Energie

Ökostrom wird beliebter – wenn er günstig ist

Von Manfred Köhler

Wer Ökostrom bezieht fördert unter anderem den Bau neuer Photovoltaik-Anlagen

Wer Ökostrom bezieht fördert unter anderem den Bau neuer Photovoltaik-Anlagen

26. Mai 2008 In der Theorie ist es ganz einfach. Fast jeder Zweite hat bei einer Umfrage von Wissenschaftlern der Mainzer Universität angegeben, er zahle gerne etwas mehr, wenn eine Ware nur umweltfreundlich sei. In der Praxis sieht es schon anders aus. Seit langem bietet der Frankfurter Energieversorger Süwag Energie AG einen Stromtarif an, bei dem fünf Euro im Monat der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald zufließen. Eine schöne Idee. Nur will leider kaum jemand den teuren Strom haben.

Die Mainova AG, der andere Frankfurter Versorger, hat ähnliche Erfahrungen gemacht. „Mainova Plus Ökawe“ heißt der Tarif. 100 Prozent regenerative Energie. Kohlendioxid-Emissionen: null. Radioaktiver Abfall: null. Nachfrage: nicht viel höher. Denn dieser Strom ist nicht billig. Bei einem Verbrauch von 3.500 Kilowattstunden, das entspricht dem einer durchschnittlichen Familie mit Vater, Mutter und zwei Kindern, werden knapp 900 Euro im Jahr fällig. Für 200 Euro weniger liefert die Mainova die gleiche Menge, aber gemischt aus verschiedenen Quellen, Atomkraft inklusive. Das ist es, was die Leute nach wie vor in großer Zahl wollen.

Ohne Entega-Ökostromrabatt ist konventioneller Stromtarif billiger

Dennoch zieht die Nachfrage nach Ökostrom seit einiger Zeit an. Immerhin fünf Prozent der Haushalte in Deutschland haben sich bereits für einen Stromtarif entschieden, bei dem die Energie sauber erzeugt wird. 2006 hatte der Anteil erst bei drei Prozent gelegen. Das Wachstum hängt nicht nur mit einem gestiegenen Umweltbewusstsein zusammen. Mehr noch dürfte es an der Erkenntnis der Energieversorger liegen, dass auch bei Ökostrom die Marktgesetze nicht außer Kraft sind. Dass kräftig Plakate geklebt und Anzeigen geschaltet werden müssen zum Beispiel. Dass der Strom von einem bekannten Anbieter kommen sollte. Und, am wichtigsten: dass das Bekenntnis zur Umwelt am leichtesten fällt, wenn es nicht mit Mehrkosten verbunden ist – oder jedenfalls mit nicht allzu hohen Mehrkosten.

Im Rhein-Main-Gebiet hat sich vor allem die Entega Vertrieb GmbH & Co. KG als Ökostrom-Anbieterin positioniert, die gemeinsame Vertriebstochter der Heag Südhessische Energie AG aus Darmstadt und der Stadtwerke Mainz AG. Und tatsächlich steht die Entega mit ihrem Angebot in den Stromvergleichsportalen bestens da. Mit ihrem Online-Ökotarif schlägt sie zum Beispiel in Frankfurt bei einem Verbrauch von 3.500 Kilowattstunden im Jahr fast alle aus dem Rennen – den neuen Anbieter Nuon, der die halbe Stadt zuplakatiert hat, ebenso wie die Mainova mitsamt allen Sonder- und Spezialtarifen, sogar die Billigtöchter der Konzerne Eon und RWE. Das erreicht die Entega aber nur, weil sie Neukunden im ersten Jahr einen Bonus von bis zu 64 Euro gewährt und bei der Standardabfrage jedenfalls auf der führenden Internet-Vergleichsseite www.verivox.de dieser Rabatt gleich abgezogen wird. Lässt man ihn weg, weil der Kunde vielleicht nicht Lust hat, nach einem Jahr abermals zu wechseln, sieht es etwas anders aus (siehe Tabelle). Dann ist es doch nach wie vor billiger, auf einen konventionellen Stromtarif zurückzugreifen.

„Mein Klima Tarif Strom“ - zur Hälfte Energie aus Atomkraftwerken

Doch mit ihren munter gestalteten Plakaten und Anzeigen sowie ihren klug berechneten Bonuszahlungen, mit denen man im ersten Vertragsjahr gerade so eben die Konkurrenz schlägt, hat die Entega Erfolg. Die Zahl der Stromkunden stieg um zehn Prozent auf 600.000, wie ein Sprecher berichtet. Für Bestandskunden im Grundversorgungsgebiet Darmstadt und Mainz ist es sogar günstiger, in den Ökotarif zu wechseln, als sich nach dem recht hohen Basistarif beliefern zu lassen. So haben gerade dort viele gewechselt. Alles in allem beziehen nach Unternehmensangaben inzwischen der 360.000 der 600.000 Entega-Kunden Ökostrom.

