Von Manfred Köhler
23. Juli 2008 So werden Träume von Wirtschaftsdezernenten wahr. Keine drei Wochen ist es her, dass Boris Rhein Frankfurt zur Stadt der Kreativen ausgerufen hat, sich gar von Wissenschaftlern vorrechnen ließ, Unternehmen mit derlei einfallsreichen Köpfen zählten mehr Mitarbeiter noch als Banken, Börse und deren Drumherum. Kaum drei Wochen also sind vorbei, dass tout Frankfurt bass erstaunt war, wie bunt es doch tatsächlich entgegen der landläufigen Wahrnehmung sei – da wird dem Wirtschaftsdezernenten und Frankfurter CDU-Vorsitzenden all dies schon von höchster Instanz bestätigt.
Von allerhöchster Instanz, im Wortsinne, von den Höhen des Zauberbergs in Ruppertshain, woselbst die Zukunftsinstitut GmbH thront, und von allerhöchster Instanz im übertragenen Sinne, steht doch hinter dem Unternehmen Matthias Horx, Publizist, Autor, Essayist, Futurologe, wie im Munzinger zu lesen ist, immer seiner Zeit voraus: beim wilden Pflasterstrand“, als Stadtmagazine noch wild waren, bei Tempo“, als der Zeitgeist noch eine Neuentdeckung war, heute zu Hause in den Metropolen der Welt, jedenfalls außer in Ruppertshain noch in Wien.
Banken-Metropole mit Kreativ-Flair“
Das Zukunftsinstitut also hat sich in einer Studie namens Zukunft Deutschland 2020“ mit den Perspektiven der wichtigsten Ballungsräume befasst, und es hat so schöne Worte über Frankfurt gefunden wie schon lange niemand mehr. Banken-Metropole mit Kreativ-Flair“, heißt es dort, auch hat sich in Frankfurt inzwischen eine nicht unbedeutende Kreativ-Ökonomie gebildet, die natürlich immer mehr Kreativ-Arbeiter anzieht . . . namhafte Verlagshäuser, Werbeagenturen und immer mehr Medienunternehmen machen Frankfurt zu einem wichtiger werdenden Werbe- und Marketingstandort.“ Und zitiert wird Norbert Lindhof, Deutschlandchef der Werbeagentur Young & Rubicam aus dem Frankfurter Gallusviertel, der bei der Vorstellung der Studie zu den kreativen Köpfen der Mainmetropole Anfang Juli den eindrucksvollen Satz gesagt hatte: Frankfurt ist ein schlafender Löwe, der wachgeküsst werden muss.“
Solch eine Studie liest sich doch ganz anders als die missmutigen Äußerungen einer Schweizer Agentur im Mai, Frankfurt sei nirgends vorne, der Finanzplatz gefährdet, niemals im Jahreslauf sei es eine gesellschaftliche Verpflichtung, in dieser Stadt Station zu machen, kurz: Boring Frankfurt“, wie das damalige Urteil zusammengefasst lautete. Weit entfernt von solchen Tönen ist die Untersuchung, die Horx mit zwei Kollegen, Oliver Dziemba und Eike Wenzel, verfasst hat: Frankfurt ist in den letzten Jahren zu einem Business-Hub mit Wohlfühlfaktor avanciert . . . Viele Trends und wichtige Megatrends finden hier Beachtung, was das Frankfurt der Zukunft – mit dem internationalsten Flair aller Großstädte – neben Berlin und Hamburg zu einem Top-Kreativstandort in Deutschland machen wird.“
Und so werden allerhand Belege und Beispiele für die guten Aussichten der Stadt genannt: Die Zahl der Selbständigen stieg 1999 bis 2005 um 22 Prozent, mit sechs Unternehmensgründungen auf 1000 Einwohner schlug die Stadt im vergangenen Jahr alle anderen Metropolen, der Anteil der überdurchschnittlich wachsenden Branchen ist am Main besonders stark vertreten. Gerne wird noch einmal die Mercer-Studie über die Lebensqualität von Großstädten auf der ganzen Welt zitiert, bei der Frankfurt den siebten Rang von 215 Plätzen belegte, und penibel wurde herausgerechnet, dass im benachbarten Main-Taunus-Kreis 3,7 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe auf Öko-Anbau setzen, während es im Bundesdurchschnitt nur 3,4 Prozent sind – für die Autoren Grund genug für die Bemerkung, darin zeige sich, dass in der Region der Megatrend Neo-Ökologie“ erkannt sei.
Herberge für Business-Nomaden
Als Trend-Pioniere gelten dem Team um Horx auch die Deutsche Bank mit der umweltfreundlichen Sanierung ihrer Türme in Frankfurt, die Francise-Kette Fred Butler mit ihrer besonders umweltfreundlichen Textilreinigungsmethode, eine Karriereberatung namens Top Forty in Bad Homburg, die sich auf Menschen über Vierzig spezialisiert hat, und Ardi Goldman mit seinem Designhotel 25hours“, das sich, wie in der Studie zu lesen ist, speziell auf die Bedürfniss der kreativen Business-Nomaden“ eingestellt hat – da sind sie wieder, die Kreativen.
Aber nicht nur sie. Auch besonders kinderfreundliche Väter hat die Stadt – von Männern stammen hier 10,9 Prozent der Anträge auf Elterngeld, während es in Deutschland insgesamt nur 10,5 Prozent sind. Beleg für das Zukunftsinstitut, dass Frankfurt sozial-innovatives Potential“ habe.
Bei Älteren über dem Bundesschnitt
Und schließlich nimmt die Stadt mitsamt Umgebung auch am Megatrend Silberne Revolution“ teil. Silberne Revolution? In Frankfurt liegt die Anteil der Fünfundfünfzig- bis Fünfundsechzigjährigen an der Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit 32 Prozent ein gutes Stück über dem Bundesschnitt von 29 Prozent. Silverpreneure sind das für Horx und seine Kollegen, ein Wort, auf das man ja auch erst einmal kommen muss. Silverpreneure am Business-Hub mit Wohlfühlfaktor! Was immer Frankfurt / Rhein-Main noch braucht – an kreativen Sprachkünstlern jedenfalls fehlt es der Region ganz offenbar nicht.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Helmut Fricke