Von Manfred Köhler
04. Mai 2007 So also sieht der Aufschwung aus. Der Frankfurter Flughafen lässt wissen, in die Erneuerung der Fluggastbrücken am Terminal 1 würden viereinhalb Millionen Euro investiert. Hornbach eröffnet in Darmstadt einen neuen Baumarkt und schafft so auf einen Schlag 66 Stellen. Aus Niestetal bei Kassel ist zu hören, ein ortsansässiges Unternehmen werde den Großteil der Technik für ein Solarkraftwerk bei Leipzig liefern, das seinerseits dereinst eines der größten der Welt sein werde. Drei Nachrichten der vergangenen Tage, die zeigen: Es geht voran. Nach vielen Jahren der Mühsal, des Zauderns und der selbstquälerischen Debatten über die Zukunft des Standorts Deutschland wird wieder investiert.
Und auch die Arbeitslosenzahlen weisen nach unten. In Frankfurt wurden im April 6400 Arbeitslose weniger gezählt als ein Jahr zuvor, in Wiesbaden 4700 weniger. Selbst in der Stadt Offenbach, bei der Arbeitslosigkeit nach wie vor das Sorgenkind im Rhein-Main-Gebiet, sank die Zahl um 1400. Besonders erfreulich: Auch die Arbeitslosigkeit der jungen Menschen ging zurück – im Durchschnitt ganz Hessens binnen Jahresfrist um ein Drittel.
Mehr sozialversicherungspflichtig Beschäftigte
Es ist ein Aufschwung, der die Wirtschaft auf breiter Front belebt. Zu erkennen ist das am Zuwachs der Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, also der Angestellten und Arbeiter. Weil sie allerhand Beiträge zahlen und damit vielfach aktenkundig sind, wissen die Statistiker relativ rasch, wenn sich bei ihnen etwas ändert. Allein von Februar 2006 bis Februar 2007 erhöhte sich die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Hessen um 40.300. Es spricht wenig dafür, dass die Entwicklung bei Unternehmern, Freiberuflern und Beamten, die nicht sozialversicherungspflichtig sind, völlig anders verlief, auch wenn die Statistiker über diese Personengruppen keine aktuellen Zahlen haben.
Selbst in der Land- und der Forstwirtschaft weist die Statistik für Hessen einen Zuwachs der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten von Februar 2006 auf Februar 2007 in Höhe von gut 700 aus. Doch das Gros entfällt natürlich auf wichtigere Wirtschaftszweige – auch auf solche, die zuletzt fast immer durch schlechte Nachrichten auf sich aufmerksam gemacht hatten.
Im Baugewerbe etwa stieg die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten innerhalb eines Jahres von 89.200 auf 94.100. Das ist ein Plus von 4900, womit der Bau sogar die gesamte sonstige Industrie schlug, in der lediglich 2800 neue Jobs entstanden. Aber auch von der Industrie hatte man angesichts der Konkurrenz durch Niedriglohnländer über viele Jahre hinweg nur anderes gehört.
Boom der Zeitarbeitsbranche
Doch der Motor der wirtschaftlichen Erholung ist eine andere Branche. Die Zeitarbeitsbranche boomt“, sagt Wolfgang Forell, Chef der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit – einer Behörde in Frankfurt-Niederrad, die früher einmal schlicht Landesarbeitsamt hieß. Jede dritte offene Stelle, die bei Arbeitsagenturen aktenkundig ist, stammt von einem Zeitarbeitsunternehmen.
Der Erfolg kommt nicht von ungefähr. Mit dem Ausbau dieser Branche haben die Unternehmer einen Ausweg aus der Blockade in der Diskussion um den nach wie vor rigiden Kündigungsschutz gefunden. Denn weil Unternehmen in Deutschland nur schwer jemanden wieder entlassen können, wenn die Aufträge ausbleiben, zögern sie eben mit Neueinstellungen. Die Zeitarbeit ist eine Möglichkeit, solche Schwierigkeiten zu umgehen.
Leider vermag niemand zu sagen, wie viele Stellen in der Zeitarbeit in den vergangenen Monaten entstanden sind – derlei gibt die Statistik nicht her. Sie fasst nur alle unternehmensnahen Dienstleistungen zusammen – und darunter fällt alles vom Call-Center bis zur Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, die Zeitarbeit eingeschlossen. Doch auch wenn die Statistiker nicht zu sagen vermögen, wie stark sich die Zahl der Beschäftigten in diesen Branchen im Einzelnen erhöht hat– die Summe des Zuwachses bei all den unternehmensnahen Dienstleistungen trauen sie sich aufgrund von Hochrechnungen schon zu nennen. Danach entstand dort in Hessen von Februar 2006 bis Februar 2007 die Hälfte aller neuen sozialversicherungspflichtigen Stellen – 20 100 von 40.300.
247.700 Arbeitslose in Hessen
Das alles darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Wirtschaft Hessens keineswegs über den Berg ist. Zwar ist die Zahl der arbeitslos gemeldeten Frauen und Männer binnen Jahresfrist um 56.800 gesunken, doch 247.700 werden nach wie vor in der Arbeitslosenstatistik geführt. Und auch wenn sich die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten von Februar 2006 bis Februar 2007 um 40.300 erhöht hat, so liegt sie doch mit 2.108.300 nach wie vor ein gutes Stück unter den Werten, die in wirklich guten Jahren erreicht worden waren. Im September 2001 etwa waren es 2.240.400 gewesen. Zudem schwankt die Zahl nach wie vor stark. Im November 2006 etwa hatte sie schon bei 2.142.200 gelegen. Überbewerten darf man das aber nicht. Saisonale Schwankungen gibt es in guten wie in schlechten Zeiten. Seit Sommer vergangenen Jahres liegen die Werte stets höher als zwölf Monate zuvor. Darauf kommt es an.
Trotzdem – es könnte noch besser laufen. Der Zuwachs der Beschäftigtenzahl fällt, darauf wurde von der Regionaldirektion dieser Tage hingewiesen, in Hessen niedriger aus als im Bundesdurchschnitt. Da habe Hessen noch etwas aufzuholen, meinte Direktionschef Forell.
Dabei hat sich der öffentliche Dienst, der von Steuergeldern lebt und daher den Wirtschaftsprozess eher bremst als fördert, ausnahmsweise einmal vorbildhaft verhalten. Während sonst allüberall in Hessen neue Stellen entstanden, ging die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in den Verwaltungen sogar leicht zurück. Die sprudelnden Steuereinnahmen, die noch immer allerhand Begehrlichkeiten nach sich zogen, lassen allerdings nicht erwarten, dass dieser Trend noch lange anhält.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.