15. März 2006 Wie das Wetter war, können Hersteller von Arzneimitteln und Gesundheitsprodukten mitunter am Umsatzverlauf ablesen. Zum Beispiel die Merz KGaA in Frankfurt. Der wunderbar warme Herbst verhagelte dem Konzern, der unter anderem Erkältungsbäder und Wellness-Bäder der Marke Tetesept herstellt und vertreibt, etwas das Geschäft. Der kalte und lange Winter entpuppte sich dagegen als wirtschaftlich wohltuend.
Gut gelaufen ist für Merz auch das jüngste Geschäftsjahr. Der Umsatz kletterte um elf Prozent auf 420 Millionen Euro. Vor Zinsen und Steuern verdiente der Konzern knapp 75 Millionen Euro. Unter dem Strich stand ein Gewinn von 52 Millionen Euro. Seit dem Jahr 2004 hat sich das an der Eckenheimer Landstraße ansässige Unternehmen sehr positiv entwickelt; das gilt besonders für die Pharma-Sparte, wie Vorstandschef Jochen Hückmann sagt. Und in den ersten sechs Monaten des laufenden Geschäftsjahrs 2005/06 hat Merz nochmals deutlich zulegen können.
Alzheimer-Mittel Axura
Die Erlöse mit Arzneimitteln sind um ein Fünftel auf gut 229 Millionen Euro gestiegen. Mit Verbraucherprodukten wie Tetesept-Mitteln oder Merz Spezial Dragees hat das Unternehmen 119,5 Millionen Euro umgesetzt - und mit Schreibgeräten von Senator 68,6 Millionen Euro. Unter den Medikamenten ragt wiederum das Alzheimer-Mittel Axura hervor.
Das Wachstum bei diesem Produkt nennt Hückmann besonders beeindruckend. 600 Millionen Dollar hat der Mittelständler vom Main mit Axura zusammen mit seinen Vertriebspartnern Lundbeck in Skandinavien und Forest Laboratories in Amerika insgesamt erlöst. Es ist nicht üblich, daß ein Unternehmen wie wir in solche Regionen vorstößt, hebt der Chef hervor. Die Zahl der Neuverschreibungen ist in Amerika, dem wichtigsten Pharmamarkt, um 30 Prozent gestiegen.
So konnte Merz bei Alzheimer-Mitteln zum zweitgrößten Anbieter hinter dem Branchenriesen Pfizer aufsteigen - wobei Axura weiter das einzige Medikament ist, das gegen schwere Demenz zugelassen ist. Zudem darf es bei mittelschweren Verlaufsformen sowie seit dem vergangenen Herbst auch bei moderateren Schweregraden verschrieben werden. Und Merz will seinen Rang verteidigen: Gemeinsam mit Forest arbeitet das Unternehmen an einer Nachfolgesubstanz für Axura.
Wir stellen weiter ein
Besser als gedacht läuft auch das erst seit Juli vergangenen Jahres hierzulande vertriebene Mittel Xeomin, das gegen die dauerhafte Verkrampfung von Muskeln gespritzt wird. Merz bemüht sich um die baldige Zulassung in Europa und hat den amerikanischen Markt im Visier.
Parallel dazu fährt der Konzern seine Ausgaben für Forschung und Entwicklung hoch - zuletzt betrug das Plus etwa 40 Prozent. Auf diese Weise will das Unternehmen auf dem Wachstumspfad bleiben und der ständigen Herausforderung gerecht werden, neue Medikamente auf den Markt zu bringen. Um ein Drittel ist das Forschungspersonal aufgestockt worden, wie Spartenchef Martin Zügel sagt. Und: Wir stellen weiter ein.
Da die räumliche Enge am Stammsitz dem weiteren Wachstum Grenzen setzt, hat das Unternehmen entschieden, einen Teil der Forschung auszulagern. Bei der Suche nach der Antwort auf die Frage, wo Innovationen am besten fortzusetzen seien, ist Merz auf das FIZ gestoßen: das Frankfurter Innovationszentrum Biotechnologie auf dem Niederurseler Campus, wo künftig etwa 30 Mitarbeiter forschen werden.
Neurologische Forschung im FIZ
Das FIZ biete genügend Flexibilität, um bei Bedarf mehr als die im ersten Schritt gebuchten 1500 Quadratmeter zu mieten. Merz will dort präklinische neurologische Forschung betreiben sowie ein Biotechnikum einrichten, um Xeomin weiterzuentwickeln. Der im Rhein-Main-Gebiet 850 Beschäftigte und weltweit 1800 Mitarbeiter zählende Konzern erhofft sich auch Vorteile durch den Gedankenaustausch mit Biotechnologen anderen Firmen und Instituten auf dem Campus.
Weiterentwickelt hat das Unternehmen im übrigen auch seine Tetesept-Palette, die um Duschbäder ergänzt worden ist. Nicht zuletzt will es laut Hückmann die Schönheit von innen versprechenden Spezial Dragees revitalisieren. Einer Umsatzstagnation zum Trotz seien die Dragees weiter eines der führenden Produkte unter den Schönheitspillen - und gehörten zu einem Wachstumsmarkt.
Seine Pläne, aus eigener Kraft weiter zu expandieren sowie auch durch Zukäufe zu wachsen, will die Unternehmensgruppe mit eigenen Mitteln verwirklichen. Ein Börsengang, mit dem der Konzern frisches Geld einnehmen könnte, ist nicht geplant, wie Hückmann sagt. Allerdings verfügt Merz über einen sogenannten Investmentgrad, der dem Unternehmen eine solide finanzielle Verfassung bescheinigt. Die Forschungskosten hält Merz nach eigenen Angaben im Zaum, indem sich das Unternehmen auf wenige Produkte konzentriert, statt wie andere Arzneimittelhersteller in die Breite zu gehen. Dessen ungeachtet gilt der Konzernführung die Börse als Benchmark, also als Maßstab. Denn dort gilt es, kurzfristige Ziele zu verfolgen und Erwartungen zu erfüllen, ohne langfristige Pläne aus den Augen zu verlieren. Hückmann: Es soll so sein, daß wir jederzeit an die Börse gehen könnten.
Text: F.A.Z., 16.03.2006
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