Von Thorsten Winter
16. Mai 2007 Fast so leise wie der Schnee rieseln die Flocken aus dem Rohr in den Metallcontainer. Die Teilchen, etwa so groß wie Kartoffelchips, sind im Grunde nur zerkleinerter Müll. Und doch ein begehrter Stoff. Denn die auf dem Betriebsgelände der Firma Sperzel im Frankfurter Stadtteil Griesheim hergestellten Flocken bestehen aus Kunststoffen, Holz, Papier, Textilfasern und Folien, aus denen sich Energie gewinnen lässt. Angesichts des Preisauftriebs bei Erdöl und Gas und der Diskussion um Endlichkeit der Vorkommen fossiler Energieträger nehmen viele solchen Restmüll als Ersatzbrennstoff ins Visier.
Der Frankfurter Industrieparkbetreiber Infraserv Höchst etwa: Das Unternehmen will noch in diesem Jahr mit dem Bau einer Anlage beginnen, die 2009 in Betrieb gehen und Ersatzbrennstoffe verheizen soll, die unter anderem von der Sperzel GmbH geliefert werden. Die Anlage soll für Dampf sorgen, der von verschiedenen Betrieben im Industriepark für die Produktion benötigt wird.
Heizwert höher als bei Hausmüll
Der für zehn Jahre abgeschlossene Vertrag zwischen Infraserv und Sperzel mit einer Option für fünf weitere Jahre hat Vorteile für beide Seiten: Der Industrieparkbetreiber sichere sich langfristig eine Lieferquelle, das Griesheimer Unternehmen könne wiederum etwas weiterreichen, was bei der Sortierung von Abfällen von Baustellen und Gewerbebetrieben als Nebenprodukt abfällt, wie Thorsten Sperzel und Matthias Knöß sagen, die die Geschäfte der Sperzel GmbH führen. Denn Infraserv wird nicht die Flocken bekommen, die den gleichen Heizwert haben wie Steinkohle und die Sperzel vor allem an Zementhersteller liefert, sondern die nächstgröbere Variante des vorsortierten Mülls, die mitunter außer Folien auch Teile von Schuhen, halbe Gießkannen und Fetzen von Motorradreifen enthalten kann. Diese Abfälle sorgen beim Verbrennen für deutlich weniger Hitze als das feinere Material und kommen der von Infraserv ausgewählten Technik entgegen. Der Heizwert liegt demnach 30 bis 50 Prozent über jenem des Hausmülls, der zum Beispiel in der Anlage in der Frankfurter Nordweststadt verbrannt wird.
Sperzel besorge sich den benötigten Müll auf Baustellen und bei Firmen im Umkreis von rund 100 Kilometern rund um Frankfurt, wie Knöß sagt. Unter den Zulieferern befinden sich Industriebetriebe, Möbelhäuser oder auch Industrieparkbetreiber. Anders als etwa Zulieferer in der Automobilindustrie erhalten diese Firmen für den Müll von Sperzel kein Geld, auch wenn die Abfälle als Sekundärrohstoffe gelten. Vielmehr müssen sie dem Griesheimer Unternehmen für jede Fuhre etwas zahlen - so wie der Normalbürger für die Müllabfuhr aufkommt.
Wertstoffe werden aussortiert und verkauft
Rund 100.000 Tonnen Abfälle sammelt Sperzel im Jahr nach eigenen Angaben ein. Auf dem Betriebsgelände im Frankfurter Westen angekommen, durchläuft der Müll mehrere Sortierstufen. Eine von Sperzel selbst zusammengestellte, rund zehn Millionen Euro teure Anlage fischt nacheinander Steine, Betonbrocken und Sand, eisenhaltige und andere Metalle aus der Fracht. Anschließend picken Mitarbeiter per Hand größere Kunststoffteile, Kartonagen und Holz heraus. Diese Wertstoffe verfrachtet Sperzel direkt an Unternehmen, von denen sie wiederverwertet werden: Kartonagen gehen an eine Papierfabrik in Aschaffenburg, Steine und Sand an Baustoffehersteller und Holz per Bahn an eine Firma in Italien, die Spanplatten produziert und den Möbelriesen Ikea zu ihren Kunden zählt.
All jene Müllanteile, die nicht zur Wiederverwertung herausgefischt werden, weil sie zum Beispiel zu verschmutzt sind oder zu klein, um von einer Art Staubsauger erfasst zu werden, vertreibt Sperzel als Ersatzbrennstoffe. Da es Absatzwege wie Infraserv gibt, ist es wirtschaftlich sinnvoll, den Müllstrom nur einmal zu sortieren und aus dem großen Rest die Ersatzbrennstoffe zu machen, sagt Thorsten Sperzel und hebt hervor, dass sämtlicher eingesammelter Müll recycelt werde. Das können wir garantieren.
Wer Müll verheizt, erhält Geld für die Abnahme
Zwei unabhängige Labore sollen wiederum gewährleisten, dass die Abnehmer der Ersatzbrennstoffe eine gleichbleibende Qualität bekommen. Oder anders: dass die Chemie stimmt, wie Knöß sagt. Denn Verbrennungsanlagen seien auf eine bestimmte Zusammensetzung des Mülls angewiesen, damit Grenzwerte von Schadstoffen nicht plötzlich überschritten werden oder unerwünschte Inhaltsstoffe den Betriebsablauf stören, wie der Geschäftsführer erläutert. Obwohl Sperzel Brennstoffe liefert, verdient die Firma an dem Müll nicht zweimal: Vielmehr zahlt die Sperzel GmbH etwa Infraserv etwas für die Abnahme.
Text: F.A.Z., 16.05.2007, Nr. 113 / Seite 38
Bildmaterial: F.A.Z. / Frank Röth
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