„Frankfurt 5“

Der Internetknoten wächst unaufhaltsam

Von Thorsten Winter

24. Juli 2008 Kaum hat Peter Knapp angefangen zu sprechen, da treten die Adern seitlich an seinem Hals hervor. Aber nicht, weil sich der Geschäftsführer der Interxion GmbH in Frankfurt ärgert. Er muss nur ziemlich laut reden, um gegen das Hintergrundrauschen anzukommen. Das Gebrumm kommt von der Kühltechnik der Halle, die bei dem Rechenzentrums-Betreiber im Osten der Stadt nur „Frankfurt 5“ genannt wird. Zwar herrscht im weißgetünchten, zehn Wochen vor dem geplanten Datum fertig gestellten „Frankfurt 5“ noch weitgehend gähnende Leere, allerdings nicht mehr lange: Drei Kunden, darunter das Eschborner Telekommunikations-Unternehmen Arcor und RTL Interactive, bauen schon Computer in der Halle auf, in die Interxion rund 15 Millionen Euro investiert hat. Zu ihnen wird sich die DE-Cix Management GmbH aus Frankfurt gesellen, wie ihr Geschäftsführer Harald Summa sagt. DE-Cix betreibt an der Hanauer Landstraße schon Rechner und leitet Daten zwischen Kunden via Internet weiter (siehe Kasten).

Wenn viele Rechner nebeneinander laufen, steigt die Temperatur rasch. Lässt sich in „Frankfurt 5“ doch auf gut einem halben Quadratmeter Fläche ein Rechner aufstellen, der so leistungsfähig ist wie 150 Personal Computer. Um angesichts dessen Wärmegrade wie in einer Sauna zu vermeiden und einen reibungslosen Betrieb zu gewährleisten, hat Interxion enorme Kühlkapazitäten eingebaut. So enthält das Klimasystem vier Tanklastzüge voll Kühlflüssigkeit, die durch den doppelten Boden unter den Computern geleitet wird. Zudem kann Interxion auch kalte Luft von außen nutzen, wie Knapp sagt. Das Leistungsvermögen der Klimaanlage entspricht nach seinen Worten etwa dem von rund 75.000 Kühlschränken. Dabei garantiert Interxion seinen Kunden eine bestimmte Luftfeuchtigkeit sowie eine gewisse Temperatur. Abweichungen von zwei Grad nach oben und nach unten sind erlaubt – wird es etwas wärmer, muss das Unternehmen einen Ausgleich zahlen, wie der Geschäftsführer erläutert.

Der Strom reicht für 75.000 Personen

Doch nicht nur mit der gigantischen Klimaanlage will und muss Interxion den Betrieb der Kunden-Rechner absichern – von zentraler Bedeutung ist eine rund um die Uhr gesicherte Stromversorgung. Und zwar eine „unterbrechungsfreie“, wie Knapp hervor hebt. Während bei jedermann zu Hause dann und wann eine Glühbirne flackere, ohne dass der Besitzer daran Anstoß nehme, reagierten die Rechner sehr empfindlich auf solche Schwankungen im Stromnetz. Um derart unerwünschten Ereignissen vorzubauen, verfügt Interxion über Batterien und Diesel-Aggregate, um die Stromzufuhr von außen abzusichern. Dabei erhält jeder Kunde laut Knapp zwei Zuleitungen, und jede ist im Hintergrund doppelt gesichert: Sollte im zweifelfalls ein Diesel-Aggregat ausfallen, würde ein anderes einspringen.

Angesichts solcher Erläuterungen schwant selbst dem Laien, dass das Geschäft von Interxion einen hohen Energieverbrauch bedingt. Um genau zu sein: Wenn „Frankfurt 5“ einmal voll ist, wird die Notstromversorgung ausreichen, um rund 35.000 Menschen mit Energie zu versorgen. Zusammen mit den vier zuvor in Betrieb genommenen Rechenzentren reicht der Strom sogar für rund 75.000 Personen. Anders gesagt: Bei Interxion wird künftig soviel Strom verbraucht wie in Gießen oder Fulda.

Besucher müssen auf die Waage

Und dabei wird es nicht bleiben, denn die Nachfrage nach Rechenzentrumsflächen in Frankfurt lässt nicht nach, im Gegenteil. Solche Kapazitäten sind rar in der Stadt, wie DE-Cix-Chef Summa sagt. So kann es nicht verwundern, dass Interxion sich schon mit dem Aufbau von „Frankfurt 6“ beschäftigt, wie Knapp nebenbei fallen lässt. Der Markt wächst nach seinen Worten mindestens aus zwei Gründen weiter. Zum einen lagern viele Unternehmen die Rechenzentren aus – weil ein Anschluss an den Internetknoten notwendig ist, hohe Anlageinvestitionen anfallen und das Leistungsvermögen einer einmal aufgestellten Anlage nicht flexibel ist. „Wir sind das schon, denn das ist unser Kerngeschäft“, sagt der Interxion-Chef. Zum zweiten machen Trends in der virtuellen Welt es nötig, Rechnerkapazitäten deutlich auszubauen. Als Beispiel nennt Knapp die Online-Spiele, die in Asien schon sehr populär und verbreiteter als hierzulande seien. Zumindest noch.

Zu den Dienstleistungen von Interxion zählt auch, Sicherheit zu gewährleisten. Zu diesem Zweck wird der Betrieb das ganze Jahr bewacht, Tag und Nacht. Auf den Dächern sind Kameras installiert. Und selbst der ausgewählte Kreis von Personen, der Zugang zu den Rechnern hat, wird vor und nach dem Einlass gewogen: damit keiner einen Computer klaut.

Immer mehr Osteuropäer wählen den Frankfurter Knoten

Wer über den Internetknoten im Osten von Frankfurt spricht, darf über Interxion nicht schweigen. Doch im selben Atemzug muss er im Grunde auch über De-Cix reden. Steht die Frankfurter De-Cix Management GmbH doch für „Internet Exchange“ - also einen Austauschknoten für Informationen, die über die Datenautobahn transportiert werden. De-Cix-Chef Harald Summa sagt mit Blick auf Interxion selbstbewusst: „Ohne mich wären sie gar nicht hier.“ Schließlich beschäftigte er sich schon mit dem Internet, bevor sich das niederländische Unternehmen in Frankfurt der Einrichtung von Rechenzentrumsflächen widmete, die von zahlreichen Kunden genutzt werden können, statt einer Firma vorbehalten zu sein; in der Fachwelt wird dieses Konzept „carrier-neutral“ genannt, wobei Carrier für Betreiber eines Datennetzes steht. Bevor Summa die Flächen von Interxion an der Hanauer Landstraße bezog, arbeitete er in der Mainzer Landstraße an etwas, das er rückblickend als „Anfänge des Internets in Deutschland“ bezeichnet. Mittlerweile steht De-Cix nach seinen Worten für den zweitgrößten Austauschknoten in Europa hinter Amsterdam und vor London. Während einst deutsche Kunden dominierten, wandelt sich das Bild. Immer mehr Firmen aus Osteuropa „haben mindestens eine Leitung zu uns“. Auch der israelische Datenverkehr mit arabischen Ländern laufe über Frankfurt. (thwi.)



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Dieter Rüchel

 

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