Energie

Die Abfälle, die Gesundheit, die Arbeitsplätze

Von Thorsten Winter

15. Mai 2007 Was auch immer er sagt. Zu überzeugen vermag Roland Mohr sie nicht, die Männer und Frauen in den Reihen vor sich, die erklärten Gegner der sogenannten Ersatzbrennstoffanlage, die der von Mohr und Jürgen Vormann geführte Industrieparkbetreiber Infraserv Höchst bauen will. Vielmehr lassen die meisten von jenen, die an diesem Montagabend auf Einladung von Infraserv ins Höchster Bildungs- und Kulturzentrum gekommen sind und mitreden, keinen Zweifel daran: Sie lehnen das geplante Großprojekt im Industriepark, das wahlweise als Müllverbrennungsanlage oder Kraftwerk betitelt wird, strikt ab.

So wie etwa die Frau in den Dreißigern mit dunkelgrünem Pulli, Bluejeans und den blonden Strähnchen im braunen Haar: Sie klatscht heftig Beifall, als eine Frau aus der Nachbarschaft des Industrieparks Mohr vorwirft, Infraserv sei nur auf Profite aus und die Anlieger des Geländes der früheren Hoechst AG seien dem Unternehmen „scheißegal“. Sie juchzt begeistert, als in dem mit rund 200 Leuten besetzten Saal der Verdacht laut wird, die Betriebsräte von Firmen im Industriepark, die sich für die Anlage, in der von 2009 an vorsortierter Bau- und Gewerbemüll verbrannt werden soll, aussprechen, seien wohl unter Druck gesetzt worden von ihren Brötchengebern.

„Ach, wie blöd“, meint sie dagegen auf den Einwand einer Arbeitnehmervertreterin des Arzneimittelherstellers Sanofi-Aventis, die 40 neuen Arbeitsplätze, die mit der Anlage einhergehen sollen, seien wichtig. Und: „Oh wie dumm“ entfährt es ihr, als ein Vertreter der Chemiegewerkschaft meint, dem Großprojekt komme eine Schlüsselrolle für die Ansiedlung weiterer Firmen im Frankfurter Westen zu, weil es die Stromversorgung sicherstellen solle - da fasst sie sich an den Kopf. Obwohl der Gewerkschafter Beifall für seinen Beitrag einheimst, die Belastungen der Anlieger durch die Anlage müssten reduziert werden, aber es könne nicht um Fundamentalopposition gegen dieses Vorhaben gehen.

Mit diesem Hinweis hat der Gewerkschafter auch erkennbar den Nerv der Wortführer der Kritiker getroffen, die bei Mohr auf dem Podium sitzen. So meint Thomas Schlimme von der Initiative „Schnüffler un' Maagucker“, das Arbeitsplatz-Argument sei für die Anlieger nicht so richtig überzeugend angesichts der mit dem Ausstoß von Schwermetallen, Giften und anderen Schadstoffen durch die Anlage verbundenen Risiken. Doch weist er auch den Verdacht von sich, etwas gegen neue Stellen zu haben. Und verweist auf Pläne eines holländischen Unternehmens, das im Industriepark Griesheim ebenfalls 40 Leute für ein Kraftwerk einstellen will, aber plant, Gas als Energielieferant und nicht Müll einzusetzen. Daran solle sich Infraserv ein Beispiel nehmen.

Ähnlich argumentiert Sieghard Pawlik von der Bürgerinitiative Sindlingen, die in der Gegnerschaft zu dem 200 Millionen Euro teuren Infraserv-Projekt auf das „Menschenrecht gesunde Umwelt“ pocht. Müll auf dem Gelände seines früheren Arbeitgebers zu verbrennen ist ihm zuwider, wittert er doch Geschäftemacherei auf Kosten der Gesundheit der Anlieger. Mohr solle doch wenigstens ausschließen, dass dereinst vorsortierter Müll aus grenznahen Gebieten oder gar dem Ausland nach Frankfurt gekarrt werde, fordert er. Und ein Anwalt der Stadt Kelsterbach meint, niemand zwinge Infraserv, Müll zu verbrennen.

Mohr entgegnet der vielstimmigen Kritik, es gehe Infraserv nicht darum, den Bürgern etwas zuzumuten oder Gesundheitsschäden zu provozieren - sondern vielmehr um den Bau einer Anlage, die den strengsten Anforderungen in der Welt entspreche. Nur beim Ausstoß von Stickoxiden liege die Anlage über den Grenzwerten, sonst immer darunter. Der Einsatz von Ersatzbrennstoffen ist, wie er weiter sagt, ökologisch sogar sinnvoll und die Anlieferung mit Lastwagen kein Problem. „Es wird kein Laster durch Kelsterbach rollen“, verspricht er. Die Gegner der Anlage hören seine Worte, allein fehlt ihnen der Glaube. Im Fall zweier Frauen ist das schon deshalb so, weil ihre Böden daheim bereits vor Jahren mit Giften über Gebühr belastet gewesen sind und ihnen geraten wurde, kein Gemüse mehr anzubauen, wie sie klagen. „Wir sind schon verpestet, jetzt soll noch Cholera hinzukommen.“



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Infraserv

 

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