Von Professor Dr. Karl-Heinz Kohl
Wahrscheinlich gibt es kaum ein Feld, auf dem interkulturelle Missverständnisse eine ähnlich große Rolle spielen wie auf dem der Religion. Das gilt insbesondere für die praktischen Religionsausübungen. Denn fremde Religionen werden zunächst rein äußerlich wahrgenommen, nämlich anhand ihrer rituellen Handlungen. Allerdings erschließt sich dem Außenstehenden der Sinn dieser Handlungen keineswegs von selbst. Es ist noch nicht einmal sicher, dass er ihren religiösen Gehalt überhaupt erkennt. Ein Gebetsritual, das aus dem mehrmaligen Niederwerfen des Oberkörpers und der Berührung des Bodens mit der Stirn besteht, könnte aus der Fremdperspektive ebenso gut als Turnübung gedeutet werden. Für die Anhänger einer Religion haben die Rituale dagegen den Charakter von kulturellen Selbstverständlichkeiten. Man befolgt sie, ohne sich über ihren Inhalt und ihre Funktion allzu große Gedanken zu machen.
Der von außen kommende Beobachter wird die fremden rituellen Übungen und Glaubensüberzeugungen anfangs auf diejenigen beziehen, die ihm aus seiner eigenen Religion bekannt sind. Das Bild der fremden Religion, das er auf diese Weise entwirft, wird daher vom Selbstbild der Anhänger dieser Religion notwendig abweichen. Werden sie mit diesem Fremdbild konfrontiert, dann ermöglicht es ihnen allerdings auch, sich der Aspekte ihrer Religion bewusst zu werden, die sie selbst bis dahin kaum wahrgenommen hatten. Zu Prozessen dieser Art ist es im Verlauf der Geschichte der christlichen Mission immer wieder gekommen.
Die Fremdwahrnehmung christlicher Praktiken und Glaubensvorstellungen durch die Angehörigen von Lokalreligionen erlaubt es uns, einige der für Außenstehende auffälligsten Züge unserer Religion zusammenzustellen. Sie erweisen sich als die eines uns selbst unbekannten Christentums. Ihre Deutungen mögen uns als kurios und exotisch, in manchen Fällen auch als empörend erscheinen. Doch handelt es sich letztlich um höchst produktive Missverständnisse. Sie liefern eine der möglichen Erklärungen dafür, weshalb das Christentum unter allen missionierenden Weltreligionen bis heute die erfolgreichste ist.
Die Mission war von Anbeginn an nicht nur ein integraler Bestandteil, sondern auch ein wichtiger Stimulus für die koloniale Expansion Europas. Noch vor der Entdeckung Amerikas waren im Gefolge der ersten portugiesischen Kolonialunternehmungen an der westafrikanischen Küste christliche Missionare im Gebiet der Kongomündung und des Kongobeckens auf Völker gestoßen, die bis dahin noch nie mit den Europäern und deren Religion in Berührung gekommen waren. Die Berichte aus dem 15. und 16. Jahrhundert zeigen, dass die Bevölkerung dieser Region von dem besonders beeindruckt war, was man als den für das Christentum charakteristischen Reichtum an materiellen Verkörperungen des Heiligen bezeichnen kann.
Der erste afrikanische Bischof
Schon mit der ersten Gesandtschaft des Königs von Portugal an Nzinga Nkuwu, den Herrscher der Bakongo, waren in dessen Reich große Mengen von Kreuzen, Kirchengerät und Bildern gelangt. Die Monstranzen, Weihrauchgefäße und Rosenkränze, vor allem aber die Heiligenstatuen und Reliquiare erregten unter den Einheimischen offensichtlich großes Aufsehen, Letztere deshalb, weil sie ihren eigenen Ahnenstatuen und sakralen Objekten äußerlich glichen, ihnen also in ihrer Wirkmacht vertraut schienen.
Offensichtlich brachte man die waffentechnische Überlegenheit der weißen Eindringlinge mit der größeren Wirkmächtigkeit ihrer Zauberfiguren in Verbindung. Anders lässt es sich kaum erklären, dass die portugiesischen Missionare die traditionellen heiligen Gegenstände der Bakongo - deren Fetische und Idole, wie es in zeitgenössischen Quellen heißt - mit Unterstützung des einheimischen Königs einsammelten und in großen Autodafés verbrannten, um den Untertanen seines Reiches stattdessen Heiligenbilder und Kruzifixe zu geben. Auch Reliquien und Reliquiare scheinen im Tauschhandel mit heiligen Gegenständen eine gewichtige Rolle gespielt zu haben. Die beachtlichen Ergebnisse, die die Arbeit portugiesischer Missionare im Kongogebiet in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts erzielen konnte, haben sich daher nicht unwesentlich den prachtvollen und von den Einheimischen wohl eher magisch interpretierten Kultgegenständen der Kirche verdankt.
Um 1490 war der erste Bakongo-Herrscher zum Christentum übergetreten, und schon dreißig Jahre später wurde der Sohn des Bakongo-Königs Afonso I. von Papst Leo X. zum ersten afrikanischen Bischof geweiht. Freilich sollte es dann mehr als zweieinhalb Jahrhunderte dauern, bis ein weiterer Afrikaner in die höchsten Ränge des katholischen Klerus aufstieg. Denn im Kongoreich zerfiel das Christentum fast eben so schnell wieder, wie es sich seit den ersten Kontakten mit den portugiesischen Missionaren ausgebreitet hatte.
Es verschwand aber nicht restlos, sondern hinterließ in den lokalreligiösen Überlieferungen seine Spuren. Ethnologen sind sich heute weitgehend darüber einig, dass die berühmten Nkisi Nkondi der Yombe wie auch die sogenannten Fetischfiguren anderer Bevölkerungsgruppen dieser Region von christlichen Kultgegenständen beeinflusst worden sind. Der Spiegel auf dem Bauch dieser Statuen verweist auf die Monstranz, ihre magische Ladung, zu deren wichtigsten Bestandteilen Überreste eines mächtigen Toten zählen, lässt Reliquiare als Vorbilder erkennen, und die Nägel, mit denen der Leib der Figuren übersät ist, sind verschiedentlich auf Darstellungen des Gekreuzigten zurückgeführt worden.
Reichtum an Bildern
Dem Reichtum an Bildern und materiellen Verkörperungen des Heiligen, dessen Kritik während der Reformation bekanntlich zu den Auswüchsen der Bilderstürmerei geführt hat, entspricht in der römisch-katholischen Kirche ein fast ebenso großer Reichtum an heiligen Zeremonien. Mit den sieben Sakramenten verfügt die katholische Kirche über ein breites Repertoire religiöser Rituale, die sich auf alle wichtigen Abschnitte des Lebens beziehen. Das Tauf-, das Firm- und das Ehesakrament markieren Übergänge in neue Lebensabschnitte, Krankensalbung und Bußsakrament beziehen sich auf individuelle Lebenskrisen, die Priesterweihe auf die Trennung von profaner und sakraler Sphäre und die Eucharistie auf die Einheit der Gemeinde in Erinnerung an das Opfer Jesu. Hinzu kommen Gottesdienstliturgie, gemeinsamer Gesang, Segnung, Rosenkranzbeten, Besprengen mit Weihwasser, Kniefall, Bekreuzigen und andere kleinere rituelle Handlungen. Der Reichtum dieses Repertoires wird evident, wenn man es mit dem weit geringeren Ritualinventar des Islams oder auch mit der Reduktion des ursprünglichen Bestands an religiösen Handlungen in den aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen vergleicht.
Ähnlich wie die materiellen Kultgegenstände sind auch die zahlreichen Rituale der katholischen Kirche in der Fremdwahrnehmung immer wieder zum Anlass von Missverständnissen geworden. Beispiele hierfür finden sich in den Berichten der französischen Jesuitenmissionare, die seit dem 17. Jahrhundert in Kanada tätig waren. So haben Irokesen und Huronen viele Handlungen der katholischen Geistlichen offensichtlich als schamanistische Heilungsrituale gedeutet. Das traf insbesondere auf die Krankensalbung, das Gebet am Krankenlager, das Besprengen mit Weihwasser und auf die häufig vorgenommenen Exorzismen zu. Die Priester wurden mit den traditionellen Medizinmännern auf eine Stufe gestellt und sahen in diesen denn auch ihre Rivalen.
