Mangel an Fachkräften

Mit der Nanny auf der Suche nach Ingenieuren

Von Alexandra Maus

Der Wettlauf hat begonnen: Nachbarländer suchen in Deutschland nach Fachkräften

Der Wettlauf hat begonnen: Nachbarländer suchen in Deutschland nach Fachkräften

01. Juni 2007 Porsche kennt jeder. Bosch und Continental, na klar. Aber Rücker? In Sachen Bekanntheitsgrad kann es die Wiesbadener Aktiengesellschaft mit den Schwergewichten der deutschen Wirtschaft nicht aufnehmen. Das weiß auch die Kommunikationsbeauftragte des Unternehmens: „Rücker ist eben in einem Nischensegment tätig“, räumt Lisa Krempel ein.

Und so ist der Entwicklungsdienstleister für die Automobil- und Luftfahrtindustrie zwar einerseits sehr erfolgreich, andererseits bringt seine Nischenexistenz in Zeiten eines zunehmenden Fachkräftemangels Nachteile mit sich: Im Wettlauf um die besten Köpfe liegen meist die Branchenriesen vorn.

Ingenieure händeringend gesucht

Die Rücker AG ist daher eines jener Unternehmen im Rhein-Main-Gebiet, das den Fachkräftemangel besonders deutlich zu spüren bekommt: 260 Stellen für Ingenieure und Konstrukteure versucht man seit geraumer Zeit bundesweit zu besetzen – bisher vergebens. „Wir müssen deswegen auch Aufträge ablehnen“, sagt Krempel. Um sich im Wettbewerb um die begehrten Fachkräfte besser zu positionieren, hat Rücker nun das „Projekt Zukunft“ auf den Weg gebracht.

Mit mehreren Aktionspaketen bietet das Unternehmen seinen Mitarbeitern soziale Zusatzleistungen an. Im Rahmen des Familienpakets werden etwa Betreuungsmöglichkeiten in Kinderkrippen und Kindertagesstätten geschaffen und weitere Unterstützung angeboten, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern. Zudem sind im Gesundheitsprogramm Kooperationen mit Fitness-Studios geplant. Das Ziel ist klar: Das Unternehmen will nicht nur Mitarbeiter dauerhaft an sich binden – die Offensive soll auch gute Nachwuchskräfte auf den Nischenanbieter aufmerksam machen.

Denn die Konjunktur zieht an, aber der Wirtschaft fehlen die Fachkräfte. „Das ist ein Problem, das nun verstärkt auftaucht“, sagt Rainer Behrend, Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Frankfurt. Diese Entwicklung habe konjunkturelle, aber auch demographische Ursachen – weswegen der Fachkräftmangel in Zukunft noch wachsen werde. Nicht nur Ingenieure würden derzeit teils händeringend gesucht, sondern beispielsweise auch Wirtschaftsprüfer, EDV- und Werbe-Fachleute.

Sanofi Aventis will 30 Stellen besetzen

Im Wettbewerb um die Besten investierten Unternehmen daher zunehmend in familien- und gesundheitspolitische Leistungen. Mit anderen Worten: Nanny und Fitness-Trainer spielen bei der Personalwerbung eine immer größere Rolle. Von einer Art „Kopfprämie“, wie sie die Kraftwerksparte von Siemens derzeit Mitarbeitern zahlt, die neue Kollegen anwerben, hat Behrend im Rhein-Main-Gebiet aber noch nicht gehört.

Sogar der Pharmariese Sanofi Aventis, der am Standort Industriepark Höchst 8050 Mitarbeiter beschäftigt, hat Schwierigkeiten bei der Akquise von Fachleuten. „Mit einer Stellenanzeige ist es bei der Suche nach Spezialisten oft nicht mehr getan“, weiß Katinka Heppekausen, die für das Recruitment und Hochschulmarketing zuständig ist. „Wir arbeiten mit Headhuntern zusammen und suchen sehr lange nach Bewerbern – aber auch dann werden wir nicht immer fündig.“

In Frankfurt will Sanofi Aventis derzeit 30 Stellen besetzen: Ingenieure, vor allem Kunststoff- und Feinwerktechniker, und Pharmazeuten werden gesucht. Wichtig ist für das Pharmaunternehmen angesichts des Fachkräftemangels: „Wir möchten, dass junge Mütter so schnell wie möglich zurückkommen.“ Daher hat das Unternehmen nicht etwa nur ein arbeitsmedizinisches Zentrum, sondern arbeitet auch mit dem Frankfurter Familienservice zusammen. Dieser vermittelt Betreuungsangebote für Eltern. Im Wettbewerb um die begehrten Fachkräfte seien solche Angebote zunehmend von entscheidender Bedeutung.

Kerntechnik und Kinderkrippen

Auch Areva, ein Unternehmen für Kerntechnik, baut neuerdings nicht nur Kraftwerke, sondern auch Kinderkrippen. In Offenbach eröffnete im vergangenen Jahr ein betriebseigener Hort. „Wir wollen uns damit einen Vorteil gegenüber Konkurrenten verschaffen“, sagt ein Sprecher. Es sei erheblich schwieriger geworden, qualifiziertes Personal zu finden.

Zudem sei die Einarbeitungszeit sehr lange, weswegen man Mitarbeiter dauerhaft halten wolle: „Wenn sie nach drei Jahren wieder gehen, ist das ein großer Verlust für uns.“ Damit sind nicht nur junge Mütter gemeint – denn bisher bringen vor allem bei Areva beschäftigte Väter ihre Kinder in den Hort.

Umfangreiche Familien- und Weiterbildungsleistungen bietet auch Dow Corning. Das Chemieunternehmen, das in seinem Werk in Wiesbaden 280 Mitarbeiter beschäftigt, sei schon für seine familienorientierte Personalpolitik ausgezeichnet worden und werbe seither mit einem speziellen Logo für sich, berichtet Personalleiterin Elisabeth Ganss. „Wir haben wegen eines neuen Projekts derzeit einen erhöhten Personalbedarf.“ Schlaflose Nächte hätte sie deswegen zwar nicht, aber: „Wir wissen, dass wir viel tun müssen, um da am Ball zu bleiben.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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