Von Thorsten Winter
07. Mai 2008 Hinter Stefan Messer liegen viel Arbeit und Ärger. Doch die Mühen der vergangenen Monate haben sich für den Frankfurter Unternehmer gelohnt. Vier Jahre nach dem Verkauf des Industriegase-Herstellers Messer Griesheim GmbH an den Konkurrenten Air Liquide darf er fortan wieder Sauerstoff, Stickstoff, Helium oder auch das in der Mikroelektronik benötigte Acetylen in eigenem Namen hierzulande anbieten.
Dies war Messer zuletzt gänzlich untersagt. Immerhin konnte Messer mit der eigens ins Leben gerufenen Gase.de Vertriebs-GmbH vor Jahresfrist in Deutschland abermals Fuß fassen. Gase.de gelang es, 200 Lieferverträge abzuschließen; das Unternehmen versorgt unter anderem das Institut für Luftfahrtantriebe an der Universität Stuttgart. Diese Aufbauarbeit wird nun von der neuen Messer Industriegase GmbH fortgeführt, die seit diesem Mittwoch im Handelsregister eingetragen ist, pünktlich zum Ablauf des Markennutzungsverbots.
Glücklicherweise hat Air Liquide 2004 nicht darauf bestanden, auch unsere Marke zu übernehmen, sagt Stefan Messer am Tag des Neustarts rückblickend. Denn nicht zuletzt dem Namen der hinter dem Unternehmen stehenden Familie ist aus Sicht des Eigentümers und Geschäftsführer der Messer Gruppe zu verdanken, dass die Salzgitter Flachstahl GmbH als Großkunde gewonnen werden konnte.
250.000 Kunden in 30 Ländern
Dort wird das Unternehmen mit Sitz in Sulzbach eine Luftzerlegungsanlage bauen und 2010 in Betrieb nehmen, in der Luft durch extreme Kühlung in ihre Bestandteile Stickstoff, Sauerstoff und das Edelgas Argon aufgespalten wird. 50 Millionen Euro wird Messer investieren, um Salzgitter Flachstahl und über eine Rohrleitung deren Tochter Peiner Träger im 30 Kilometer entfernten Peine mindestens 15 Jahre lang mit 28.000 Kubikmetern Sauerstoff zu versorgen. Dabei überzeugte Messer nach den Worten des Chefs den bisher von der Linde AG belieferten neuen Großkunden mit seinem technischen Konzept. Und durch den Neueinstieg sind wir auch etwas engagierter als unsere größeren, börsennotierten Wettbewerber, meint er selbstbewusst.
Messer ist indes nicht erst durch den Vertrag mit Salzgitter in der deutschen Industrie als Lieferant angekommen: Schon im November vergangenen Jahres gab Gase.de bekannt, auf dem Gelände der Deutschen Edelstahlwerke in Siegen einen Luftzerleger zu bauen. Kostenpunkt: 35 Millionen Euro. Diese Anlage soll im nächsten Jahr in Betrieb gehen.
Wie im Fall Salzgitter will Messer überschüssige Gasmengen und solche Gase, die vom Hauptkunden nicht benötigt werden, anderswo unterbringen. Bei mittelständischen Metallverarbeitern, Krankenhäusern, Apotheken oder Fleischfabriken etwa. Messer spricht von einer großen Aufgabe für den Vertriebder jüngsten Konzerntochter. Diese soll bis 2012 einen Umsatz von rund 50 Millionen Euro einspielen - damit käme Messer nach den Worten von Finanzvorstand Hans-Gerd Wienands hierzulande auf einen Marktanteil von vier Prozent. Dieses Jahr soll der Umsatz bei 6,5 Millionen Euro landen. Erlöse werden auch aus der Geschäftsbeziehung mit der Frankfurter Allessa-Chemie erzielt, die laut Stefan Messer ebenfalls zu den neuen Kunden zählt und deren Eigentümer Karl-Gerhard Seifert im Messer-Aufsichtsrat sitzt.
