Von Tim Kanning
15. Mai 2008 Wilm Müller hält eine Aktie der Commerzbank. Sein Einfluss auf Wohl und Wehe von Deutschlands zweitgrößter Bank darf als nichtig bezeichnet werden. Aber an diesem Donnerstag steht er doch für ein paar Minuten im Zentrum. Der Mann mit dem üppigen, grauen Vollbart hat sich fünfzehn Minuten Redezeit gesichert auf der Hauptversammlung der Bank in der vollbesetzten Jahrhunderthalle. Sein erster Vorschlag an den Vorstand lautet, die Dividende nicht in Euro, sondern in Anteilen an seinem Unternehmen auszuzahlen. Jeden weiteren Satz leitet er ein mit ferner und unwichtiger möchte ich noch sagen“. Am Geschäftsjahr der Commerzbank hat ihm vor allem gefallen, dass er seinen Kundenberater – den Axel – duzen durfte, konnte und wollte“. Müller ist der skurrilste, aber nicht der einzige Aktionär, der sein Rederecht auf der Hauptversammlung mehr um des Redens Willen nutzt. Zum Schluss verabschiedet er Vorstandschef Klaus-Peter Müller und Aufsichtsratsvorsitzenden Martin Kohlhaussen, nicht wie alle anderen Redner verbal, sondern per Handschlag.
Verabschiedung Topthema bei den Aktionärsreden
Mit Beendigung der Hauptversammlung wechselt Klaus-Peter Müller an die Spitze des Aufsichtsrats, Kohlhaussen legt sein Amt nieder. Neuer Vorstandsvorsitzender ist fortan Martin Blessing, der bisher das Mittelstandskundengeschäft leitete. Verständlich, dass die Verabschiedungen der beiden Herren, die die Commerzbank in den vergangenen Jahrzehnten entscheidend prägten, ein Topthema der Aktionärsreden gewesen sind – bemerkenswert, wie unterschiedlich beide bewertet werden.
Mehr als warme Worte für Klaus-Peter Müller
Dass ein Vorstandsvorsitzender für seine siebenjährige Amtszeit nur Lob und nicht ein Wort des Tadels von seinen Aktionären bekommt, dürfte selten sein. Blessing ist ihnen an Länge weit überlegen, wir hoffen, dass er auch Ihre Größe erreichen wird“, sagt Aktionär Klein. Es ist Ihnen gelungen, die Commerzbank am eigenen Schopfe aus dem Sumpf zu ziehen“, lobt Carsten Heise von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Dass das Haus auch heute noch eigenständig sei – anders als die Bank mit dem grünen Logo, die nur noch Vertriebsgesellschaft der Allianz ist“ – hätten die Aktionäre hauptsächlich Müller zu verdanken, bescheinigt er weiter. Und auch dass die Bank in der aktiven Rolle sei, wenn es bald um die Konsolidierung in der Branche gehe, sei sein Verdienst.
Kohlhaussens Versäumnisse: Tadel für den Vorgänger
In solchen Lobgesängen auf Müller schwingt zugleich Kritik an seinem Vorgänger Kohlhaussen mit. Denn dass die Bank zu Anfang von Müllers Amtszeit im Sumpf steckte, schrieben viele dessen zehn Jahren an der Spitze des Vorstands zu. Fusion mit der Dresdner Bank verpatzt, zu wenig auf das Mittelstandsgeschäft gesetzt. Dass die Bank in der aktuellen Krise nicht so stark betroffen sei, wie viele andere, sei vor allem Müller zu verdanken, weil er sie komplett neu aufgestellt habe, so Wolfgang Aleff von der Gesellschaft für Wertpapierinteressen. Auch seine abschließenden Worte in Richtung Kohlhaussen dürfen wohl als Spitze verstanden sein: Ihnen gebührt Dank dafür, ihr Amt in gute Hände zu legen.“
Wechsel vom Vorstand in den Aufsichtsrat nicht immer unproblematisch
Doch Müllers Wechsel von der Vorstandsspitze in den Aufsichtsratschef, wurde durchaus auch kritisch kommentiert. Der Verhaltenskodex, in dem 2002 eine Regierungskommission Richtlinien zur Unternehmensführung zusammenfasste, besagt, dass ein solcher Wechsel nicht zur Regel werden sollte. Kohlhaussen und Müller verteidigten den Schritt, weil die Sachkenntnis über das Geschäft der Bank Kontinuität sicherstelle. Doch einige Aktionäre stießen sich trotzdem daran, betonten dabei aber ausdrücklich, dass die Kritik nur auf das Prinzip und nicht auf Müller zu verstehen sei – wir haben ja bei Kohlhaussen gesehen, dass der Wechsel vom Vorstand in den Aufsichtsrat nicht immer unproblematisch verläuft“.
Verzicht auf sieben Millionen Euro
In Person Müllers verliert Frankfurt einen engagierten Banker im operativen Geschäft, der sich auch gerne zu seiner Stadt bekannt hat. Dass das frühere Waldstadion inzwischen Commerzbank-Arena heißt und die Fußballerinnen des 1. FFC Frankfurt ihre Meisterschaften mit dem Commerzbank-Emblem auf der Brust gewinnen können, sind nur zwei Beispiele dafür. Sein Bild des sympathischen Bankers konnte er auch damit kräftigen, dass er auf die rund sieben Millionen Euro verzichtete, die ihm aus dem eigentlich bis 2010 laufenden Arbeitsvertrag mit der Commerzbank noch zustünden. Ihre Abschiede feiern Müller und Kohlhaussen heute vormittag in der Alten Oper in privatem Kreis. Am Abend gibt es dann noch einen größeren Empfang für viele Mitarbeiter im Zoo-Gesellschaftshaus.
Teamplayer als neue Spitze
Mit dem 44 Jahre alten Blessing zieht ein in der Bank hoch angesehener Stratege an die Spitze, der in den vergangenen Jahren die ertragsstarke Mittelstandsbank im Haus aufgebaut hat. Der gebürtige Bremer hat in den neunziger Jahren bei der Unternehmensberatung McKinsey gearbeitet und danach drei Jahre das Privatkundengeschäft der Dresdner Bank mitgeleitet. Ein Vorstandskollege bezeichnete ihn neulich als Teamplayer und sagte weiter: Es war seit Jahren für alle klar, dass es Blessing wird, deswegen konnten sich alle darauf einstellen.“
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes
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