Kommentar Papst Rede in Regensburg am 12. 9. 2006-09-23
Die Regensburger Rede Ratzingers ist sehr gut. Außerordentlich wissenschaftlich ausgearbeitet und dennoch allgemeinverständlich. Wenn wir von Wissenschaft reden, greift man die Kontroverse auf. So werden einige Punkte in dieser Ansprache hinterfragbar sein:
Was für ein Begriff der Vernunft ist hier am Werk? Das Vernunftverständnis, das Ratzinger benutzt wird spätestens in den Absätzen deutlich, in denen die Enthellinisierung der Symbiose der griechisch-philosophischen Vernunftidee mit dem christlich-monotheistischen Glauben bedauert wird. Die Protestantische Reformation teilt dieser Symbiose den ersten Hieb aus. Dieser protestantische Glaube wird als antiphilosophisch, spezifisch als antigriechisch gedeutet: Der hellenistisch-philosophisch ausgeformte „Glaube erschien (der protestantischen Theologie RA) nicht mehr als lebendiges geschichtliches Wort, sondern eingehaust in ein philosophisches System.“ Sicherlich ist diese Sicht aus vielen Stellen bei Luther und Calvin zu belegen. Und es ist auch innerhalb des Protestantismus ganz klar, wie verheerend eine solche pauschale Kritik der Vernunft gewirkt hat und heute noch wirkt. Das könnte vielfach, ja fast universell belegt
Den Evolutionsprozess-Logos operational und politikprojektfähig zu fassen, wäre die Aufgabe der aufgeklärten Wissenschaftsgemeinde. Sie müßte von der naheliegenden Frage nach dem alles Sein organisierenden Evolutionsziel ausgehen, d.h. von die Aussagen von Kardinal Schönborn/Ratzinger ausgehen. Soweit stimmt der Verfasser mit beiden Herren überein.
Die Wissenschaftsgemeinde vertritt aber durchgehend die lt. Schönborn/Ratzinger 'unvernünftige' These von einem ziellosen Evolutionsprozess. Die christlichen Evolutionprozessdenker Schönborn/Ratzinger müßten also mit Außenseitern vorlieb nehmen, z. B. mit dem Verfasser dieser Lesermeinung, der sich als kreativer Evolutionär begreift und nach den Erkenntnissstand der Chaosphysik (= Wirkungsphysik in hochkomplexen Wechselwirkungssystemen, die kleinste Geniepunktanderung mit emergenten Ergebnissen - z.B. mit neuen gesellschaftlichen Ordnungen - beobachtet) handelt.
Die Kooperation mit mir enthält ein Risiko für meine potenziellen Gesprächspartner: es gibt schon eine Wirkungsgeschichte meines Erkenntnisstandes. Und wenn man mit dem wohl einzigen evolutionslogischen Wahrheitskriterium mißt, dann ist das Wirkungspotenzial des und das Handeln am erkannten Geniepunkt entscheidend.
Die intellektuell brillante Vorlesung des Papstes vom 12. September 2006 enthält einen Schönheitsfehler. Man kann nicht am 10. September in München die "Ehrfurcht vor dem, was dem Anderen heilig ist" predigen und zwei Tage später aus dem Hinterhalt eines Zitats dem Islam "in erstaunlich schroffer Form" vorhalten, dass Mohammed "nur Schlechtes und Inhumanes" gebracht habe. Wenn man mit unaufgeklärten Religionen einen (notwendig kritischen) Dialog führen will, muss man die falsche Prämisse aufgeben, daß jeglicher Unsinn unkritisierbar wird, sobald er sich religiös vermummt und Heiligkeit für sich beansprucht. Schon Albert Schweitzer wusste es besser: "Darum ist im Namen der Religion zu verlangen, daß jeder über sie denken und reden dürfe, wie er will. Auch das Frivolste kann ihr nichts anhaben. ... An dem Beispiele Jesu zeigt sich, daß leidenschaftliche Verurteilung einer bestehenden Religion durch ein höheres religiöses Ideal eingegeben sein kann" (aus: Wir Epigonen, München 2005, Kap. VII). Wer konsequent im Sinne aufgeklärter, europäischer Vernunft argumentiert, braucht sich dann hinterher auch nicht zu entschuldigen.