Die Messer Industriegase GmbH ist in eine Gruppe von 60 operativen Gesellschaften in 30 Ländern eingebunden. Weltweit beliefert die Messer Group über 120 Standorte rund 250.000 Kunden. Ende des vergangenen Jahres standen 4380 Männer und Frauen im Dienst des Konzerns - gut 130 mehr als vor Jahresfrist. Und auf Sicht wird die Belegschaft weiter wachsen. Allein in Salzgitter wird Messer 30 Leute anstellen und - anders als in der Branche üblich - das Vertriebspersonal auch technisch schulen, um die Kunden mit Blick auf die Anwendungstechniken besser beraten zu können, wie der Eigentümer sagt.
Auch neue Zentrale soll im Raum Frankfurt liegen
Eines kennzeichnet das Geschäft in Europa wie in Asien und in Peru, wo Messer auch eine Tochter hat: Dank der Vielzahl der Branchen und Kunden ist das Geschäft sehr konjunkturunabhängig (Stefan Messer). Angesichts dessen steigen die Erlöse stetig. In Westeuropa erlöste der Konzern 2007 mit 238 Millionen Euro elf Prozent mehr als vor Jahresfrist, in Zentraleuropa kletterte der Umsatz um sieben Prozent auf 196 Millionen Euro und in Südosteuropa um zwölf Prozent auf 167 Millionen Euro. In China legte Messer um 24 Prozent auf 94 Millionen Euro zu. Dabei trägt China mit einem Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen von 26,4 Millionen Euro überproportional zum Gewinn bei. Er lag zuletzt bei 38 Millionen Euro, fünf Millionen Euro mehr als im Vorjahr.
Um das Wachstum zu unterstützen, baut der Konzern derzeit elf Luftzerleger in Europa, außer jenen in Deutschland je einen in Bosnien-Herzegowina und Frankeich, in Polen und Rumänien, in der Schweiz und in Spanien sowie der Türkei und der Ukraine. Wir werden unsere Kapazitäten in den nächsten Jahren verdoppeln, kündigt Stefan Messer an.
Größer zu investieren gedenkt der Konzern auch im Frankfurter Raum. Er will eine neue Zentrale hochziehen lassen, möglichst in der Nähe des jetzigen Sitzes Sulzbach. Derzeit hat Messer ein Auge auf ein Grundstück in Bad Soden geworfen, wie der Chef sagt, ohne Einheiten zu nennen. Soviel ist aber klar: Die neue Zentrale soll bis Ende 2010 stehen und ein Event-Zentrum beinhalten, in dem Messer seine Verfahren präsentiert.
Industriegasehersteller Messer seit 110 Jahren aktiv
Messer hat in Deutschland eine große Tradition:
- 1898 von Adolf Messer Acetylen-Gas-Gesellschaft Messer & Cie. in Frankfurt-Höchst gegründet
- 1953 übernimmt sein Sohn Hans Messer die Leitung der Firma
- 1965 schließt sich Messer mit der Hoechst-Tochter Knapsack Griesheim zur Messer Griesheim AG zusammen
- 1993 geht Hans Messer in den Ruhestand, 1998 steigt sein Sohn Stefan in die Unternehmensführung ein
- 2001 verkauft Hoechst seine Anteile an Finanzinvestoren, ein Drittel bleibt in der Hand der Familie Messer
- 2004 nutzt Gründerenkel Stefan Messer ein Rückkaufrecht für die Anteile der Finanzinvestoren - Messer ist wieder in Familienbesitz
- 2004 werden zur Finanzierung die Gesellschaften in Deutschland, Großbritannien und den Vereinigten Staaten an den Wettbewerber Air Liquide verkauft
- bis 2007 darf Messer in Deutschland nicht produzieren und bis zum 6. Mai 2008 die Marke Messer in Deutschland nicht verwenden
- am 7. Mai 2008 startet die Messer Industriegase GmbH in Deutschland (dpa)
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Claus Setzer
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