Neue Nordsee-Windräder und Gasturbinen

Versorger HSE hält auch in der Krise grünen Kurs

Von Rainer Hein, Darmstadt

Abermillionen Euro will die Darmstädter HSE in einen Windenergiepark in der Nordsee investieren - dieser hier steht nahe Esbjerg in Dänemark

Abermillionen Euro will die Darmstädter HSE in einen Windenergiepark in der Nordsee investieren - dieser hier steht nahe Esbjerg in Dänemark

02. Juli 2009 Die Heag Südhessische Energie AG (HSE) in Darmstadt hält trotz Wirtschafts- und Finanzkrise an ihrem ambitionierten Investitionsprogramm in die regenerative Energieerzeugung fest und wird in diesem Jahr die Ausgaben sogar noch erhöhen. Wie der Vorstandsvorsitzende Albert Filbert bei der Vorstellung des Geschäftsberichts 2008 sagte, sollen bis 2014 rund eine Milliarde Euro in das Programm fließen, mit dem das südhessische Unternehmen anstrebt, sich als „CO2-neutraler Energieversorger“ zu positionieren und an die Spitze der Ökostromanbieter in Deutschland zu schieben. 400 Millionen Euro des Investitionsvolumens, dessen Schwerpunkt auf einem Windenergiepark in der Nordsee liegt, will die HSE aus eigenen Mitteln aufbringen. Diese Anlage „Global Tech I“ wird von der Wetfeet Offshore Windenergie GmbH errichtet. Sie soll eine Leistung von 400 Megawatt erbringen und für die HSE von 2013 ab Windstrom für rund 115.000 Haushalte liefern.

Eine der Voraussetzungen, um am Öko-Kurs festzuhalten, ist der Umstand, dass die HSE bislang vergleichsweise gut durch die Wirtschaftskrise gekommen ist. Filbert bezeichnete das Jahresergebnis 2008 als „zufriedenstellend“. Der Konzern erzielte Umsatzerlöse von rund 1,25 Milliarden Euro gegenüber 1,03 Milliarden Euro im Vorjahr. Die Bilanzsumme stieg von 647 Millionen auf 763,3 Millionen Euro, der für die Gewinnausschüttung maßgebliche Bilanzgewinn von 39,7 auf 41,5 Millionen Euro. Den Aktionären schlägt der Vorstand vor, eine Dividende von 48 Cent je Aktie auszuschütten, was insgesamt 41,1 Millionen Euro ergäbe. Großaktionär mit 40 Prozent ist auch die Thüga AG, über deren Verkauf durch die Mutter Eon immer wieder spekuliert wird. Filberts sagte dazu, es habe Gespräche mit einem Erwerberkonsortium gegeben, dabei sei aber keine „vollkommene Übereinstimmung“ erzielt worden: „Die Kollegen gehen zunächst ihren Weg allein weiter, wir sind aber weiter gesprächsbereit“.

400.000 Ökostrom-Kunden

Die strategische Ausrichtung des Konzerns auf Klimaschutz und Nachhaltigkeit zeigen nach der aktuellen Bilanz bereits wirtschaftliche Erfolge. So beziehen mittlerweile 400.000 von knapp 600.000 Stromkunden Ökostom. Vor allem durch Kundengewinne im Vertrieb regenerativen Stroms erhöhten sich die direkten Stormverkäufe an Endkunden im vergangenen Jahr von 3,6 auf rund 4,1 Milliarden Kilowattstunden – bei insgesamt leicht gesunkenem Stromabsatz aufgrund von Rückgängen bei den Großkunden. Die Zunahme um elf Prozent resultiert nach Angaben von Vorstandsmitglied Holger Mayer zum Teil aus Neukunden in Süddeutschland und dem Kölner Raum, wo die Vertriebstochter Entega seit 2008 akquiriert. Mittlerweile habe sich die HSE, die seit 2008 vollständig auf Atomstrom verzichte, als bundesweit agierender Energieversorger etabliert und sei die Nummer zwei in Deutschland, sagte Mayer.

Windräder will die HSE künftig aber nicht nur an der Nordsee betreiben. Im Rahmen des Projekts Hessenwind strebt das Unternehmen, dessen Mehrheitseigner über die Heag Holding AG die Stadt Darmstadt ist, auch den Bau von Windkraftanlagen in Hessen an. Wie Filbert berichtete, wurden bislang rund 100 Kommunen angesprochen, mit einigen stehe man in engeren Verhandlungen. Der Vorstandsvorsitzende betonte allerdings, dass Voraussetzung eines Betriebs die „kommunale Akzeptanz“ sei.

Absage an neues Kohlekraftwerk

Keine Rolle im Energiemix der HSE wird indessen das geplante und umstrittene Kohlekraftwerk in Mainz bilden. Eine Beteiligung, so wurde in Darmstadt kürzlich entschieden, wird es nicht geben. Filbert nannte als Gründe für den Verzicht auf Energiebezug die hohe CO2-Belastung durch die geplante Anlage auf der Ingelheimer Aue und „Strukturen, die es nicht erlauben, uns adäquat in den Entscheidungsprozessen wiederzufinden“. Konventionell gewonnene Energie wird gleichwohl weiter eine Rolle spielen, um die HSE unabhängiger in der Strombeschaffung zu machen.

Soll sollen noch in diesem Jahr 255 Megawatt vom Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerk Irsching 5 und durch den Erwerb virtueller Kraftwerksscheiben bezogen werden. Ebenfalls 2009 soll das Biomasseheizkraftwerk in Aschaffenburg Strom und Wärme aus Holzhackschnitzeln liefern. Um über zuschaltbare Regelenergie zu verfügen, sind Investitionen von rund 50 Millionen Euro in den Bau zweier Gasturbinen mit einer elektrischen Leistung von 100 Megawatt geplant. Die Anlage, als dessen bevorzugter Standort das Knell-Gelände in Darmstadt gilt, soll in zweieinhalb Jahren in Betrieb gehen.

Gaspreise sinken um 15 Prozent

Nach dem Ende der Turbulenzen auf den Beschaffungsmärkten für Rohöl wird die HSE die Erdgaspreise zum 1. August um durchschnittlich 15 Prozent senken. Mayer sicherte zu, dass dieser Preis bis Sommer 2010 stabil gehalten werde. Deutliche Kritik übte Filbert an dem eingeleiteten Kartellverfahren zum Wasserpreis. Die von Wirtschaftsminister Dieter Posch (FDP) geäußerte Vermutung, der Wasserpreis der HSE müsse um 39 Prozent gesenkt werden, sei reiner Populismus. Der Wasserpreis sei 1999 von Posch selbst genehmigt worden und seitdem stabil. Überdies habe der Minister seine Vermutung schon ausgesprochen, bevor die HSE überhaupt Gelegenheit gehabt habe, den im Auskunftsverfahren zugesandten Fragenkatalog zu beantworten. „Wie glaubwürdig ist ein Minister, der in dieser Form agierte“, fragte Filbert.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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