Ausgangspunkt meiner These 'Benedikt fällt hinter Goethe zurück' ist mein Wissen, dass eine Evolutionsprozesstheorie möglich ist, die auch jene evolutionäre Wirklichkeit umfasst, die Benedikt als 'lebendigen Gott, ...den Ursprung und Ziel menschlichen Lebens' bezeichnet, von dem her also der Evolutionsprozess insgesamt ORGANISIERT und damit geordnet ist.
Bisherige Evolutionstheorie bildet diese Gottesdimension nicht ab. Von Kardinal Schönborn/Ratzinger ( 'die Evolution ist nicht ziellos, sondern zielorganisiert' ) wird den Evolutionswissenschaftlern diese Lücke vorgehalten.
Da das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile müssen politische Eingriffsversuch ohne ein Evolutionsprozess-Modell im Konflikt mit der Gesamtprozesslogik (= Evolutionsprozess-Vernunft) stehen und früher oder später in die Systemkrise führen. Insofern trifft Benedikts Kritik 'Das geht nicht auf' zu.
Die von mir zitierte 'Steuerungssystemtheorie ..' schließt diese 'Gottes'-Lücke geistig und erlaubt u.a. das ORDOliberale Wirtschaftsmodell zu einem Liberalismus-der-Vorherrschaft-des-Kreativen' über dem Konfliktkampf zu erweitern.
Eine Start-Version dieser kreativ-liberalen Wirtschaftsordnung haben Putin/German Gref im Mai 2000 beschlossen.
Viele haben uebersehen, dass der Papst auch seinen evangelischen Dialogpartnern eine ganz grosse Herausforderung vorgelegt hat. Denn in seinem Schema der drei Enthellenisierungswellen kommt ja die protestantische Reformation des 16. Jhdt.s ganz oben zu stehen. Man fragt sich: bauen diese Wellen auf einander auf, ist somit die Reformation am Ende am Leiden des atheistischen Westens heute schuld -- und verfuegte die Reformation selbst auch ueber eine "ungenuegende" Verhaeltnisbestimmung von Vernunft und Glauben, die sie in grosse Naehe zum "irrationalen", willkuerlichen und gewalttaetigen islamischen Glauben zieht?
Als Glied der lutherischen Kirche kann ich mir da nur den Kopf kratzen. Denn zwar lehnte Luther ein uebermaessiges Vertrauen der damaligen Kirche auf ausser- und nachbiblische Autoritaeten ab; er und seine Nachfolger verwarfen sie aber nicht wie Ad. von Harnack -- in Bausch und Bogen!
Ueberhaupt: wie kann der Papst ueber "Glaube und Vernunft" dozieren, Jesus Christus, den inkarnierten Logos, aber nur im Zusammenhang mit Harnacks Suche nach dem "Menschen Jesus" nennen? Muss man im Religions-Dialog von der Inkarnation absehen und vom goettl. Logos, von Vernunft, an sich sprechen? Das war genau das Problem im 16. Jdht.
Versuchen Sie mal bei Popper das "Abgrenzungsproblem" zu lesen, Frau Lotz;
Sie werden feststellen, dass bis in die heutige Zeit bzw. bis zum Popperschen Neopositivismus die (gewollte) Ausgrenzung der methaphysischen Erkenntnis (also z.B. der Glaubenserkenntnis) das Problem mit sich bringt, dass ohne eine Kriterium der Erkenntnisgewinnung keine vernunftorientierte Logik der Wissenschaft möglich ist. Die moderne Naturwissenschaft muss mit dem empirischen Erkenntnisgewinn zwangsweise das Experiment als abgrenzendes Kriterium zulassen. Psychologie oder historische Wissenschaften haben andere von ihren Methoden bedingte Kriterien.
Es liegt dabei stets in der Natur der Sache, dass - so gesehen - der Vernunftbegriff der Wissenschaften relativ ist. Natürlich ist der denkende Mensch in der Lage all seine Hypothesen kritisch zu hinterfragen.
Aus der "Vernunft" eine ultima ratio zu machen scheint vor diesem Hintergrund weniger verwerflich, als schlicht unmöglich zu sein.
Vielleicht kann ich auch deshalb überhaupt keinen Zusammenhang zwischen ihren vagen Begrifflichkeiten - die mir sehr emotional anti-katholisch, aber wenig rational gesteuert erscheinen - und dem exzellenten Diskurs des Papstes herstellen.
Naja, wohl nicht argumentativ hat Benedikt die von Ihnen als heute gültig behauptete, sich in der „Tat“ auflösende Systematisierungs-Vernunft angesprochen. Er hat drei „Ent-Hellenisierungen“ kritisiert: die „Sola-Scriptura“-Ablehnung der Metaphysik, die historisch-kritische Exegese und die Gleichsetzung von Subjekt und Schrift-Fundament. Zur ersteren sagt er: „In einer für die Reformatoren nicht vorhersehbaren Radikalität hat Kant…aus diesem Programm heraus gehandelt.“ Mir scheint, mit Kant mit seiner „experimentellen Vernunft“ liegen die Grundlagen der von Ihnen genannten „Steuerungssystemtheorie des Evolutionsprozesses“ schon vor, vielleicht auch mit der bei der historisch-kritischen Exegese genannten Naturwissenschaft.
Was ich nicht verstehe: was hat anderswo schon gewirkt etc.
Ich kann die standing ovations nach der sogenannten "Vorlesung" nicht nachvollziehen.
Um nur ein Beispiel zu nennen:
Das Konzept von Vernunft und Glaube nach Ratzinger übersieht die lange Tradtition der Trennung von ratio und intellectus in Philosophie und Theologie (basics für jeden Studierenden dieser Fächer). Sie reduziert die Vernunft auf das Experiment, verkennt ihren spekulativen Charakter. Die Vernunft war auch ohne Gott nie auf das Experiment oder Verstandestätigfunktionen reduziert. Never ever!
Alles läuft bei ihm darauf hinaus, daß nur der katholische Glaube interkulturelle Dialoge und eine sinnvolle (scholastisch-mittelalterliche) Universität ermöglicht. Alle Wissenschaften sind damit nicht mehr datenerhebend oder historisch-kritisch, sondern schlicht Hilfswissenschaften der Theologie.
Wie kann man nur eine solche monokausalistische, die Geistesgeschichte an mehreren Stellen aufs dreisteste verfälschende Propaganda für das eigene Reevangelisierungsprogramm als "Vorlesung" bezeichnen. Wie kann man da nur an einer Uni aufstehen, applaudieren und jubeln.
Die Tatsache, dass die Abkoppelung des Glaubens von der Vernunft im Zeitalter der Aufklärung zu Erscheinungen wie dem "wissenschaftlichen" Rassismus, zum Marxismus/Leninismus/Stalinismus bis hin zur "Maobibel" geführt haben mit Folgen, die wir alle kennen, verleiht dem Inhalt der Vorlesung des Papstes besonderen Nachdruck.
Meines Erachtens erzeugt jede ausschließlich wissenschaftliche Sichtweise der Welt automatisch Ideologien, verbunden mit dem Drang der Ideologen, sich durchzusetzen. Das geht nur durch Radikalisierung. Dies ist genau so gefährlich wie die Radikalisierung religiöser Lehren, also des Glaubens, denn hier wird der Glaube von der Vernunft abgekoppelt. Auch dem hat der Papst mit deutlichen Worten eine klare Absage erteilt.
Erwin Sailer
Benedikt XVI. bleibt hinter Goethe zurück, wenn er Gottesglaube und Vernunft als die unverzichtbaren Quellen eines humanen Ethos und der gesellschaftlichen wie menschlichen Vervollkommnung postuliert.
Die (evolutionszielführende, schöpferische) Genialität-in-den-Dingen, die Goethe vor Augen stand, und die Wirkung einer Evolutionsprozesstheorie, die diese Evolutionsgenialität den Menschen verfügbar macht und so das freie Spiel aller Akteure auf die höhere Effizienzstufe einer gesellschaftlichen Ordnung des Schöpferischen heben wird, scheinen Benedikt XVI. unbekannt zu sein.
Offensichtlich wurden ihm das weltliche Evangelium in der Form einer 'Steuerungssystemtheorie des Evolutionsprozesses' noch nicht zugeleitet. Goethe kam ihrem Inhalt sehr nahe: mit seiner Formulierung der Naturprinzipien 'Steigerung' und 'Polarität', mit seiner Logosübersetzung 'Tat' und mit seinem Wahrheitsbegriff 'der höchste Grad wechselseitiger Entwicklung ist wahr'.
Sie hat anderswo schon gewirkt. Abwehrreaktionen von informierten Machtspitzen und die Implementierung der nationalen Basisversion einer evolutionären Wirtschaftsordnung sind recherchierbar.
Wir werden bei Goethe anknüpfen können, um die Weltordnung des Schöpferische einzurichten.