Ein Beschwerdeschreiben

Wider das Kleingedruckte

Von Manfred Köhler

Warum wirbt die Deutsche Bahn mit einem „Dauerspezial”-Preis ab 29 Euro, wenn doch im Internet weder am Freitag noch am Samstag, noch am Sonntag eine einzige Fahrkarte zu diesem Tarif von Frankfurt nach Hamburg zu bekommen ist?

Warum wirbt die Deutsche Bahn mit einem „Dauerspezial”-Preis ab 29 Euro, wenn doch im Internet weder am Freitag noch am Samstag, noch am Sonntag eine einzige Fahrkarte zu diesem Tarif von Frankfurt nach Hamburg zu bekommen ist?

02. Juli 2009 Wir sind es leid. Wir wollen nicht mehr mit zusammengekniffenen Augen über Miniaturlettern brüten, die in hellem Grau auf mattem Weiß gedruckt sind. Wir wollen nicht mehr Angebote von Unternehmen wieder und wieder mit dem Taschenrechner nachrechnen müssen, weil sich erst mit einem Dreisatz erschließt, wie teuer uns das angebliche Schnäppchen wirklich zu stehen kommt. Wir wollen uns in Fachgeschäften nicht mehr wie ein Schuljunge fühlen, weil uns Halbwüchsige mit Dreitagebart Handy-Verträge in einem Schweinsgalopp erklären, das uns wie ein einziges Genuschel vorkommt. Kurzum: Wir wollen auch in der Rezession weiter vaterländisch tapfer kräftig konsumieren. Aber wir wollen nicht mehr für dumm verkauft werden.

Dass uns alle paar Tage vom hessischen Kabelnetzanbieter Unitymedia Werbung ins Haus geschickt wird mit der dringenden Bitte, wir sollten uns doch für einen noch schnelleren Internetanschluss, für einen digitalen Videorecorder und für noch viele weitere Fernsehkanäle entscheiden - gut. Warum aber stehen auf der Homepage hinter „Unity3Play vier Monate gratis“ in so kleiner Schrift, dass wir es fast übersehen hätten, eine „2)“ und eine „3)“, Hinweise auf Fußnoten also, während unten auf der Seite hingegen die Fußnoten „1)“ und „3)“ erklärt werden? Warum heißt bei einer Vertragslaufzeit von zwölf Monaten das Versprechen „4 Monate gratis“ beim Kombiprodukt aus Fernsehen, Internet und Telefon nicht schlicht, dass vier Monate lang nichts zu zahlen ist? Warum geht damit automatisch eine Verlängerung der Vertragslaufzeit auf 16 Monate einher, so dass am Ende doch zwölf zu bezahlen sind?

Was ist eigentlich die „Load-Option“?

Warum wirbt die Postbank in riesigen Lettern für das „kostenlose Girokonto plus Kreditkarte“, wenn die Kreditkarte gerade einmal im ersten Jahr nichts kostet (und das Konto erst bei einem monatlichen Geldeingang von 1250 Euro an unentgeltlich ist)? Was ist eigentlich die „Load-Option“, die unsereiner kürzlich bei dem neuen Handy-Vertrag auch noch mitordern musste, und wieso kann man in den Vertrag nicht „drei Monate ohne monatlichen Grundpreis“ schreiben, sondern tippt „3xMGP fre“ hin, ganz sparsam sogar ohne „i“, was aber ja wohl die schriftliche Fassung dieses mündlichen Versprechens sein soll, als ob noch Papierknappheit bestünde wie nach dem Krieg?

Sie können es nicht erklären. Sie bedanken sich bei Unitymedia für den Hinweis und versprechen eine Korrektur der Fußnoten, sie finden bei dem Kabelnetzanbieter, auch bei einer Verlängerung der Vertragslaufzeit seien doch vier Monate unentgeltlich wunderbar, ein Debitel-Sprecher meint allen Ernstes, die Abkürzungen dienten der Platzersparnis und sowieso werde derlei nur für Zusatzinformationen verwendet, wobei wir uns zu bemerken erlauben, dass wir die Frage, ob wir eine monatliche Grundgebühr von 25 Euro zahlen müssen, durchaus nicht für eine beiläufige Zusatzfrage halten.

