Kleinrentner

644 Euro nach 31 Berufsjahren

Von Stefan Toepfer

So manche Kleinrentnerin ist trotz jahrzehntelanger Arbeit von ihrem Mann finanziell abhängig

So manche Kleinrentnerin ist trotz jahrzehntelanger Arbeit von ihrem Mann finanziell abhängig

15. April 2008 Ein Blick aus dem Fenster, und die Zeitreise beginnt. Vom Haus der Genserts im Rödermarker Stadtteil Urberach zum früheren Firmengelände von Telefonbau und Normalzeit ist es nicht weit, am Fenster in der Dachschräge erläutert Waltraud Gensert (Foto), wo sie vor mehr als 40 Jahren als ungelernte Kraft in der Montage zu arbeiten begann. „Mit einem Stundenlohn von 1,10 Mark.“ 13 Jahre alt war sie damals.

Heute erhält sie eine gesetzliche Rente von 581,81 Euro, hinzu kommen 165,26 aus einer Betriebsrente. Nach den Abzügen bleiben ihr 643,71 Euro – nach fast 31 Jahren Berufstätigkeit und der Zeit für die Kindererziehung, wofür ihr drei zusätzliche Versicherungsjahre angerechnet wurden.

Die Einundsechzigjährige weiß, dass es Renterinnen gibt, denen es schlechter geht als ihr. Aber Frauen in ihrer Generation bekämen im Vergleich zu den Männern generell weniger Rente. „Das Gefälle ist sehr groß.“

„Ich fühle mich nicht arm, aber ich habe Sorgen“

Zum Einkommen der Genserts gehören auch die rund 1200 Euro Rente ihres Mannes, eines Werkzeugschleifers. Waltraud Gensert ist darauf angewiesen: „Ich lebe von meinem Mann.“ Ihre größte Sorge ist, was geschieht, wenn einer von beiden schwer krank würde. Das Haus, das sie geerbt haben, sei als Altersvorsorge gedacht gewesen, könne aber an Wert verlieren. „Schon jetzt werden in Rödermark 250 Häuser angeboten.“

„Ich fühle mich nicht arm, aber ich habe Sorgen“, sagt sie. „Kaufe ich mir einmal neue Kleidung, fällt der Friseurbesuch aus.“ Geld für Zeitungen oder Bücher ist knapp, „wobei Bildung doch wichtig ist“. Obst und Gemüse kommen aus ihrem Garten. Die Ersparnisse sind fast weg – das Haus haben die Genserts vor kurzem für 60.000 Euro renoviert. Und sie befürchtet, dass sie bald wohl mehr Steuern auf ihre Rente zahlen müsse – „der Krankenkassenbeitrag wurde ja schon erhöht“. Als „Ohrfeige“ empfindet sie die jüngste Rentenerhöhung. „Das sind gerade sechs Euro brutto.“

Im Grunde wollte Waltraud Gensert einen Beruf erlernen. Ihre Eltern hatten aber anderes im Sinn: „,Du heiratest ja doch‘, haben sie mir gesagt.“ Von 1961 bis 1966 war sie als „Jungarbeiterin“ tätig, dann als Akkordarbeiterin. Von 1966 bis 1973 widmete sie sich der Erziehung der beiden Söhne. Als der jüngere in den Kindergarten ging, wurde sie wieder berufstätig, wurde im Betriebsrat aktiv.

Heute würde sie Fortbildungen machen

Besonders engagierte sie sich, als das Werk in Urberach geschlossen und ein Teil der Produktion nach Frankfurt verlagert wurde. Gensert gehörte zu den 650 der fast 1000 Beschäftigten, die mit nach Frankfurt gingen. Im Oktober 1998 aber verließ auch sie den Betrieb, der längst zu Bosch gehörte – die Produktion in Frankfurt wurde geschlossen. 51 Jahre alt war sie damals. Ihre Rente, die wegen ihres relativ frühen Ausscheidens aus dem Beruf niedriger ausfällt, bezieht sie seit gut einem Jahr. „Über den Abschlag bin ich ziemlich wütend.“ Aber sie hat auch einen Fehler gemacht: Statt 32 Monate lang Arbeitslosengeld beziehen zu können, bekam sie die Unterstützung nur für neun Monate – sie hatte es abgelehnt, Fortbildungskurse zu besuchen. „Das würde ich heute anders machen.“

Waltraud Gensert sagt, sie sei nicht neidisch auf Großverdiener. Doch inzwischen bekämen Spitzenmanager unverhältnismäßig viel Geld. „Die Relationen“, bilanziert sie knapp, „stimmen nicht mehr.“

Waltraud Gensert gehörte zu mehreren Rentnern, die am Dienstag auf Einladung der IG Metall in Frankfurt über ihre Situation berichtet haben. Dabei warnte Axel Gerntke, Sozialexperte der Gewerkschaft, vor sinkenden Renten. 2029 bekomme ein Rentner 250 Euro weniger im Monat. „Das ist offenbar politisch gewollt.“ Um den Lebensstandard von Rentnern zu sichern, schlug er vor, alle Erwerbstätigen in die Rentenversicherung einzubeziehen. Denkbar sei auch ein höherer Beitragssatz, sofern er von Arbeitnehmern und -gebern paritätitisch finanziert werde. Die Alterung der Gesellschaft sei kein Grund, Renten zu senken. Der Produktivitätszuwachs gleiche den demographischen Wandel aus, sagte Gerntke. (toe.)

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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