Die Macht des klassischen Schamanen ist freilich ambivalent. Er vermag nicht nur zu heilen, sondern auch zu schaden. Dieser negative Aspekt wurde ausgerechnet auf das Sakrament der Taufe übertragen, was freilich an den Missionaren selbst lag. Da die französische Jesuitenmission in Kanada nicht sonderlich erfolgreich war und man nur selten Erwachsene zum Übertritt bewegen konnte, die Patres aber hohe Taufzahlen an ihre Oberen melden wollten, gingen sie in vielen Fällen dazu über, moribunde Alte und schwerkranke Kinder zu taufen. Die Indianer selbst haben die Taufe daher oft in eine kausale Beziehung zum bald darauf eintretenden Tod des Getauften gesetzt. Aus diesem Grund gingen die Priester bald dazu über, sich die Taufe regelrecht zu erschleichen, sei es, indem sie ein Taschentuch oder ihren Rockschoß mit dem Taufwasser tränkten, oder sei es, indem sie mit einem Schneeball an das Bett der Sterbenden traten. In den Berichten der Jesuiten wird daher häufig erwähnt, dass die Mütter ihre kranken Kinder der Taufe zu entziehen versuchten, mit ihnen in die Wälder flüchteten und sie dort vor dem todbringenden Wasser der Priester versteckten.
Riten in der Wildnis
Dies waren aber eher Ausnahmen. Ansonsten stellten die selbst inmitten der Wildnis mit einigem Prunk begangenen Riten des Christentums sicherlich einen besonderen Attraktionspunkt der neuen Religion dar. Zu einem großen Teil waren es rituelle Handlungen, die sich auf die Elementarformen des Lebens bezogen und daher aus sich selbst heraus verständlich waren. Sie bedurften keiner Übersetzung, da sie sich auf den indigenen Riten gewissermaßen abbilden ließen.
Einer der in Kanada tätigen französischen Jesuiten, der als einer der Begründer der Ethnologie angesehene Pater Joseph François Lafitau SJ, ging den umgekehrten Weg. Da ihm die erstaunliche Parallelität, ja sogar Identität religiöser Rituale in aller Welt auffiel, glaubte er, als deren Grundform die von Gott selbst mit der Uroffenbarung gegebenen heiligen Sakramente dechiffrieren zu können, die im Verlauf der Menschheitsgeschichte freilich zunehmend depraviert sei, um erst wieder mit der Offenbarung Christi ihre ursprüngliche Form zu erhalten. Die Belege für diese These suchte er in seinem die moderne Religionsforschung begründenden Werk Moeurs des Sauvages Amériquains comparées aux moeurs des premiers temps durch eine Zusammenstellung und einen systematischen Vergleich von Kulthandlungen nahezu aller Völker der Welt, der historischen wie der gegenwärtigen, zu erbringen.
Diese negative Wahrnehmung des Christentums war aber wohl nur eine Ausnahme. Ansonsten machten die selbst inmitten der Wildnis mit einigem Prunk begangenen Riten des Christentums die neue Religion sicherlich besonders attraktiv. Zu einem großen Teil waren es rituelle Handlungen, die sich auf die Elementarformen des Lebens bezogen und daher aus sich selbst heraus verständlich waren. Sie bedurften keiner Übersetzung, da sie sich auf den indigenen Riten gewissermaßen abbilden ließen.
Unter Kannibalismusverdacht
Initiations-, Übergangs- und Heilrituale sind universal verbreitet. In anderen Religionen Parallelen zur Eucharistie zu finden, dem wichtigsten christlichen Sakrament, ist dagegen entschieden schwerer. Tatsächlich ist das Messopfer von Außenstehenden oft als das große Skandalon des Christentums angesehen worden. Schon im alten Rom wurde es zum Anlass, den frühen Christen das Betreiben von bizarren Kulten vorzuwerfen. Noch im dritten Jahrhundert urteilte der Neuplatoniker Porphyrius in seinen Äußerungen gegen die Christen: Ist denn dies nicht tierisch und widersinnig, ja vielmehr widersinniger als aller Widersinn und tierischer als tierische Rohheit, dass ein Mensch Menschenfleisch essen und seines Stammesgenossen und Verwandten Blut trinken und dafür das ewige Leben bekommen soll? . . . Welch ein Verbrechen werdet ihr noch aufbringen, das fluchbeladener wäre als diese ekelhafte Ruchlosigkeit?
Außenstehende haben solche Anschuldigungen auch später immer wieder gegenüber den Christen erhoben. Die Identifikation des Abendmahls mit menschenfresserischen Praktiken durch die Angehörigen der Gesellschaften, denen wiederum die Europäer Kannibalismus vorgeworfen hatten, begleitet auch noch die neuzeitliche Missionsgeschichte. Für Afrika ist sie bis in das späte 20. Jahrhundert hinein belegt.
Die Kölner Ethnologin Heike Behrend hat erst vor wenigen Jahren für Uganda einen solchen Fall dokumentiert. Oft taucht der Kannibalismusvorwurf in Ostafrika im Zusammenhang mit Hexereivorstellungen auf. Zum Wesen bösartiger Zauberer und Hexen gehört nach der Überzeugung vieler Einheimischer auch ihre Vorliebe für Menschenfleisch, aus dessen Verzehr sie einen Teil ihrer magischen Kraft beziehen sollen. Die Standhaftigkeit der christlichen Geistlichen gegenüber den Angriffen der Hexer wird damit erklärt, dass sie über eine weit größere magische Macht verfügten, weil sie nicht einfaches Menschenfleisch, sondern den Leib und das Blut des Gottessohns selbst zu sich nähmen. Dass diese Vorstellungen vor allem mit katholischen Priestern in Verbindung gebracht werden, erklärt sich weniger aus einer Kenntnis der Transsubstantiationslehre der katholischen Theologie als aus der Beobachtung, dass in der Kirche allein den Priestern das Privileg des Abendmahlskelches zusteht.
Indes stellt der Kannibalismusverdacht nur die Kehrseite eines Zuges des Christentums dar, den ansonsten gerade frisch Konvertierte als sehr positiv einschätzen. Nahrungstabus spielen nicht nur in allen großen Weltreligionen eine Rolle - man denke an das Rind im Hinduismus, an das Verbot des Verzehrs von Schweinefleisch in Judentum und Islam oder an die buddhistischen Askeseformen -, sondern sind in Verbindung mit totemistischen Vorstellungen auch in zahlreichen Lokalreligionen zu finden. Das Christentum ist die einzige missionierende Weltreligion, die keine solchen Nahrungsvorschriften kennt, ja die Verbote des Alten Testaments sogar ausdrücklich aufgehoben hat.
Die zweigeschlechtliche Höchste Gottheit
Von islamischer Seite ist gegenüber dem Christentum immer wieder vorgebracht worden, dass es keine monotheistische, sondern eigentlich eine polytheistische Religion sei. Tatsächlich wird die Gottheit im Christentum in dreierlei Gestalt bildlich verehrt. Außenstehenden das Wesen der Dreifaltigkeit zu erklären setzt zweifellos viel Geduld voraus, und zwar auf beiden Seiten. Wenn auch nicht im kirchlichen Dogma, so doch in der Praxis erfährt noch eine vierte Gestalt Verehrung durch die Gläubigen, nämlich die Gottesmutter Maria. Im volksreligiösen Glauben hat sie den Heiligen Geist, der ausgesprochen abstrakt und ohne eigentliche Verkörperung ist, sogar oft verdrängt.
Die Schwierigkeiten der Übersetzung des Gottesnamens in Lokalsprachen haben diese Deutung bisweilen noch verstärkt. Bei den lamaholotsprachigen Kulturen im Osten der indonesischen Insel Flores etwa ist traditionell ein duales Götterpaar verehrt worden, das den Namen Rera Wulan Tana Ekan trägt. Rera Wulan wird mit dem Himmel und dem Männlichen, Tana Ekan dagegen mit der Erde und dem Weiblichen assoziiert. Zusammen repräsentieren beide das Höchste Wesen, und die im Verlauf des Agrarzyklus stattfindenden großen Tieropfer dienen ihrer Vereinigung, aus der in periodischen Abständen die Fruchtbarkeit der Natur immer wieder von neuem hervorgeht. Diese wird im lokalen Pantheon wiederum durch die Reisjungfrau Tonu Wujo repräsentiert, die sich der Überlieferung zufolge ihren Brüdern selbst zum Opfer gab und aus deren Körperteilen der Reis hervorgegangen ist.
Auf der Suche nach einem Äquivalent für den christlichen Gottesbegriff haben die ersten katholischen Missionare auf die einheimische Bezeichnung für die zweigeschlechtliche Höchste Gottheit zurückgegriffen. Auch in die alten Kirchenlieder hat der Name Rera Wulan Tana Ekan Eingang gefunden. Für das theologische Verständnis der Einheimischen hat dies eine ganze Reihe von Folgen. Nominell sind sie zwar Katholiken, doch zelebrieren insbesondere die einflussreichen Dorfältesten weiterhin ihre überlieferten lokalen Rituale. Durch die Gleichsetzung der Namen der Gottheiten werden sie darin bestätigt, dass man im Grunde schon immer denselben Gott angebetet habe. Steht in der Bibel nicht, dass Gott sich zum Anfang der Zeiten allen Völkern offenbart hat?