Quer über die Seite geschrieben und schlecht lesbar

Aber die Unitymedias und Vodaphones dieser Welt sind ja nicht alleine. Sternchen und Fußnoten und anderswie verpackte Bedingungen finden sich überall. Warum wirbt die 1822 Direkt, Tochter der Frankfurter Sparkasse, groß für ein Tagesgeldkonto mit bis zu 2,75 Prozent Zinsen, bei dem sich erst beim Durchklicken und Studieren des tatsächlich sehr Kleingedruckten erkennen lässt, dass diese Verzinsung gerade einmal bis zum 31. Juli gewährt wird? Warum nennt der Frankfurter Energieversorger Süwag einen Tarif, bei dem 68 Prozent des Stroms aus Kernkraftwerken geliefert werden, „RWE Pro Klima Strom“, obwohl sich die Herrschaften dort doch denken können, dass nicht jeder, der dem Klima aufhelfen will, ein Freund der Atomenergie ist?

Warum waren im jüngsten Prospekt von Vodaphone für „Mobiles Surfen“ die Fußnoten zusammen 26 Zeilen lang, quer über die Seite geschrieben, so wie wenn diese Zeitung nur aus einer einzigen Spalte bestünde und nicht aus sechs, zudem in schlecht lesbarer weißer Schrift auf rotem Grund und ohne jeden Absatz, als seien drei Jahrhunderte Kommunikationsdesign perdu? Und warum finden sich dort Sätze wie „Sofern und solange beide Verträge - Vodaphone DSL-Paket (Ziff. 5 und 14) und Vodaphone SuperFlat Internet (Ziff. 2) oder Vodaphone SuperFlat (Ziff. 3) - bestehen, gilt für Sie der Vodaphone-Vorteil“? Warum wirbt die Deutsche Bahn mit einem „Dauerspezial“-Preis ab 29 Euro, wenn doch im Internet weder am Freitag noch am Samstag, noch am Sonntag eine einzige Fahrkarte zu diesem Tarif von Frankfurt nach Hamburg zu bekommen ist, und am Wochenende darauf auch nicht?

Angebote ohne Sternchen und Fußnoten gewünscht

Sie weisen darauf hin, dass doch ein fester Zinssatz für einen Monat auch schon ganz schön sei, die Konkurrenz mache nicht einmal solche Zusagen, sagen sie, sie sprechen von juristischen Vorgaben bei Surf-Verträgen, die nur deshalb so klein gedruckt würden, weil doch auch noch Platz für das eigentliche Produkt sein müsse (für eine „Headline“, groß wie in der „Bild“-Zeitung ist die), sie reden von der Notwendigkeit der gleichmäßigen Auslastung der Züge, weshalb eben auf den Rennstrecken wie nach Hamburg Schnäppchen seltener seien.

Doch natürlich ginge dies alles auch anders, natürlich ließe sich klarer werben, ehrlicher auch, natürlich ließen sich Angebote ohne Sternchen und Fußnoten austüfteln, durch die wir uns wieder und wieder kämpfen müssen mit unserer beginnenden Altersweitsicht. Wir sprechen hier, wohlgemerkt, nicht von Nepp-Firmen, die uns wertlose Produkte aufschwatzen, hier ist nicht die Rede von Betrug. Hier geht es darum, wie sich seriöse Unternehmen gebärden, die einen Namen haben und einen Namen zu verlieren haben. Von denen wir erwarten dürfen, dass sie uns ernst nehmen und wie Erwachsene behandeln. Wir wollen gerne und viel kaufen. Aber wir sind es leid, ohne Not behandelt zu werden wie dumme Jungs.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp

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