Ostergeschäft

Die zweitbeste Zeit des Jahres

Von Thorsten Winter

14. April 2006 Es muß nicht stets der Mai sein, der alles neu macht. Bisweilen kommt die Wende zum Besseren schon ein paar Monate früher, so wie es derzeit der Fall zu sein scheint. Selbst Geizhälse scheinen umgedreht zu werden und halten nicht mehr jeden Euro fest. Doch der Reihe nach: Der Einzelhandel galt seit Jahren als ein Sorgenkind der deutschen Wirtschaft. Der Verbraucher hatte lange Zeit eher dem Sparen zugeneigt als dem Verbrauch. Fast elf Prozent des verfügbaren Einkommens sind durchschnittlich auf die hohe Kante gelegt worden angesichts steigender Steuern und der Unsicherheit, wie lange einem der Arbeitsplatz bleibt. Eine Folge: sinkende Umsätze im Einzelhandel. Doch dieser Tage sind neue Töne zu hören.

Einzelhändler beurteilen die Geschäftslage und die Aussichten so günstig wie seit Jahren nicht mehr. Analysten von Investmentbanken wie Elga Bartsch und Thomas Gade von Morgan Stanley blasen ins gleiche Horn: Die Aussicht auf eine Erholung des Konsums ist seit 2000 nicht mehr so hell gewesen, wie sie meinen. Und dieser Zuversicht entspricht vielerorts fröhliches Klingeln der Kassen, wie Frank Albrecht sagt: „Ei gut“, antwortet der Präsident des hessischen Einzelhandels - jahreszeitgemäß - auf die Frage, wie denn das Ostergeschäft bisher verlaufen sei. Begründung: „Es gibt in diesem Jahr keine Faktoren, die die Konsumfreude stören könnten.“ Vielmehr erfreuten sich auch Textilhändler nach zwei flauen Wochen im März, die ein Minus von elf Prozent beim Umsatz gegenüber 2005 gebracht hätten, an wieder steigenden Erlösen und machten die Lücke bei den Verkäufen wett.

Volle Delikateßläden und Chocolaterien

Dessenungeachtet verweist Albrecht auf den im Vergleich zu den Weihnachtsfeiertagen anderen Status des Osterfests. An diesen Tagen versammelten sich die Familien nicht an einem Tisch. Vielmehr stünden Besuche bei der Verwandtschaft auf dem Programm. Und um nicht mit leeren Händen zu den Lieben gehen zu müssen, steht zuvor der Kauf von Mitbringseln an. Zudem profitiert nach den Worten von Albrecht der Lebensmittelhandel von den Ostertagen. Leidet er sonst unter den im europäischen Vergleich sehr niedrigen Preisen, so gibt es an den Festtagen den Trend, sich etwas Besseres zu leisten als im Alltag. Deshalb sind Delikatessläden und Chocolaterien nach seiner Beobachtung an den vergangenen Tagen besonders voll gewesen. So wie „Bitter & Zart“ an der Domstraße in Frankfurt.

Der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels in Berlin beurteilt das Ostergeschäft ähnlich wie Albrecht, der in Frankfurt eine Parfümerie führt. Ostern ist für die Händler auf jeden Fall ein Höhepunkt im Jahr: zwar bei weitem nicht derart umsatzträchtig wie die Advents- und Weihnachtszeit, aber wichtiger als zum Beispiel der Valentinstag oder Halloween - mithin die zweitwichtigste Zeit des Jahres. Bücher, Tonträger und Parfüms, vor allem aber Spielzeug aller Art wird gekauft, wie Sprecherin Ulrike Hörchens sagt. „Ostern ist das Geschenkefest für die Kinder.“

Urlaubssperre, damit andere einkaufen können

Wie gut das Geschäft diesmal gelaufen ist, kann der Hauptverband jedoch nicht sagen. Denn anders als im Weihnachtsgeschäft befragt er seine Mitglieder nicht. Der Grund: Da Ostern jedes Jahr zu einer anderen Zeit gefeiert werde, ließen sich die Umsatzzahlen nicht vergleichen. Genauso wie der Präsident des hessischen Einzelhandels erwartet der Berliner Hauptverband einen umsatzstarken Samstag, an dem sich die Menschen für das Festtagsessen eindecken oder aus Spaß einkaufen. Für viele Beschäftigte des Handels bedeutet das: Urlaubssperre. Damit andere Geld ausgeben können.



Text: @thwi
Bildmaterial: F.A.Z. / Foto Andreas Müller

 

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