Von Manfred Köhler
26. Juni 2008 Es war eine der ungewöhnlichsten Bürgerbewegungen, die die Bundesrepublik je erlebt hat: Zu Dutzenden gaben die Deutschen in vergangenen Wochen vor Fernsehkameras in Fußgängerzonen und auf Supermarkt-Parkplätzen zu Protokoll, gerne würden sie mehr für Lebensmittel zahlen. In diesem Fall ging es um Milch - hatte sich doch der Eindruck verbreitet, die Landwirte bekämen zu wenig für ihre Arbeit. Auf so ungewöhnliche Weise gebeten, zierten sich die Lebensmittelhändler nicht länger und setzten die Preise herauf. Nun schlägt sich das auch in der offiziellen Statistik nieder: Wie gestern das Statistische Landesamt wissen ließ, erhöhten sich in Hessen die Preise für einen Liter Vollmilch von Mitte Mai bis Mitte Juni um durchschnittlich 4,2 Prozent. Vergleicht man die Preise von Juni 2008 mit denen von Juni 2007, so fielen sie sogar 16,1 Prozent höher aus.
Heizölpreise klettern auf Rekordniveau
Damit sind die Milchpreise in Hessen binnen Jahresfrist viermal so stark gestiegen wie die Verbraucherpreise insgesamt. Die Wiesbadener Behörde bezifferte den allgemeinen Preisanstieg von Juni 2007 auf Juni 2008 auf 3,8 Prozent. Ein solch hoher Wert war zuletzt im September 1993 gemessen worden. Den Zahlen liegt ein Warenkorb zugrunde, der dem eines durchschnittlichen Haushalts entsprechen soll. Milch spielt dabei zwangsläufig eine nachgeordnete Rolle.
Weitaus wichtiger sind Wohnungsmieten und Energiepreise, von denen sich erstere bescheiden entwickelten, letztere aber auch ohne spezielle Forderungen der Bürger steil nach oben geschossen sind. An der Spitze lagen die Heizölpreise, die im zu Ende gehenden Monat 61,3 Prozent höher ausfielen als vor einem Jahr (siehe Grafik). Lange muss man hingegen in den Tabellen der Statistiker suchen, bis man Produkte findet, die in diesem Monat weniger kosteten als im Juni 2007 - Bekleidung und Schuhe sind es, auch die Kosten für Nachrichtenübermittlung, worunter zum Beispiel Handytarife zu verstehen sein dürften.
Hessen bei Inflationsrate an der Spitze der Bundesländer
Dabei trifft es die Hessen in den vergangenen Monaten sogar noch härter als die Bewohner anderer Bundesländer. Im Mai ergab sich im Bundesschnitt eine Inflationsrate von drei Prozent, in Hessen jedoch von 3,5. Im März und April war der Unterschied ähnlich, davor nicht, auch nicht 2006 und 2007. Für Juni liegen noch keine Zahlen für ganz Deutschland vor, doch lag Hessen im Kreis der drei Länder, die gestern die Inflationsrate für diese Monat veröffentlichten, auch wieder an der Spitze. Während in diesem Bundesland die Verbraucherpreise innerhalb von zwölf Monaten um 3,8 Prozent stiegen, waren es in Sachsen 3,4 und in Nordrhein-Westfalen lediglich drei Prozent.
Dass die Preissteigerungsrate in Hessen derzeit höher liegt als anderswo, scheint an dem stärkeren Anstieg der Nahrungsmittelpreise zu liegen. Sie erhöhten sich von Mai 2007 bis Mai 2008 in diesem Bundesland um 8,7, im Bundesschnitt hingegen lediglich um 7,5 Prozent. Bei den Energiepreisen hingegen finden sich kaum Abweichungen. In besonderer Weise gestiegen sind auch die Preise, die von den Statistikern unter dem Stichwort Bildungswesen zusammengefasst sind, weil auch die zum Wintersemester 2007/2008 eingeführten Studiengebühren berücksichtigt werden. Doch haben derlei Kosten im Warenkorb einen viel geringeren Anteil als die Nahrungsmittelpreise.
Wie schon in den Vormonaten wies das Statistische Landesamt darauf hin, dass sich der geringe Anstieg der Mieten mit nur 1,2 Prozent binnen Jahresfrist dämpfend auf die allgemeine Preisentwicklung ausgewirkt habe. Rechnet man die Mieten aus dem Warenkorb heraus, ergäbe sich eine Preissteigerung nicht von 3,8, sondern von 4,5 Prozent.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa