Rhein-Main-Gebiet

Stellungskrieg im Möbelmarkt

Von Manfred Köhler

13. Mai 2008 Wäre es nach den Regionalplanern gegangen, hätte es dieses Haus niemals gegeben. Fern jeder Siedlung. Direkt an der Autobahn. Unerhört aus Sicht derer, die der Zersiedlung der Landschaft den Kampf angesagt haben. Aber eine Erfolgsgeschichte. Segmüller in Weiterstadt, in Sichtweite der A 5, ist binnen vier Jahren zu dem Möbelhaus schlechthin in der Region geworden, zu der Adresse, an der alle anderen gemessen werden.

40.000 Quadratmeter Verkaufsfläche. Arbeitsplatz für Hunderte Menschen. Das umsatzstärkste Möbelhaus Deutschlands – so heißt es jedenfalls in der Segmüller-Zentrale bei München. Das macht Lust auf mehr. Das Rhein-Main-Gebiet habe so viel Potential, sagt der Unternehmenssprecher, das vertrage noch ein zweites Segmüller-Haus. Am liebsten am Autobahnkreuz Bad Homburg.

„Die schlagkräftigste Region in der Bundesrepublik“

Segmüller ist nicht das einzige Unternehmen auf Expansionskurs in Rhein-Main. Die überdurchschnittliche Kaufkraft der Region lockt. Und gerade dort, wo sie besonders hoch ist, im Dreieck Wiesbaden – Bad Homburg – Frankfurt, ist das Interesse besonders groß. Auch Höffner aus Berlin zeigt sich interessiert, Geschäftsführer Kurt Krieger hat schon Grundstücke an der Autobahn 66 nahe Hofheim gekauft. Das Rhein-Main-Gebiet sei die schlagkräftigste Region in der Bundesrepublik, sagt Krieger. Warum er gerade nach Hofheim will? Im Osten Frankfurts sei er mit seinem Haus in Gründau-Lieblos eben schon vertreten, im Westen nicht. Und es fährt eben kaum jemand vom Westen in den Osten zum Einkaufen, wie es auch Gießener nicht bis Weiterstadt schaffen – der Grund, warum Segmüller ein zweites Haus nördlich des Frankfurter Autobahnkreuzes plant.

Ikea hat solche Probleme mit der psychologischen Geographie der Region nicht mehr. Mit dem 2007 eröffneten Haus an der Autobahn 661 im Frankfurter Nordwesten hat sich der schwedische Konzern den überdurchschnittlich vermögenden Taunusbewohnern vor die Haustür gesetzt. Im Osten der Mainmetropole ist der Konzern längst mit seinem Geschäft in Hanau vertreten, das noch erweitert werden soll, und auch in Hofheim, wohin Höffner erst noch möchte, ohnedies. Die Umsätze einzelner Häuser veröffentlicht Ikea ebenso wenig wie die Konkurrenz. Doch mit dem neuen Geschäft in Frankfurt habe man ohne Zweifel Marktanteile in der Region gewonnen, heißt es stolz.

Tatsächlich geht es in der Branche derzeit zu einem guten Teil darum, den anderen Kundschaft wegzuschnappen. Denn die Umsätze der Möbelbranche haben sich in den vergangenen Jahren nicht weniger bescheiden entwickelt als die des Einzelhandels insgesamt. Nur 2004 und, bedingt durch die Erhöhung der Mehrwertsteuer, 2006 ergab sich ein Umsatzplus. So wird der Konkurrenzkampf über den Preis und über die Fläche ausgetragen – ähnlich wie bei Baumärkten und im Lebensmittelhandel.

Auseinandersetzung im Rhein-Main-Gebiet besonders hart

Über das gesamte Jahrzehnt von 1995 bis 2005 gesehen stand in Deutschland bei Möbelgeschäften einem Umsatzrückgang von einem Fünftel ein Flächenzuwachs in gleicher Größenordnung gegenüber. Was bisweilen abfällig als „Verdrängungswettbewerb“ bezeichnet wird, ist aus Sicht der Beteiligten ein unumgänglicher Bereinigungsprozess. Auf Dauer würden neben dem Branchenprimus Ikea nur drei große Möbelhändler in Deutschland übrigbleiben, sagt Krieger und zeigt sich entschlossen, einer davon zu sein.

Dass die Auseinandersetzung im Rhein-Main-Gebiet besonders hart ist, liegt freilich nicht allein an ihrer Attraktivität, sondern auch daran, dass hier die Geschäftsgebiete mehrerer großer Spieler aufeinandertreffen. So stellt das 2005 eröffnete Haus von Mann Mobilia in Eschborn gemeinsam mit dem älteren Geschäft in Wiesbaden den nördlichen Vorposten der sonst auf Baden-Württemberg konzentrierten Kette dar. Auch für Segmüller ist das Einrichtungshaus in Weiterstadt weit im Norden. Für Höffner wiederum wäre Hofheim ein westlicher Außenposten. Porta aus dem Ostwestfälischen („Porta Westfalica“) schließlich betreibt in Bad Vilbel sein südlichstes Geschäft.

Wer die großen Häuser und die reißerisch aufgemachten Prospekte sieht, mag glauben, es handele sich um den Kampf von Giganten. Tatsächlich sind es Familienunternehmen, bei denen die Eigentümer zum Teil noch an der Front stehen. Inhaber von Höffner ist der etwas hemdsärmelige Krieger, der von sich erzählt, stets blaue Hemden und seit 30 Jahren die gleiche Art Hose zu tragen, hinter Segmüller stehen drei Brüder, die vor der Eröffnung eines Möbelhauses schon einmal selbst nachsehen, ob die Preisschilder richtig hängen. In einer anderen Liga spielt außer Ikea noch Mann Mobilia, seitdem die Familie Mann 2005 ihre Häuser an den größten österreichischen Möbelhändler XXX Lutz verkaufte.

Agglomerationen könnten entstehen

Wie lange der harte Wettbewerb noch anhält, traut sich niemand zu sagen – dazu ist viel zu viel Bewegung in der Branche, und sowieso muss man in einer freien Wirtschaft immer mit neuen Einfällen rechnen. Niemand vermag zu sagen, welche Handelsformen sich neu entwickeln, welche Bedeutung etwa der Online-Handel gewinnt. Allein beim regionalen Planungsverband glaubt man mehr zu wissen; Gutachter für das Einzelhandelskonzept wollen herausgefunden haben, dass der Ballungsraum noch „etwa zwei“ Möbelhäuser benötigt. Wer allerdings mit Matthias Marsch, dem Leiter der Flächennutzungsplanung, auf großen Karten nach potentiellen Standorten entlang der Autobahnen sucht – die Branche will gesehen werden, der Verkehr soll nicht durch Wohngebiete fließen –, ist rasch ernüchtert. Nach dem derzeitigen Stand der Überlegungen ist für ein Haus von der Größe, wie sie zeitgemäß erscheint, kaum noch irgendwo an solchen Verkehrsachsen Platz. Marsch ficht das nicht an. „Eigentlich ist der Bedarf gedeckt“, befindet der Chefplaner.

Nicht nur von den vom Planungsverband beauftragten Gutachtern, sondern auch von anderen Fachleuten wird ihm widersprochen. Im Großraum Frankfurt sei durchaus weiterer Möbelhandel denkbar, sagt Sebastian Deppe, Mitglied der Geschäftsleitung der Münchener BBE Handelsberatung GmbH. Krieger bleibt ohnedies gelassen. Er spielt auf Zeit und raunt, wenn sich sein Vorhaben in Hofheim nicht verwirklichen lasse – bitte sehr, es hätten sich schon andere Bürgermeister gemeldet. Branchenbeobachter registrieren allerdings, dass auch in anderen Ballungsräumen die Genehmigung von Möbelhäusern schwieriger wird. So könnte eine eigentümliche Allianz aus Einzelhändlern, die weitere Konkurrenz fürchten, und Planern, die weiteren Landschaftsverbrauch verhindern wollen, den Wettbewerb arg behindern – Kunden, die von dem großen Angebot und den hart kalkulierten Preisen profitieren, pflegen bei diesem Spiel nicht gefragt zu werden.

Dabei weist die Branche vielleicht selbst einen Weg aus dem Dilemma. Statt an jeder dritten Autobahnauffahrt ein Haus zu eröffnen, könnten Agglomerationen entstehen – noch lieber als zu einem einzelnen Haus wird der Kunde, so die Erwartung, dorthin fahren, wo gleich mehrere stehen. Bei BBE nennt man als Beispiele Taufkirchen bei München, wo von Anfang an verschiedene Anbieter angesiedelt worden seien, und das Furniture Competence Center, das Ikea unweit seines eigenen Hauses in Koblenz entwickelt habe. Der niederländische Projektentwickler Bouwfonds MAB, der in Frankfurt gerade das Einkaufszentrum an der Hauptwache baut, hat in seiner Heimat eine auf Möbel spezialisierte „Shopping-Mall“ entwickelt; ein Konzept, das man mit etwa 70 Geschäften gerne auch an der A 66 in Hofheim realisieren würde. Die Konzentration mehrerer Anbieter an einem Standort hätte den Vorteil geringeren Flächenverbrauchs. Selbst beim Planungsverband kann man sich in der Nähe des Ikea-Hauses in Hanau ein weiteres Möbelgeschäft vorstellen.

Zurück in die Innenstadt?

Es könnte allerdings auch sein, dass der Möbelhandel selbst wieder die Innenstädte entdeckt. Es müssen nicht die Top-Lagen sein, deren Miete sich in dieser Branche kaum erwirtschaften lässt. Doch selbst aus der hochpreisigen Frankfurter Innenstadt sind die Möbelgeschäfte nie vollends verschwunden – derzeit halten etwa Leptien 3 und Kontraste mit seinem Cityhaus die Fahne der Branche hoch. Das Hamburger Unternehmen Stilwerk, das ebenfalls verschiedene Anbieter in einem Haus bündelt, hatte schon vor Jahren Interesse an einem zentralen Standort in Frankfurt gezeigt, dem Gesundheitsamt an der Braubachstraße. Es werden sicherlich die spezialisierten, wohl auch eher die hochpreisigen Anbieter sein, die zentrale Lagen entdecken.

Dass Sortimente in zeitgemäßer Form wieder in die Innenstadt zurückfinden können, zeigen Unternehmen wie Cri-Cri, Butlers und Strauss Innovation, die in zentralen Lagen erfolgreich genau jene Produkte anbieten, mit denen die Möbelhändler an den Autobahnabfahrten in den vergangenen Jahren dem alteingessenen Handel Ärger bereitet hatten: Geschirr, Besteck, Tischdecken. Dass allerdings die großen Einrichtungshäuser wieder in die Innenstädte zurückkommen, ist schon angesichts der Platzverhältnisse kaum denkbar. Wohin sollten sie denn auch?

Ob zumindest draußen vor dem Tore weitere Häuser gebaut werden können, um der Flächenschonung willen wenigstens an etablierten Standorten wie neben Ikea in Frankfurt, ist allerdings auch noch keineswegs klar. Am Ende entscheiden die Politiker in der Planungsversammlung, ob das Einzelhandelskonzept tatsächlich so restriktiv ausfällt, wie es sich die hauptberuflichen Planer vorstellen, die allein den Landschaftsverbrauch im Blick haben. Eine Ideallösung wird sich kaum finden.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., F.A.Z. - Marcus Kaufhold

 

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