Home
 

Krisenmanagement bei Lufthansa

„Das war kein Angebot, sondern eine Provokation“

Lufthansa-Konzernbetriebsratschef Eckhard Lieb weiß wohl, dass Krise und Konkurrenz an vielen Stellen im Konzern Ertrag und Jobs unter Druck gebracht haben. In Rhein-Main sieht er Beispiele für sehr gutes Krisenmanagement, aber auch welche für ein schlechtes.

Von Jochen Remmert, Frankfurt

Eckhard Lieb, Lufthansa-Konzernbetriebsratschef, sieht gute und schlechte Beispiele für Krisenmanagement in Rhein-MainEckhard Lieb, Lufthansa-Konzernbetriebsratschef, sieht gute und schlechte Beispiele für Krisenmanagement in Rhein-Main

13. Februar 2010 

Eckard Lieb neigt nicht zum raschen Urteil. Der Mann, gelernter Triebwerksmechaniker aus Hamburg, ist seit 36 Jahren bei der Lufthansa, hat schon etliche Krisen der Branche und der Kranichlinie im besonderen gesehen.

Umso mehr kann sich Carsten Spohr, Vorstandsvorsitzender der Lufthansa Cargo AG, darüber freuen, dass Lieb das Krisenmanagement bei der Frankfurter Frachttochter des Luftfahrtkonzerns für hanseatische Verhältnisse fast euphorisch lobt: „Es ist schon bemerkenswert, wie beherzt der Vorstand und die Kollegen auf die Krise reagiert haben und in die Kurzarbeit gegangen sind. Sie haben es gemeinsam geschafft, in kürzester Zeit dem Umsatzeinbruch von rund einer Milliarde Euro Kosteneinsparungen von 750 Millionen Euro entgegenzusetzen“, beschreibt Lieb die Cargo-Krisenstrategie. „Das alles zeigt, wie professionell die Lufthansa Cargo mit der Krise umgeht“, fügt er hinzu.

Mit Qualität erfolgreich

Dass es der Frachtlinie in einem von Überkapazitäten und Dumpingpreisen gekennzeichneten Markt im letzten Quartal 2009 gelungen ist, eine Preiserhöhung durchzusetzen und den Negativtrend zu stoppen, wertet der Konzernbetriebsratschef als Beleg dafür, dass eine Airline auch im Frachtmarkt mit Qualität erfolgreich sein kann. Mehr Sorge als jede schwierige Marktlage und von Regierungen subventionierte Konkurrenz bereitet Lieb ein möglicherweise vollständiges Nachtflugverbot in Frankfurt: „Es darf nicht passieren, dass die Fracht am Ende der Verlierer einer Nachtflugbeschränkung in Frankfurt ist. Es ist klar, dass ein Flughafen auch Lärm verursacht, aber Frankfurt ist eben auch ein ganz großer Wirtschaftstreiber, ist sehr wichtig für Arbeitsplätze, letztlich für das Gemeinwohl insgesamt.“

Lieb, dessen Lebensgefährtin unweit des Flughafens Frankfurt wohnt, bestreitet gleichwohl nicht, dass es notwendig ist, die Belastung für die Anrainer so gering wie möglich zu halten und einen Ausgleich zu schaffen. So weist der Triebwerksexperte darauf hin, dass die Belastung stark davon abhängt, welches Fluggerät eingesetzt wird.

Schlechtes Krisenmanagement in Kassel

Ein Beispiel für schlechtes Krisenmanagement bei der Lufthansa sieht Lieb dagegen im Fall des Service-Centers in Kassel. Es wird wohl zur Mitte dieses Jahres geschlossen werden. Zuvor hatte die Unternehmensleitung die Mitarbeiter wissen lassen, dass eine Schließung nur dann vielleicht zu verhindern sei, wenn die Personalkosten für die 180 dort beschäftigten Frauen und Männer um rund 40 Prozent gesenkt würden. „Das war kein Angebot, sondern eine Provokation, auf die kein Mitarbeiter, kein Betriebsrat und auch keine Gewerkschaft hätte eingehen können“, sagt Lieb und fügt an: „In der Analyse muss man sagen, dass die Unternehmensleitung von Beginn an entschlossen war, den Standort zu schließen.“ Anders seien die Forderungen letztlich nicht zu deuten. Genau so hatte das auch der bei der Gewerkschaft Verdi zuständige Bereichsleiter in Hessen, Gerold Schaub, im Gespräch mit dieser Zeitung interpretiert, als Affront und nicht verhandelbar.