Für die enger an den christlichen Glauben gebundenen jüngeren Kirchenbesucher ergeben sich aus der sprachlichen Gleichsetzung des zweigeschlechtlichen Gottes der alten Religion mit dem Gott des Christentums noch weiter gehende Konsequenzen. Denn durch sie verwandelt sich die Trinität gewissermaßen in eine Quaternität: Gottvater verkörpert das männliche, die Gottesmutter Maria das weibliche Prinzip, und beide Aspekte finden sich durch Vermittlung des Heiligen Geistes in der obersten, männlich-weiblichen Gottheit vereint.
Wo bleibt Jesus?
Wo aber bleibt Jesus? Das Christentum sei eigentlich nicht vollständig, so versicherte mir einmal einer meiner einheimischen Gewährsleute. Denn wo es einen Gottessohn gibt, da müsse es doch auch eine Gottestochter geben. Vollständig sei aber auch die Religion ihrer eigenen Väter nicht. Sie kannten zwar die göttliche Reisjungfrau, wo aber bliebe hier das männliche Prinzip? Beide Religionen würden sich insofern eigentlich ergänzen. Wie Jesus Christus sich für unser Seelenheil, so habe sich Tonu Wujo für unser leibliches Wohlergehen geopfert.
Die apologetischen Spitzfindigkeiten meines Gewährsmannes bringen einen weiteren Zug des Christentums zum Bewusstsein, der offensichtlich besonders hervorsticht, wenn man sich ihm von außen nähert. Zumindest in seiner katholischen Variante bilden die zentralen Figuren volkstümlicher Verehrung: Gottvater, Gottesmutter und Gottessohn, eine universell vorfindbare soziale Konstellation ab: die menschliche Kernfamilie. Fein gespürt wurde von meinem Gewährsmann auch das Ungleichgewicht in der Bestimmung dieses Geschlechterverhältnisses, das ja im Westen erst durch die feministische Theologie entdeckt worden ist und neuerdings so hohe trivialliterarische Wellen schlägt. Ihm erlaubte es, trotz aller Identifikation der alteingesessenen mit den von außen gekommenen Göttern, ein wichtiges Element der alten Religion zu bewahren.
In seiner Abhandlung über die Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten hat der große protestantische Kirchenhistoriker Adolf von Harnack das Christentum als eine durch und durch synkretistische Religion bezeichnet. Es handele sich dabei allerdings um einen Synkretismus besonderer Art, nämlich den der Universalreligion. Dem Christentum sei es gelungen, die Erlösungslehren und Mysterienkulte des Vorderen Orients, die ethischen Grundsätze der antiken Philosophie und die Institution eines streng hierarchisch gegliederten Priesterstands mit dem Monotheismus des Judentums zu verknüpfen. Damit nicht genug, habe es sich zusammen mit den Lokalkulten auch deren Rituale, Sakramentalien und Götter angeeignet. Mit neuen Masken versehen, hätten die alten Götter als Heilige und Nothelfer in die neue Universalreligion Eingang gefunden.
Der von Harnack beschriebene Prozess war mit dem dritten Jahrhundert noch nicht abgeschlossen. Im Verlauf seiner Ausbreitung in Europa, in Asien, in Afrika und der Neuen Welt hat sich das katholische Christentum zahlreiche weitere lokalreligiöse Elemente angeeignet.
Wenn in Afrika die verschiedenen Formen des katholischen Reliquienkults zu Zauberhandlungen in Beziehung gesetzt, in den sterblichen Überresten der Heiligen magische Ladungen gesehen und die Heiligenskulpturen mit Ahnenstatuen gleichgesetzt wurden, dann mag das zunächst befremden, obgleich es dem historischen Ursprung dieser sakralen Objekte durchaus entsprochen haben mag. Ähnliches gilt für die Heilwirkungen, die sich die indigenen Gesellschaften Nordamerikas von den Riten der Priester versprachen. Dass in den Marienkult zahlreiche Elemente der Verehrung vorderasiatischer Muttergottheiten Eingang gefunden haben, ist schon lange bekannt. Auch die Figur der sterbenden und wiederauferstehenden Sohnesgottheit war dem vorchristlichen Orient durchaus geläufig, wie es etwa die Kulte um Attis, Adonis oder Osiris zeigen.
So unterschiedlich die religiösen Traditionen der indigenen Völker im Einzelnen waren, so unterschiedlich waren die religiösen Elemente, denen ihre Aufmerksamkeit galt, wenn sie sich dem Christentum zuwandten. Das Frappierende allerdings bleibt, dass sich im katholischen Christentum, im Unterschied zu Judentum und Islam, zu nahezu jedem religiösen Brauch und jeder religiösen Vorstellung ein Gegenstück finden lässt.
Erst im Blick von außen wird die eigentlich fremde Herkunft der im Zug einer zweitausendjährigen Geschichte in das Überlieferungskorpus des Katholizismus integrierten Elemente deutlich. Die zahlreichen aus anderen Religionen übernommenen Züge haben das Eigene des Christentums, das im Sakrament der heiligen Eucharistie paradigmatisch zum rituellen Ausdruck gelangt, dennoch nicht überwuchert, sondern vielmehr zu dessen Universalisierbarkeit beigetragen. Genau hierin ist in einem streng säkularen Sinn das eigentliche Erfolgsgeheimnis der christlichen Religion zu suchen. Im rituellen Reichtum des Christentums Elemente des Eigenen wiedererkennen zu können macht seine große Attraktivität für die Anhänger von Lokalreligionen aus.
Eliminierung der Volksreligiösität
Die große Flexibilität, die die Übernahme, Aneignung und Integration zahlreicher vor- und nichtchristlicher Elemente in das Korpus christlicher Überlieferung erst ermöglichte, verdankte sich aber der Existenz einer straffen hierarchischen Organisation mit dem Papst an ihrer Spitze. Als höchste geistige Autorität wachte der Heilige Stuhl zwar streng über die Reinheit des Glaubens und der Lehre, konnte damit historisch aber zugleich eine große Offenheit gegenüber lokalreligiösen Gebräuchen verbinden.
In dieser Hinsicht machte der Papst zeitweise sogar erhebliche Zugeständnisse, wie es etwa die Auseinandersetzung über die Tätigkeit der Jesuitenmissionare in Japan im 17. Jahrhundert dokumentiert, deren Adaptation einheimischer Rituale in den Gottesdienst erstaunlich lange geduldet wurde. Umgekehrt konnten dank der straffen hierarchischen Organisation der Kirche die Schwarmgeister und Puritaner erfolgreich bekämpft werden, die sich gerade an der Existenz jener zahlreichen und in ihren Augen heidnischen Praktiken stießen.
Bezeichnend ist, dass in den protestantischen Kirchen ebenjene Offenheit immer mehr schwand. Das hatte sicher nicht nur damit zu tun, dass sich Luther, Zwingli und Calvin einer Wiederherstellung der urchristlichen Lehre und einer Reinigung des Christentums von allen paganen Verunreinigungen verschrieben hatten. Entscheidender war hierfür eher, dass in den protestantischen Kirchen an die Stelle der persönlichen Autorität des obersten Kirchenfürsten die Autorität der Heiligen Schrift getreten war. Die Demokratisierung insbesondere der reformierten Kirchen hatte zur Folge, dass bei der Auslegung der Schrift oft die radikalste Lesart die Oberhand gewann, ja mangels einer obersten Autorität sogar gewinnen musste. Gerade die Prophetenbücher des Alten Testaments mit ihrem strengen Bilderverbot und der Verwerfung zahlreicher ritueller Praktiken gaben den Maßstab vor.
Der auf die Heilige Schrift bezogene protestantische Fundamentalismus führte dazu, dass die volkstümlicheren Elemente des Christentums, denen es seine großen Missionserfolge ebenso verdankte, wie es sie aus ihnen bezogen hatte, dem Verdikt der Reformatoren verfielen. Die römisch-katholische Kirche hat diesen Fehler nicht begangen. Im Laufe ihrer zweitausendjährigen Geschichte hat sie ihre Lektionen über die Vielfalt der möglichen Verkörperungen des Göttlichen gelernt.
Der Verfasser lehrt Allgmeine Ethnologie, Wissenschaftsgeschichte und Religionsethnologie an der Universität Frankfurt am Main.
Text: F.A.Z., 14.08.2007, Nr. 187 / Seite 7
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