Von wegen Krise

Bautätigkeit in einigen Branchen ungebrochen

Von Rainer Schulze

Im Entstehen: Wohnungen auf dem Riedberg

Im Entstehen: Wohnungen auf dem Riedberg

19. November 2008 Gemessen an den in den vergangenen Monaten bei der städtischen Bauaufsicht eingegangenen Bauanträgen, leidet die hiesige Bautätigkeit noch nicht unter den Auswirkungen der Finanzkrise. Der Leiter der Frankfurter Bauaufsicht bestätigte auf Anfrage, dass es auch im vergangenen Monat bei den Bauanträgen keinen Einbruch gegeben habe. „Die Zahlen sind gut“, sagte Michael Kummer. Die Anzahl der Bauanträge sei in diesem Jahr im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um drei Prozent höher, insbesondere bei kleineren und mittleren Bauvorhaben sei die Entwicklung stabil.

Bisher sind mehr als 3000 Bauanträge in der Behörde eingegangen. Bis zum Jahresende, so hofft Kummer, könnte die Zahl auf 3500 anwachsen. Die genehmigte Bausumme sei um 50 Prozent auf bisher 1,6 Milliarden Euro gestiegen. Die Gebäude, darunter der Neubau der Europäischen Zentralbank, sind allerdings zum größten Teil noch nicht im Bau.

„Die Krise ist noch nicht da“

Den hohen Bausummenzuwachs erklärte Kummer damit, dass entgegen der verbreiteten Wahrnehmung nicht die großen Immobilienprojekte, sondern kleinere Vorhaben den größten Anteil am Umsatz der Bauaufsicht hätten. „Der Büromarkt ist nur ein schmaler Ausschnitt des Baugeschehens“, sagte Kummer. Die „Infrastrukturträger“ wie der Flughafen, die Industrie, der Einzelhandel, die Gesundheitsversorger, die Schulen und die Universitäten machten zusammen die größte Summe aus. So sei in den vergangenen Jahren fast die gesamte Gesundheitsinfrastruktur erneuert worden: „Dahinter stecken riesige Bausummen, die am Immobilienmarkt aber nicht auftauchen“, sagte Kummer. Auch auf dem Markt für neue Wohnimmobilien sieht der Amtsleiter, gemessen an den Bauanträgen, kein Anzeichen für Einbrüche: „Das Rhein-Main-Gebiet ist eines der wenigen Zuzugsgebiete in Deutschland. Wir haben eine Leerstandsquote von nur einem Prozent.“

Größter Kunde der Bauaufsicht ist nach Kummers Worten der Flughafen mit der Bautätigkeit von Fraport, aber auch mit Luftfrachtgebäuden oder dem neuen Schulungszentrum der Lufthansa. Auf dem Universitätscampus im Westend seien im Zuge der Exzellenzinitiative neue Bauprojekte mit einer Bausumme von 17 Millionen Euro beantragt worden, zu weiteren größeren Infrastrukturprojekten zählen das Rechenzentrum am Westhafen, eine Reihe kleinerer Hotels sowie die Sanierung des Historischen Museums. Als größtes Bürogebäude taucht der mehr als 200 Millionen Euro teure „Tower 185“ im Europaviertel in der aktuellen Statistik auf. Außerdem wurde die Baugenehmigung zur Fassadenerneuerung der Deutschen Bank in diesem Jahr erteilt. Ein erster Jahresrückblick veranlasst Kummer darum zu der Feststellung: „Die Krise ist noch nicht da.“

Anders urteilen Kenner in der Immobilienbranche, die berichten, dass etliche Vorhaben für Büroprojekte derzeit vorerst in den Schubladen verschwänden. Einige Händler von Gewerbeimmobilien zeichnen darum ein eher düsteres Szenario. Noch am Ende des dritten Quartals hieß es von renommierten Maklerunternehmen wie Atisreal zwar, auf das gesamte Jahr bezogen sei der Flächenumsatz im Frankfurter Marktgebiet auf stabilem Niveau. In seinem aktuellen Büromarktbericht spricht das Maklerunternehmen „Colliers Property Partners“ aber davon, dass sich die Vermietungsleistung im Monat Oktober halbiert habe. „Die Finanzkrise hinterlässt nach und nach Spuren in der Immobilienbranche“, heißt es dort weiter.

Verkauf des Opernturms offen

Insbesondere die Banken hätten sich im vergangenen Monat stark zurückgehalten. Auch die Leerstandsquote steige in Frankfurt wieder leicht an. Colliers prognostiziert einen weiteren Anstieg, da im nächsten und übernächsten Jahr verschiedene Neubauprojekte wie das Palais Quartier, zu dem das Einkaufszentrum „My Zeil“, ein Hotel- und ein Büroturm gehören, und „Westend Windows“ fertiggestellt werden und mehr als 50.000 Quadratmeter an weiteren Büroflächen auf den Markt kommen. Außerdem werden durch die Fusion von Commerzbank und Dresdner Bank voraussichtlich Zehntausende Quadratmeter Bürofläche frei.

Besonders stark trifft die Krise den Investmentmarkt. Zwar hat ohnehin niemand eine Wiederholung des Rekordergebnisses aus dem Vorjahr erwartet. Dem misslungenen Verkauf des Opernturms sprechen einige Makler aber Symbolcharakter für die Marktsituation zu. Colliers erwartet bis Jahresende keine größeren Transaktionen mehr: „Derzeit neigt die Mehrzahl der Investoren dazu, den Markt bis zum Jahreswechsel zu beobachten und eine passive Haltung einzunehmen.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Dieter Rüchel

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