Von Jochen Remmert
29. April 2008 Als der Ingenieur chinesischer Herkunft endlich gefunden ist, dauert es noch weitere zwei Monate, bis der Friedberger Automobilzulieferer Erich Jäger GmbH & Co. KG den händeringend gesuchten Fachmann auch tatsächlich einstellen kann. Formal ist es bei dem Fall, den Karl-Heinz Gloe, Geschäftsführer des Zulieferers mit weltweit rund 750 Mitarbeitern, gestern bei einer Veranstaltung der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände schilderte, durchaus mit rechten Dingen zugegangen. In der Praxis stehen aber gerade die oft mittelständischen Zulieferbetriebe der Automobilbranche derart unter Wettbewerbsdruck, dass sie sich einen Zeitverlust dieser Art kaum leisten können.
Das sogenannte Vorrangprinzip sorgt dafür, dass auch bei offenen Stellen erst einmal ein Mitarbeiter der Arbeitsagentur schaut, ob der Arbeitsmarkt in Deutschland und in den anderen Ländern der Europäischen Union nicht einen ebenso geeigneten Bewerber bietet. Erst wenn das nach Einschätzung des Agenturmitarbeiters nicht der Fall ist, kann ein Bewerber wie der Ingenieur aus China zum Zuge kommen, wie die Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit bestätigt.
In Hessen werden 5100 Ingenieure gesucht
Die Unternehmerverbände wollen das Prinzip und weitere Vorschriften, die eine arbeitsorientierte Zuwanderung“ aus aller Welt erschwert, abschaffen. Hauptgeschäftsführer Volker Fasbender forderte gestern die hessische Landesregierung auf, eine Bundesratsinitiative mit dem Ziel auf den Weg zu bringen, eine offensive Zuwanderungspolitik“ in Deutschland zu etablieren. Er ist sich sicher, dass eine rasche Zuwanderung von Fachleuten aus dem Ausland keine schädliche Wirkung auf den nationalen und hessischen Arbeitsmarkt habe, sondern die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wirtschaft steigere und damit auch die Arbeitsplätze sichere. Gerade für eine Drehscheibe der weltweiten Waren- und Finanzströme, wie die Rhein-Main-Region sie darstelle, sei eine solche Internationalität unbedingt notwendig. Konkrete Kontakte in dieser Sache gibt es bislang zwischen Verband und Landesregierung allerdings noch nicht.
Dass es leichter und schneller gehen muss, aus China, Indien oder anderswo her Fachleute nach Deutschland zu holen, wenn sich hier partout keine geeigneten Interessenten finden, ist nach Auffassung der Wirtschaft nicht zu bestreiten: Nach einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln im Auftrag des Vereins deutscher Ingenieure suchen Unternehmen bundesweit zurzeit rund 95 000 Ingenieure, alleine in Hessen sind es zuletzt gut 5100 gewesen.
Ganz neu ist das Problem nicht
Angesichts dieser Situation kann Jäger-Geschäftsführer Gloe es nicht recht nachvollziehen, weshalb ihn die gegenwärtige Rechtslage in Deutschland dazu zwingt, erst noch einmal Kandidaten zu treffen, die ein Arbeitsvermittler der Bundesagentur für Arbeit für geeignet hält, obwohl sein Haus, das unter anderem in China fertigt, endlich einen Ingenieur der gesuchten Fachrichtung gefunden hat, der auch ohne Schwierigkeiten mit den Kollegen in der chinesischen Dependance kommunizieren kann. Ganz neu ist das Problem nicht, und erste Initiativen, Abhilfe zu schaffen, gibt es auch.
So versuchen, auf Initiative der hessischen Landesregierung, schon seit Ende vergangenen Jahres die regionale Standortmarketing-GmbH Frankfurt-Rhein-Main und alle für die Ansiedlung ausländischer Unternehmen und den Zuzug ausländischer Fach- und Führungskräfte zuständigen Stellen, über Fälle wie den des chinesischen Ingenieurs innerhalb von höchstens vier Wochen zu entscheiden. Beteiligt sind unter anderem die Städte Frankfurt, Wiesbaden und Rüsselsheim, der Main-Taunus-Kreis, der Hochtaunuskreis, die Industrie- und Handelskammer Frankfurt und die Bundesagentur für Arbeit.
Jäger-Geschäftsführer Gloe: Gefahr für deutsche Standorte
Schneller werden solche Entscheidungsprozesse vor allem durch die Information der Firmen und der Einreisewilligen. Deshalb versorge man die Interessenten möglichst schon in den Herkunftsländern mit den wichtigsten Informationen, wie eine Sprecherin der Wirtschaftsförderung gestern sagte. Im Wettbewerb der Standorte können wir uns es einfach nicht leisten, langsamer zu sein bei solchen Dingen als andere Regionen.“ Wie aus dem Kreis der beteiligten Institutionen weiter zu hören ist, benötigen allerdings die Prüfungen der Fälle bei der Arbeitsagentur oft mehr als die vier Wochen, die sich alle Beteiligten vorgenommen haben. Das ist manchmal sehr schwierig mit der Arbeitsagentur, die haben wohl einfach zu wenig Leute“, heißt es.
Jäger-Geschäftsführer Gloe, dessen Haus am Stammsitz in Friedberg rund 120 Männer und Frauen vor allem in der Entwicklung beschäftigt, sieht durchaus eine Gefahr für deutsche Standorte, wenn hierzulande die Rekrutierung von Ingenieuren weiter schwierig bleibt. Es sei naheliegend, dass sich dann immer mehr Unternehmen dazu entschieden, nicht mehr nur im Ausland zu produzieren, sondern irgendwann auch die neuen Produkte dort zu entwickeln.
Text: F.A.Z.
Auf den Fersen von Barack Obama: Live-Reportage aus ![]()
Tour de France: Zoll untersucht Auto des Vaters der Schleck-Brüder
Leiter der JVA Rottenburg: "Mehr als Arbeit, Tristesse und dünne Suppe"
Was machen Sie angesichts der weiter steigenden Spritpreise?
