Von Helmut Schwan und Thorsten Winter
13. April 2008 Am 30. Juni 2011 wird es, wenn alles gut geht, viele Sieger geben, und vielleicht fließt dann auch etwas Schampus im Industriepark Frankfurt-Höchst. Der Ministerpräsident oder die Ministerpräsidentin könnte einen Schalter umlegen und das neue Werk auch offiziell in Betrieb nehmen – als Symbol für Vernunft, Prosperität und gute Nachbarschaft in der Region. Flughafen-Manager stoßen mit Chemie-Managern an und vergessen den dummen Zwist um Absturzwahrscheinlichkeiten, Horrorszenarien und Wirbelschleppen, die Arbeiter von den Anlagen wehen.
Am 30. Juni 2011 wird alles gut sein – bis dahin gilt es nur noch, auf eine Distanz von sieben Kilometer Luftlinie und mit einem Polster von 670 Millionen Euro ein logistisches Abenteuer zu bestehen. Viel Luft ist nicht im Zeitplan, zum Teil muss man wegen der Hochkonjunktur in Asien Lieferzeiten von zwei Jahren einkalkulieren. Ticona hat daher eine Vorabgenehmigung beantragt, um schon im Mai mit den Arbeiten am Fundament beginnen zu können. Wenn im Genehmigungsverfahren alles glatt läuft (der Erörterungstermin steht bevor), rechnet man im September mit dem positiven Bescheid des Regierungspräsidiums und anschließend angesichts nur weniger Einwendungen mit wenig Streit vor Gericht.
10.000 Tonnen Stahl, 600 Kilometer Kabel
Wer sich in diesen Tagen im alten Kelsterbacher Werk des Kunststoffherstellers umschaut, ahnt, was am neuen Standort im Industriepark Höchst von Grund auf mit der Hilfe von Hunderten Ingenieuren aus den Niederlanden geschaffen werden muss: 10.000 Tonnen Stahl, 600 Kilometer Kabel und 100 Kilometer Rohre, 4000 Kubikmeter Beton, ganz zu schweigen von Hunderten Apparaturen der neuesten Generation, sollen sich zu etwas fügen, das Produkte in gewohnter Güte bei gewohnt hohem Sicherheitsstandard entstehen lässt.
Die Palette bleibt die gleiche. Ticona bietet ein breites Sortiment an sogenannten technischen Kunststoffen an. Aus Hostaform“, der das Werk als Granulat verlässt, werden allerlei Teile geformt, die auch im Alltag verwendet werden, zum Beispiel Feinsiebe für Geschirrspüler oder auch Bauteile für Airbags oder Handys. Auch in Inhalatoren für Asthmatiker stecken Erzeugnisse von Ticona – und in Flugzeugen.
Schweigen über Investitionssumme
Wie viel Geld die Tochtergesellschaft des in Dallas sitzenden, weltweit operierenden und auch so denkenden Chemiekonzerns Celanese für die neue Anlage ausgeben muss, behält Ticona-Geschäftsführer Joachim Gersdorf standhaft für sich, nennt nicht einmal eine ungefähre Größe. Auch Betriebsratschef Axel Weidner kennt die Investitionssumme nach eigenem Bekunden nicht. Die Summe atmet“, sagt er vieldeutig. Sie bleibt Geschäftsgeheimnis nicht zuletzt, weil Ticona wohl die Diskussion vermeiden will, wie viel von der Ablöse“, die Fraport zahlte, Tribut dafür gewesen sein könnte, dass man den Bau einer neuen Landebahn nicht noch auf Jahre durch Rechtsstreitigkeiten verzögere.
