Konsumklima

Der Handel hofft auf die Sonne

Von Jochen Remmert

07. Mai 2008 Auf einen langen heißen Sommer hoffen zwar nicht nur die Textileinzelhändler, aber die vielleicht noch etwas mehr als andere. Denn nur wenn die Sonne scheint, steigt mit der Temperatur auch die Chance, die längst eingekaufte Sommer- und Badekleidung zur Saison an den Mann zu bringen. Nach Einschätzung von Eckhard Schroeder, Geschäftsführer des Wiesbadener Karstadt-Hauses, stehen die Dinge derzeit dafür günstig. „Das Geschäft mit der Kleidung ist immer stark wetterabhängig“, sagt er. Und das seit Tagen sonnige Wetter rege offenbar dazu an, sich für den Sommer neu einzukleiden.

Im vergangenen Winter hatte das Wetter dem Handel nicht geholfen; ohnedies fiel das Weihnachtsgeschäft flau aus (siehe Grafik). Vieles blieb hängen, und dem Handel wird nichts anderes übrigbleiben, als verbliebene Ware im Herbst wieder aus den Lägern zu holen - und zu deutlich reduzierten Preisen anzubieten, wie sich Michael Kullmann, Geschäftsführer des Einzelhandelsverbandes Wiesbaden-Rheingau-Untertaunus, sicher ist. Auch Hessens oberster Einzelhändler, Verbandspräsident Frank Albrecht, sprüht zurzeit nicht eben vor Euphorie. Er rechnet mit einem schwierigen Jahr. Das teils zweistellige Minus im Textilhandel sei umso bedenklicher, als gerade der innerstädtische Handel zu mehr als der Hälfte ebendieser darbenden Branche zuzuordnen sei.

Fragezeichen hinter Umsatzprognose

Dass der Einzelhandel in diesem Jahr zwei Prozent zulegen wird, wie es Hubertus Pellengahr, Sprecher des Hauptverbands des deutschen Einzelhandels, im Januar meinte, glaubt Albrecht nicht. Einiges spricht dafür, dass er mit seiner Skepsis richtig liegt, denn Pellengahr hat zwar zu Recht mit mehr Beschäftigung und höheren Einkommen gerechnet, er ist bei der Prognose aber auch von einer Entspannung bei den Energie- und Lebensmittelpreisen ausgegangen. Gerade was die Energie betrifft, kann davon derzeit aber keine Rede sein.

Solche Preissteigerungen sowie Diskussionen über Rentenhöhe und Gesundheitskosten tragen nach Ansicht von Erhard Dern, der in Wiesbaden ein Schmuckgeschäft betreibt, dazu bei, dass viele Deutsche nach wie vor „Angstsparen“. Er ist sich sicher, dass die Leute erst dann wieder beherzt Geld für Luxusgüter wie Schmuck ausgeben, wenn die Unternehmen von ihrem wirtschaftlichen Erfolg auch etwas an ihre Mitarbeiter weitergeben. Nicht immer liegt es aber am knappen Budget, wenn Kunden beim Kauf zögern. So verfügen beispielsweise die Kunden von Bernd Hauptmann, der in seinem Wiesbadener Geschäft seit mehr als 30 Jahren mit HiFi-Ausstattungen der obersten Klassen handelt, in aller Regel durchaus über finanzielle Reserven. Und trotzdem stellt Hauptmann auch in diesem Marktsegment eine gewisse Kaufzurückhaltung fest. Die allerdings führt er auch auf einen grundlegenden Wandel in den Konsumgewohnheiten zurück. Es gebe schlicht immer weniger Menschen, die auf bestimmte Qualitäten Wert legten. Vielen genügte heute beispielsweise, Musik über einen kleinen MP3-Player zu hören und nicht über eine HiFi-Anlage für 20000 Euro aufwärts.

Hoffnung nach „Schluck aus der Pulle“

Was auch immer den Mangel an Kauflust in der Bevölkerung ausgelöst hat, sicher ist, dass der Handel in Hessen seit Jahren fast immer deutlich hinter dem Wachstum der hessischen Wirtschaft insgesamt zurückgeblieben ist. So wuchs das Bruttoinlandsprodukt 2003 um 2,4 Prozent, der Handel hingegen verlor 1,4 Prozent. Preisbereinigt ergab sich ein noch größeres Minus (siehe Grafik). 2005 gewann die Wirtschaft in Hessen 1,9 Prozent, der Einzelhandel verlor derweil 0,2 Prozent. Im Jahr darauf wuchs die Wirtschaft wieder deutlich um 3,2 Prozent, doch der Einzelhandel schaffte lediglich plus 0,3 Prozent. Und auch im vergangenen Jahr vollzog der Einzelhandel mit einem Minus von 1,7 Prozent die kräftige Wachstumsphase der Wirtschaft (plus 3,6 Prozent) nicht mit. Nur 2004 lag der Handel mit 2,7 Prozent über der Gesamtwachstumsrate von 1,6 Prozent. Ursache dafür könnte aber eine Nacherhebung und Neuberechnung der Daten sein, wie es beim Statistischen Landesamt heißt.

Gleichwohl sieht Rolf Bürkl von der Gesellschaft für Konsumforschung in Nürnberg derzeit gute Chancen dafür, dass der scheue deutsche Konsument zu neuer Kauflust findet. Die Tarifabschlüsse der jüngsten Zeit und die sinkende Arbeitslosigkeit wirken nach seinen Erkenntnissen klar in diese Richtung. Beispielsweise sei eine Belebung des Geschäfts mit Neuwagen zu verzeichnen wie seit acht Jahren nicht mehr.

Für Ilka Fuchs ist die Wende längst da. Die Vorsitzende des Wiesbadener Wirtschafts- und Marketingverbands und Chefin des Modegeschäfts Elle + Lui an der Wiesbadener Wilhelmstraße kennt schon seit drei Jahren keine Zögerlichkeit mehr. Sie gibt allerdings zu, dass die Dinge nicht überall so liegen wie an der Wiesbadener Nobelmeile, wohin es Kunden aus aller Welt zieht.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., Hagmann; Roger

 

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