Auch diese Kunden, vor allem aber diejenigen, die für Ökostrom einen Aufpreis zahlen, wollen aber sicher sein, dass sie der Umwelt auch helfen. In den vergangenen Monaten wurde heftig darüber diskutiert, dass sich die Angebote keineswegs gleichen. „Ökostrom von jemandem kaufen, der nicht garantiert neue Öko-Kraftwerke mitfinanziert, ist wie Heineken trinken“, schrieb die Berliner „Tageszeitung“ in ihrer unnachahmlichen Art: „Es bringt relativ wenig.“ Was unter dem Label des Klimaschutzes alles geht, zeigt der „Mein Klima Tarif Strom“ der E wie Einfach Strom & Gas GmbH, der Billigtochter des Eon-Konzerns. Wer sich dafür entscheidet, erhält glatt zur Hälfte Energie aus Atomkraftwerken. Und ein Drittel wird mit Kohle oder Erdgas erzeugt. Das Unternehmen wirbt damit, dass es als Ausgleich für das Entstehen von Kohlendioxid in solchen Anlagen verschiedene Klimaschutz-Projekte unterstütze.

Preisaufschlag dient dem Bau neuer Photovoltaik-Anlagen

Wie sich der Strom in jenem Tarif zusammensetzt, nach dem man beliefert werden möchte, lässt sich auf der Stromrechnung nachlesen. Im Internet finden sich diese Angaben ebenfalls, auch bei den Vergleichsportalen, wenn man die einzelnen Tarife anklickt. Doch selbst wenn es dort heißt, der Strom stamme zu 100 Prozent aus regenerativen Energien, sind Nachfragen erlaubt. Die Mainova zum Beispiel erzeugt schon seit Jahrzehnten Strom mit zwei Wasserkraftwerken im Main, in Frankfurt-Griesheim und in Eddersheim. Bisher ging dieser Strom in den Energiemix der klassischen Tarife des Frankfurter Unternehmens ein, im vergangenen Jahr wurde er für den neuen, vergleichsweise günstigen Ökotarif „Novanatur“ ausgekoppelt, für den sich bisher allerdings gerade einmal 2.100 Kunden entschieden haben – anders als die Entega verzichtete die Mainova bisher weitgehend auf Werbung.

Hilft aber das neue Angebot nachhaltig der Umwelt? Die Antwort gibt die Mainova selbst, wenn sie den Unterschied zwischen „Novanatur“ und ihrem weitaus teureren Tarif „Ökawe“ erklärt: Der Preisaufschlag dort wird in den Bau von Photovoltaik-Anlagen investiert, so dass die Stromerzeugung auf umweltfreundliche Art wächst und wächst. Bei „Novanatur“ ist von derlei nicht die Rede.

Zusätzlicher ökologischer Nutzen in Form umweltfreundlicher Anlagen

Tatsächlich hat der Trend zu Ökostrom, der zumindest einigermaßen mit herkömmlichen Tarifen mithalten kann, der seit Jahrhunderten genutzten Wasserkraft neue Aufmerksamkeit beschert. Der Ökostrom der Entega etwa kommt auch nicht aus Solaranlagen oder Windrädern der Region – diese Kraft fließt schon in die herkömmlichen Tarife ein, die wegen der Subventionen nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz durchweg auch einen Anteil regenerativer Energien haben. Vielmehr beschafft sich die Entega ihren Ökostrom von Wasserkraftwerken in Norwegen, wie ein Unternehmenssprecher erläutert. Andere greifen auf Talsperren in Österreich zurück.

Auch hier stellt sich die Frage, ob der Umwelt damit geholfen ist. Die Entega verweist darauf, dass ihr Angebot mit dem Label „Ok Power“ zertifiziert wurde, das gemeinsam von dem renommierten Freiburger Öko-Institut, dem WWF und der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen vergeben wird. Die Zertifizierung belege, dass durch den Strombezug ein zusätzlicher ökologischer Nutzen in Form neuer umweltfreundlicher Anlagen entstehe, heißt es bei der Entega.

Liberalisierung der Strommärkte

Physikalisch kommt der Strom aus der Steckdose ohnedies stets aus dem nächstgelegenen Kraftwerk, wofür auch immer der Kunde zahlt und zu welchem Anbieter er auch gewechselt sein mag – selbst wer nach dem teuersten Ökotarif greift, wird also wohl damit leben müssen, dass sein Elektroherd in Wahrheit bis auf Weiteres nur dank Atomstrom aus Biblis oder Kohlestrom aus Großkrotzenburg funktioniert.

Aber darauf kommt es natürlich nicht an. Je mehr Ökostrom ins Stromnetz eingespeist wird, desto eher sind andere Kraftwerke überflüssig. Die Liberalisierung der Strommärkte, mit der Netz und Vertrieb getrennt wurden, sieht ja gerade vor, dass der Kunde zu einem anderen Anbieter wechseln kann und der dann irgendwo in Deutschland in das einheitliche Stromnetz genau diejenige bezahlte Menge einspeist, die woanders entnommen wird – als kippe jemand an einer Seite eines Sees einen Eimer Wasser hinein und jemand anders schöpfe an der anderen Seite einen Eimer heraus. Mit Fähnchen kennzeichnen lässt sich Strom auf dem Weg zum Kunden nicht. Und gelb, das muss jetzt auch einmal verraten werden, ist er sowieso nur in der Werbung.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, F.A.Z.

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