Im Gespräch: Fred Irwin

„Die Schuldigen sind Sie und ich“

„Es ist eine Kredit- und Vertrauenskrise”: Fred Irwin

„Es ist eine Kredit- und Vertrauenskrise”: Fred Irwin

10. Oktober 2008 Fred Irwin ist Vorstand von Citigroup Global Markets Deutschland in Frankfurt - und zugleich Präsident der Amerikanischen Handelskammer in der Mainmetropole. In dieser zweiten Funktion stand der seit langem in der Bundesrepublik lebende Amerikaner für ein Gespräch über die gegenwärtige Krise an den Finanzmärkten zur Verfügung.

Sie sind der einzige Vorstand einer Bank in Frankfurt, der sich in dieser Woche zu einem Gespräch mit uns bereit gefunden hat. Sonst schweigt der Finanzplatz.

Ich kann nicht für die anderen Banker reden. Die haben sicherlich viel zu tun. Ich auch. Aber als Präsident der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland gebe ich gerne eine Stellungnahme ab.

Viele Leute deuten mit dem Finger auf die Vereinigten Staaten, speziell auf die amerikanischen Investmentbanker, und sagen, die seien schuld an der Krise.

Ich weiß nicht, ob es nicht in der Natur der Menschen liegt, jemand anderem die Schuld zuzuweisen, wenn ein Problem auftaucht. Solch eine dramatische Situation – niemand hat ein Drehbuch, in dem steht, was jetzt zu tun ist. Es ist eine Kredit- und Vertrauenskrise, keine Banken- und Finanzkrise.

Aber fing nicht die Krise damit an, dass amerikanische Banken an Hausbesitzer leichtfertig Kredite vergaben, die dann auch noch in undurchsichtigen Paketen weiterverkauften?

Anfang der neunziger Jahre war von der Clinton-Regierung gewünscht, dass auch Menschen mit wenig Einkommen ein Haus finanzieren können – also solche, die sonst keinen Kredit bekommen würden. Es war ein gutgemeintes Gesetz. Die Banken haben die Kredite weiterverkauft. Das ist völlig legitim, und alle haben das unterstützt, die Wirtschaftsprüfer, die Ratingagenturen, die Zentralbank. Niemand hat bei den Banken ein Risiko gesehen – keine Branche ist besser reguliert.

Und wer ist nun schuld an der Krise?

Es gibt keinen Schuldigen. Oder: Jeder ist schuldig, auch Sie und ich.

Wieso jetzt speziell wir beide?

Wir als Konsumenten. Wir haben alle gesagt, auf dem Girokonto bekomme wir kaum Zinsen, wir wollen mehr. Der Markt hat all das gewollt. Natürlich wurden aber auch Fehler gemacht. Zum Beispiel von einer kleinen Gruppe von Makler in den Vereinigten Staaten, die Leute falsch beraten haben beim Kauf eines Hauses, nur um Provision zu kassieren.

Aber waren die Banken nicht tatsächlich leichtfertig bei der Kreditvergabe an Leute, die besser nicht in eine Immobilie hätten investieren sollen?

Die Regierung hat das alles unterstützt, aus sozialpolitischen Gründen. Aber wenn Sie einen Schuldigen suchen: Vielleicht war das System der Schuldige. Doch alle waren gutgläubig, dass es so richtig war.

Das ist ja noch schlimmer, wenn es das System war.

Kein System ist vollkommen. Die Demokratie ist das beste politische System, doch vollkommen ist sie auch nicht. Und Kapitalismus ist das beste System, das die Menschen erfunden haben – aber es hat auch Fehler. Jedes System hat Fehler.

Haben Sie je geglaubt, dass es einmal so weit kommt?

Niemand hat das geglaubt. Ich habe im Juli 2007 ein Aktienpaket gekauft mit einem Durchschnittspreis von 55 Dollar. Heute sind es noch 16,50 Dollar. Fragen Sie mich nie um Rat! Ich hatte vor einigen Jahren Staatsanleihen von Argentinien gekauft, weil mein Berater gesagt hatte, ein Staat kann nicht bankrottgehen. Und dann rief er eines Tages an und sagte, sie sind noch 20 Prozent wert.

Von Amerika nach Deutschland: Wird der Finanzplatz Frankfurt verändert aus dieser Krise hervorgehen?

Frankfurt hat sehr viele Vorteile. Die Europäische Zentralbank hat ihren Sitz, die Deutsche Börse mit Clearstream, ein hervorragendes Unternehmen. Aber die stärksten Finanzplätze bleiben New York und London. Nach wie vor gibt es Geschäftsfelder in den Banken, die hervorragend laufen. Jeder spricht vom Investmentbanking, aber das ist nur ein kleiner Teil. Das Geschäft mit Privatkunden läuft gut und wird immer gut laufen. In Deutschland ist die Arbeitslosigkeit zurückgegangen, also brauchen mehr Leute ein Gehaltskonto.

Deshalb sagen viele, Universalbanken, wie wir sie in Frankfurt haben, könnten geradezu gestärkt aus der Krise herauskommen, jedenfalls im Verhältnis zu anderen Häusern.

Deutschland ist nicht das einzige Land mit Universalbanken. Lange Zeit galt es als überhaupt nicht ideal, jetzt sagt jeder, es ist das beste Business-Modell. Ich glaube, das ist tatsächlich so. Deutschland ist außerdem das einzige Land mit drei Säulen im Bankwesen. In der Krise kann man nur sagen: Gott sei Dank.

Wird es im Bankensektor künftig mehr Regulierung geben?

Diese Branche ist bereits sehr stark reguliert. Neue Regeln müssen gut überlegt werden. Mehr Transparenz, mehr Offenheit ist sicherlich richtig. Viele werden aus dieser Situation lernen, nicht nur die Zentralbanken und die Aufsichtsbehörden. Auch die Banker werden vorsichtiger sein. Sie haben vor sechs Monaten Kunden in gutem Glauben zu Papieren geraten, die heute nichts mehr wert sind.

Wie wird es weitergehen?

Niemand sieht im Moment das Ende. Ob der Tiefpunkt schon erreicht ist, wissen wir nicht.

Die Fragen stellte Manfred Köhler.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Wonge Bergmann

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