Dass sich der Umzug“ – nur wenig wird tatsächlich mitgenommen – für den Celanese-Konzern rechnet, ist schon an den Plänen und Zahlen abzulesen: Das neue Werk entsteht auf einem deutlich kleineren Gelände als in Kelsterbach. Während die Ticona dort über 35 Hektar verfügt, belegt sie auf dem Areal der ehemaligen Hoechst AG südlich des Mains in Nachbarschaft zum neuen Logistikzentrum künftig zehn Hektar. Schlanker ist effizienter: Statt 110.000 Tonnen in der Spitze wie derzeit will das Unternehmen künftig bis zu 140.000 Tonnen und später sogar 170.000 Tonnen Kunststoffe im Jahr herstellen – mit weniger Mitarbeitern. Derzeit produziert das Unternehmen mit 350 Leuten, künftig sollen rund 280 genügen.
Ticona stellt derzeit ein
Der Personalabbau erklärt sich aus der Tatsache, dass das Werk die nötige Energie, vor allem Dampf, beim Industrieparkbetreiber Infraserv einkauft, statt sie weiter selbst zu erzeugen. Zudem führt die mit dem Neubau unweigerlich verbundene Modernisierung zu sogenannten Produktivitätsgewinnen, wie es auch beim Betriebsrat heißt. Auf längere Sicht werden Stellen abgebaut, gekündigt wird aber niemandem, lautet die Vereinbarung. Schon deswegen, weil Mitarbeiter gebraucht werden, um, wie mit der Fraport AG vereinbart, das Werk in Kelsterbach bis 2013 abzureißen und das Gelände frei von Kontaminationen zu übergeben. Außerdem übernimmt der Betreiber des Industrieparks in Höchst, Infraserv, 25 der 50 Mitarbeiter, die sich um die Energieerzeugung kümmern, wie Gersdorf berichtet.
Derzeit stellt Ticona sogar ein. Die etwa 20 neuen Mitarbeiter werden mit Aufgaben im laufenden Betrieb vertraut gemacht. Der Hintergrund: Eine neue Chemiefabrik kann nur Schritt für Schritt hochgefahren“ werden. Teile der neuen Anlage sollen nach den Worten von Projektleiter Matthias Göring schon Mitte 2009 in Betrieb genommen werden, 2010 sollen die Werke parallel produzieren, um die Abläufe in Höchst auf Kelsterbacher Niveau zu bringen. In dieser Zeit wird die Belegschaft am alten Standort auf eine im Vier-Schicht-Betrieb gerade noch zu vertretende Stärke reduziert werden müssen. Ein Sommermärchen 2011 fordert von den Ticona-Mitarbeitern einen ähnlichen Tribut wie 2006 die Fußball-WM von den Polizisten: Urlaub werde in den heißen Wochen nur in Ausnahmefällen gewährt, kündigt Geschäftsführer Gersdorf schon jetzt an.
Keine Opposition zum Flughafenausbau
Wenn die Premierengäste dann beim Rundgang blitzende Kolonnentürme bewundern und über computergesteuerte Produktionsanlagen staunen, wird womöglich noch einmal getuschelt werden. Ob nicht die ganze Aufregung darüber, dass der Flughafen in unmittelbarer Nachbarschaft Hunderte Arbeitsplätze vernichte, unnötig gewesen sei, weil doch der Industriepark in Höchst das naturgegebene Ausweichquartier gewesen sei? Nein, beteuert der Geschäftsführer, es habe einen echten Wettbewerb der Standorte gegeben, an dem bekanntlich auch das ehemalige Chemiezentrum der DDR in Leuna beteiligt war. Drei Kriterien seien bei den völlig offenen Gesprächen“ in der Celanese-Zentrale in Dallas entscheidend gewesen: Mitarbeiter, Energie und Logistik. Die Kenntnisse der alten sehr motivierten“ Belegschaft sprachen dafür, in der Region zu bleiben. In der Frage der Energieversorgung habe sich Infraserv sehr bewegt“, und der nahe Main erleichtert den Transport gewaltiger Lasten.
Und der nahe Flughafen ist wichtig, um die Produkte just in time“ zu den Kunden zu bringen. Ticona hatte, wie das Unternehmen trotz der harschen Auseinandersetzung um die Lage der Landebahn stets hervorhob, im Prinzip nie etwas dagegen, dass der Flughafen ausgebaut wird. Jetzt schon gar nicht mehr.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Infraserv
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