Für Lieb, ebenfalls Verdi-Mitglied, steht außer Frage, „dass wir die hohe Qualität von Kassel gut hätten nutzen können“. Gerade die Vielflieger und Businesskunden erwarteten von der Lufthansa sehr gut qualifiziertes Personal, gerade das sei in Kassel vorhanden. Abgesehen davon hätten die Kasseler Lufthanseaten vor gut fünf Jahren schon einmal auf Teile des Einkommens verzichtet, um den Standort zu sichern. Gleichwohl sieht Lieb kaum mehr eine realistische Chance für den Erhalt des Kasseler Centers: „Dort verhandelt man ja nun schon den Sozialplan“, sagt er.

„Arbeit muss anständig entlohnt werden.“

Sorge bereiten Lieb in Blick auf Rhein-Main schließlich auch die immer wieder zu hörenden Gerüchte, die Lufthansa ziehe in Erwägung, sich von ihrer Cateringtochter LSG Sky Chefs zu trennen. „Ich sehe die Gefahr“, sagt er. „ Wir haben dort eine große Auseinandersetzung. Die Arbeitsplätze sind unter Druck, und das sind alles keine Großverdiener. Andererseits ist Essen gerade in der Business und First Ausweis von Qualität. Das sollte einem Unternehmen etwas wert sein.“

Es könne nicht sein, dass am Ende die Qualität stimme, die Leute aber zwei oder drei Jobs brauchten, um ihre Familie ernähren zu können. „Unser Land wäre nicht dort, wo es ist, wenn es nicht immer einen vernünftigen Ausgleich im Sinne der Sozialen Marktwirtschaft gegeben hätte, das gilt auch heute. Arbeit muss anständig entlohnt werden“, fordert der Konzernbetriebsratschef.

Verhandlungslösung suchen

Zum drohenden Pilotenstreik bei der Lufthansa nimmt er nicht im Detail Stellung. Im Gespräch belässt er es bei einem Appell an die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit und den Vorstand der Passage, eine Verhandlungslösung zu suchen, weil die Auseinandersetzung massive Folgen für den ganzen Konzern habe.

Große Sorge bereitet Lieb schließlich auch die Entwicklung bei Eurowings. Die Lufthansa-Tochter mit zurzeit rund 1250 Beschäftigten legt mit Beginn des Sommerflugplans Ende März 19 ihrer 34 Flugzeuge still, weil die kleinen 50-Sitzer-Maschinen als nicht mehr rentabel gelten. „Da werden 700 Arbeitsplätze abgebaut, das betrifft nicht nur Cockpit und Passage, sondern eben auch die Kabine und die Kollegen am Boden“, berichtet Lieb. „Die Mitbestimmung fordert vom Vorstand, dass er sich seiner sozialen Verantwortung bewusst ist und auch so handelt. Natürlich muss es da eine Anstrengung des Konzernvorstands geben, zu sehen, wo diese Mitarbeiter künftig im Konzern arbeiten können“, fordert er.

Marke Lufthansa als Garant für Qualität

Dass das zurzeit besonders schwierig ist, weiß Lieb allerdings sehr gut. Überall im Konzern laufen Programme mit dem Ziel, Personalkosten zu senken. Der Konzernvorstand hat zwar die Losung ausgegeben, betriebsbedingte Kündigungen würden nach Möglichkeit vermieden. Sicher ist nach Lage der Dinge aber längst nicht, dass der Jobabbau in dem Konzern, der mehr als 118 000 Mitarbeiter weltweit zählt, tatsächlich nur über Fluktuation und in solchen Fällen übliche Abfindungsangebote zu erreichen ist. Die Arbeitnehmervertretung des Lufthansakonzerns wird den Vorstand daran messen, inwieweit er seiner eigenen Vorgabe tatsächlich folgt, wie Lieb weiter sagt. Für den Arbeitnehmervertreter steht außer Frage, dass die Marke Lufthansa als Garant für Qualität sowohl für den Passagier wie beispielsweise auch für den Technikkunden ein wertvoller Wettbewerbsvorteil ist.

Die Aufregung innerhalb der Lufthansa über Äußerungen des stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden Christoph Franz, die Lufthansa müsse sich mehr die Billig-Airlines zum Vorbild nehmen, ist nach Liebs Einschätzung wieder deutlich abgeflaut, nachdem sich Franz in bestimmten Punkten korrigiert habe. Wohl aber habe er, „was die Sprache und die Verbundenheit angeht, schon noch ein kleines Lerngap“, also eine Lücke, sagt Lieb.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Frank Röth

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2010.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben

Wer hat am Ende die Nase vorn: Eintracht oder Mainz 05?

Ergebnis
In 
Anzeigen des Monats
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche