Terroristen, nicht aber deren Auslieferung. Im Februar 1973 berichtete der deutsche Botschafter in Beirut erfreut: Nach München sei ein negatives Bild der Bundesrepublik in der arabischen Presse gezeichnet worden. Wegen des persönlichen Moments und der emotionalen Begründung werde die Pressekampagne aber ohne nachhaltige Wirkung bleiben: Die überraschend schnelle Tendenzänderung in der Kommentierung nach der Freilassung der palästinensischen Untersuchungshäftlinge scheint dies zu bestätigen.
Strafprozeß mit vielen Risiken
Zu den außen- und handelspolitischen Interessen der Bundesrepublik kamen andere hinzu: Ein Prozeß gegen die drei Terroristen hätte das Desaster von Fürstenfeldbruck abermals lebendig werden lassen. Konnte man überhaupt sicher sein, die drei wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilen zu können? Was wäre gewesen, wenn medizinische Gutachten ergeben hätten, daß ein israelischer Sportler nicht durch die Terroristen, sondern im Chaos der Nacht auf den 6. September durch eine verirrte Kugel aus einem deutschen Polizeigewehr getötet wurde? Merk weist derlei Überlegungen zurück: Wir hatten nichts zu verbergen. Und Kinkel, Verfasser einer Dokumentation des Überfalls von München, verweist auf seinen Bericht. Darin heißt es: Nach den Sektionsprotokollen sind alle in den Körpern der Geiseln und in den Hubschraubern vorgefundenen Geschosse Eisenkerngeschosse, wie sie nur von den Terroristen verwendet wurden. Doch hätte bewiesen werden können, daß die drei Angeklagten auch die Schützen waren? Genscher: Solche Erwägungen haben für mich keine Rolle gespielt. Das gleiche gilt - soweit ich das beurteilen und erinnern kann - auch für den damaligen Bundeskanzler.
Schon am 30. Oktober 1972 mutmaßte die Beiruter Zeitung L'Orient - Le Jour, die Entführung sei mit deutschem Wissen erfolgt. Sie verwies auf die geringe Zahl der Passagiere: Nur dreizehn Fluggäste seien an Bord der Linienmaschine gewesen, neun davon Araber, zwei Amerikaner, ein Franzose und ein Deutscher, allesamt Männer - keine Frauen und Kinder. Anfang November sprach die britische Presse von einem abgekarteten Spiel und berief sich auf israelische Sicherheitsdienste. Danach soll der Bundesnachrichtendienst nach dem 5. September in Rom Kontakt zum Schwarzen September aufgenommen haben. Ziel sei es gewesen, die drei Palästinenser loszuwerden, um einen Terrorfeldzug gegen die Bundesrepublik zu verhindern. Ist es vorstellbar, daß die deutsche Seite den Arabern signalisiert hat: Wir wissen, daß ihr früher oder später ein Flugzeug entführen werdet. Wir wissen, was ihr wollt. Warum entführt ihr nicht diese oder jene Maschine, garantiert die Unversehrtheit der Geiseln und bekommt im Gegenzug eure Leute zurück?
Ein Abkommen mit den Terroristen?
Der damalige Mossad-Chef Zwi Zamir, der an der Zusammenstellung des Liquidationskommandos beteiligt war, dem in den folgenden Jahren zwei der drei überlebenden Münchner Terroristen zum Opfer fallen sollten, sagt nun dieser Zeitung: Es ist klar, daß es ein Abkommen zwischen den Deutschen und dem Schwarzen September gab. An Einzelheiten, etwa ob seine Leute den BND in Italien beobachtet hatten, könne er sich nicht erinnern.
War die Auseinandersetzung zwischen deutschen Behörden und dem Vorstandsvorsitzenden der Lufthansa, Herbert Culmann, der die drei Terroristen von München aus ausgeflogen und diese - entgegen der Anweisung des Münchner Krisenstabs - in Zagreb freigelassen hatte, ohne zu wissen, ob die Entführer ihrerseits von Besatzung und Passagieren lassen würden, nur künstlicher Nebel einer inszenierten Entführung? Oder gar Teil eines Plans, in dem Culmann Münchner Anweisungen mißachtete und heimliche Direktiven aus Bonn oder Pullach befolgte? Eine vom Bundesverkehrsministerium geführte Untersuchung und Ermittlungen der Münchner Staatsanwaltschaft wegen Gefangenenbefreiung gegen Culmann wurden eingestellt. Von Kommunikationsstörungen war die Rede, die Funkverbindung zwischen Zagreb und München sei abgebrochen. Der Lufthansa-Chef, der sein Handeln als übergesetzlichen Notstand rechtfertigte, ist 1998 gestorben. Nach den Ereignissen des Jahres 1972 blieb er noch zehn Jahre in seinem Amt.
