25. Oktober 2006 Zwischen acht und 13,30 Euro je Stunde sind derzeit auch ohne oder mit nur geringer Qualifikation in der Gebäudereinigungssparte zu verdienen, etwa bei der in Frankfurt ansässigen Wisag. Die Kelsterbacher FIS GmbH, die zum Frankfurter Fraport-Konzern gehört und Sicherheitsdienstleistungen anbietet, zahlt Einsteigern zwischen sieben und acht Euro - plus Zulagen. Allerdings verlangt die FIS eine Berufsausbildung, mindestens eine gewisse Berufserfahrung, und zu jung sollen Bewerber auch nicht sein.
Beim Zeitarbeitsunternehmen Randstad brummt derzeit das Geschäft, die Nachfrage nach Arbeitskräften steigt, wie Sprecherin Petra Timm sagt. Unter den vakanten Stellen seien durchaus auch einfachere Tätigkeiten, beispielsweise solche als Lagerarbeiter. Alle drei Unternehmen suchen mehr oder weniger ständig Personal.
Es gibt sie also nach wie vor, die Jobs für weniger gut qualifizierte Frauen und Männer - also gerade für jene Leute, von denen in den vergangenen Tagen in der neuen Unterschicht-Debatte soviel die Rede ist. In Hessen zählt zur Zeit etwa ein Viertel der Beschäftigten in Unternehmen zu dieser Gruppe, wie es bei der Regionaldirektion der Arbeitsagentur heißt.
Millionen Jobs sind weggefallen
Doch die Chancen haben sich in den vergangenen 30 Jahren rapide verschlechtert, wie Hannelore Plicht vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sagt. Und so wird es wohl weitergehen. Waren 1975 in der damaligen Bundesrepublik noch 9,1 Millionen Menschen ohne Berufsausbildung erwerbstätig, so waren es 2004 in Westdeutschland nur noch 4,2 Millionen, wie dem Zahlenwerk des Nürnberger Instituts zu entnehmen ist. Und die Entwicklung hat sich noch beschleunigt. Im vergangenen Jahr zählte diese Gruppe nur mehr 3,8 Millionen Männer und Frauen.
Auch umgekehrt zeigt sich die Dramatik: 1975 waren sieben Prozent, 2004 bereits 22 Prozent der erwerbsfähigen Ungelernten in den alten Bundesländern arbeitslos. In den neuen Ländern ist die Situation noch dramatischer. Dort hat mehr als die Hälfte aller Männer und Frauen ohne abgeschlossene Ausbildung keinen Job mehr. Daß die Qualifizierung entscheidend bei der Frage ist, ob jemand arbeitslos wird, zeigen auch die jüngsten Zahlen für Hessen. In diesem Bundesland können mehr als 45 Prozent der Arbeitslosen keine Berufsausbildung vorweisen.
Im Laufe der vergangenen 30 Jahre sind mehrere Millionen Jobs für wenig Qualifizierte weggefallen, diagnostiziert Holger Schäfer, Arbeitsmarktexperte beim Institut der Deutschen Wirtschaft. Auch das Wachstum der Dienstleistungsbranchen wie der Gebäudereinigungs- und der Sicherheitsunternehmen hat den Schwund in der industriellen Fertigung nicht ausgleichen können, wie Schäfer erläutert. Die Ursachen sind aus seiner Sicht eindeutig: Automatisierung in den Betrieben und die Verlagerung von einfachen Tätigkeiten in Länder mit niedrigeren Arbeitskosten. Ein Naturgesetz sei die Arbeitslosigkeit von gering qualifizierten Menschen aber nicht, man müsse die einfache Arbeit allerdings billiger machen. Nun räche sich, daß man Niedrigleistungs-Lohngruppen beseitigt habe, so daß die Arbeit teurer geworden sei, sagt Schäfer und bestätigt damit, was etwa die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände beklagt.
Überproportionale Arbeitslosenquote
Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung widerspricht dieser Annahme freilich und bezieht sich dabei auf den Wuppertaler Ökonomie-Professor Ronald Schettkat. Obwohl die Löhne für gering Qualifizierte seit Mitte der neunziger Jahre nachgäben, steige die Arbeitslosenquote unter Männern und Frauen ohne Berufsabschluß überproportional, heißt es dort. Das widerspreche der These, daß die Arbeitslosigkeit unter dieser Gruppe mit niedrigeren Löhnen zu mindern sei.
In der Praxis stellt beispielsweise Klaus Pankau, Personalverantwortlicher bei der Frankfurter Wisag für die Sparte Gebäudereinigung, fest, daß es nicht immer einfach ist, freie Stellen zu besetzen. Und das, obwohl sein Haus - anders als andere Unternehmen der Branche - in dem Ruf steht, fair mit den Beschäftigten umzugehen und anständig zu zahlen. Man darf das nicht verallgemeinern, aber es ist schon so, daß mancher für den Arbeitsmarkt verloren ist, weil er zu lange vom Sozialsystem versorgt wurde. Damit bestätigt Pankau, was auch Schäfer vom Institut der Deutschen Wirtschaft feststellt: Es gab lange keinen Anreiz dafür, eine Arbeit aufzunehmen. Hartz IV ist da ein Schritt in die richtige Richtung. Wer sich über Jahre in einem für Notfälle gedachten System eingerichtet habe, verliere auch Sozialkompetenzen und fachliche Fähigkeiten - und damit die Chance auf einen Job.
Joram Bobasch, Geschäftsführer der FIS GmbH, weiß, daß die Arbeiten in seinem Haus schon wegen des Schichtbetriebs nicht leicht und, wegen der harten Konkurrenz in der Branche, auch nicht besonders gut bezahlt sind. Andererseits hat er es nach eigenem Bekunden geschafft, seit 2003 Jahr für Jahr 1000 neue Jobs zu schaffen, viele davon eben auch für Männer und Frauen, die anderswo auf dem Arbeitsmarkt keine guten Chancen gehabt hätten.
Text: F.A.Z., 26.10.2006
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