Großer Quatsch“
Andere Verantwortliche weisen die Mutmaßung zurück, es habe zwischen Bonn und den Terroristen Absprachen gegeben. Merk spricht von grobem Unfug. Ehmke nennt das heute noch großen Quatsch, Kinkel, später auch BND-Präsident, sagt: So etwas tun Staaten nicht. Doch gab es auch andere Stimmen, darunter auch solche, die mittlerweile wieder verstummt sind. Ulrich Wegener, seinerzeit Verbindungsoffizier des Bundesgrenzschutzes im Ministerbüro Genschers, später Gründer der Antiterroreinheit GSG 9, soll gesagt haben, Bonn habe geglaubt, die Regierung könne Terroristen durch Zugeständnisse loswerden. Später bestritt er, solches gesagt zu haben. Seither äußert er sich gar nicht mehr dazu. Grabert sagt, er schließe aus, daß oberste Organe des Bundes an der Entführung beteiligt gewesen seien. Der Sozialdemokrat, der im Kanzleramt Beauftragter für die Geheimdienste war, beläßt es bei Andeutungen: Da passieren Dinge, die kann man sich nicht vorstellen. Hintergrund solcher Aussagen ist der immer noch vorhandene Groll darüber, daß der BND - entgegen seinen Befugnissen - nach der Regierungsbeteiligung der SPD 1966 etwa den Deutschlandpolitiker Egon Bahr belauschte, daß überhaupt hohe Beamte aus Graberts Sicht auch nach dem Machtwechsel 1969 nicht den neuen sozialdemokratischen Herren dienen wollten.
Hans-Jochen Vogel, zum Zeitpunkt der Ereignisse bereits nicht mehr Münchner Oberbürgermeister und noch nicht Bundesjustizminister im Kabinett Brandt, verweist auf eine Geste, die dieser machte, wenn er mit der Frage nach den Hintergründen der Entführung konfrontiert wurde: Brandt zuckte mit den Schultern. Vogel deutete diese Geste als Mehr kann ich nicht sagen und nicht tun. Egon Bahr, der wohl über Jahrzehnte engste Mitarbeiter Brandts und seinerzeit Staatssekretär im Kanzleramt, äußert sich erstmals zu den Ereignissen und interpretiert die Geste so: Ich kann es nicht ausschließen. Ich kann aber nicht drüber reden. Dann sagt Bahr: Operative Entscheidungen, wie die Bedingungen einer Freigabe Gefangener, seien nicht im Kanzleramt gefällt worden. Wenn der BND die Finger im Spiel hatte, hätte er sich nicht an Ehmke gewandt, obwohl der Kanzleramtsminister der eigentliche Ansprechpartner gewesen wäre. Das Verhältnis BND/SPD war seit den späten sechziger Jahren arg gespannt. So etwas wäre über das BMI gelaufen, das Innenministerium also. Also hätte sich der Minister an Brandt gewandt und gesagt: ,Es gibt einen Weg, wie wir aus der Sache rauskommen. Die Dienste haben einen Weg gefunden.' Genscher weist die Darstellung zurück: Der BND unterstand der Dienstaufsicht des Bundeskanzleramtes und nicht der des Bundesministers des Innern. Ich habe auch in dieser Angelegenheit keinen Kontakt mit dem BND gehabt.
Die Akten seines Ministeriums, die die Flugzeugentführung betreffen, sind - vom 29. Oktober bis zum 1. November - weiterhin, auch nach Ablauf der üblichen Frist von 30 Jahren, Verschlußsache. Auch die Akten der bayerischen Behörden sind noch nicht ans Hauptstaatsarchiv in München übergeben worden.
Text: F.A.Z. 09.11.2006
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb
Der Schrecken der ![]()
Internationaler Finanzmarkt: Keine Eile mit dem Ausstieg
Risikospiele in der Fußball-Oberliga: Kleine Stellvertreterkriege