Einwände gegen Ticona-Verlagerung

„Privatjets in Kampfflieger-Manier“

Von Helmut Schwan

05. Mai 2008 Groß war die Freude im vergangenen Sommer, als die Entscheidung gefallen war, das dem Flughafenausbau weichende Chemiewerk Ticona ziehe nicht etwa nach Leuna in Sachen-Anhalt, sondern bleibe der Region erhalten. Doch bei aller Sympathie und Wohlwollen bei Politik, Verbänden und Gewerkschaften: Der vom Flughafenbetreiber Fraport AG mit 670 Millionen Euro honorierte „Katzensprung“ von Kelsterbach in den Industriepark Höchst lässt sich nicht mit einem Federstrich bewerkstelligen. Das aufwendige Prüfungsverfahren nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz ist einzuhalten, auch wenn die Zahl der Einwendungen bei der – für ein Projekt dieser Größe erstaunlich niedrigen – Zahl fünf liegt.

Warum aber die Pläne bei Anwohnern und Nachbargemeinden nicht uneingeschränkt Applaus finden, wurde am Montag zu Beginn des Erörterungstermins noch einmal deutlich. Mehr Schadstoffe, mehr Lärm – und was passiert, wenn ein Flugzeug auf das Lager mit giftigen Substanzen stürzt? Im Bürgerhaus Sindlingen versuchten die Vertreter von Ticona Bedenken zu zerstreuen, die Lebensqualität in der Nachbarschaft werde beeinträchtigt, wenn von Mitte 2009 die neue Anlage ihren Betrieb teilweise aufnimmt.

Schadstoffbelastung im Blickpunkt

Dabei kreiste die Diskussion um eine im Ballungsraum stetig an Bedeutung gewinnenden Frage: Können die von einem Vorhaben ausgehenden Emissionen für sich betrachtet werden, oder müssen sie in eine Gesamtbewertung einfließen? Rechtsanwalt Heribert Fislake, der die Stadt Kelsterbach vertritt, hält es für wahrscheinlich, dass künftig täglich mindestens 1000 Lastwagen mehr den Industriepark Höchst – zum Teil auch über die Nachbargemeinden – ansteuern werden, wenn die Ersatzbrennstoffanlage, das Logistik-Center und das Ticona-Werk fertiggestellt sind. Fislake fordert daher ein Gutachten, das die derzeitige Verkehrssituation und die Belastung durch Stickoxid, Staub und Lärm mit der künftigen vergleicht und erhebt, ob die Grenze des Zumutbaren deutlich überschritten werde –was der Fall sein wird, wie er meint. Auch wenn das Regierungspräsidium, das den Antrag zum Bau des neuen Werkes prüft, erst voraussichtlich in einigen Wochen entscheiden wird: Ticona dürfte wohl kaum zum Exempel einer solchen neuen, „ganzheitlichen“ Betrachtung werden.

Offen erscheint dagegen die Frage, ob das Chemiewerk auch am neuen Standort in gewisser Weise dem Flughafen Tribut zollen muss. Die Fässer mit dem hochgiftigen Stoff Bortrifluorid lagern seit drei Jahren auf dem alten Werksgelände in Kelsterbach unter einem dicken Betonmantel, um eben für das Szenario eines Flugzeugabsturzes gewappnet zu sein. Ein Anwohner fragte gestern, warum diese Sicherheitsmaßstäbe nicht auch in Höchst „als Zeichen an die Bevölkerung“ gelten sollten. Schließlich überquerten täglich zahlreiche Maschinen, vor allem Privatjets „mitunter in Jagdflieger-Manier“, den Industriepark, obwohl die offiziellen Flugrouten darum herum führten. Auch der Vertreter der Stadt Hattersheim teilte die Bedenken.

Vorarbeiten beginnen noch im Mai

Ticona-Projektleiter Matthias Göring bezog sich auf die Bestimmungen für sogenannte Störfallbetriebe und die dort definierten Schutzzonen für mögliche Flugzeugabstürze. Danach müssten, weil die Distanz zum Flughafen groß sei, diese Vorkehrungen in Höchst nicht ergriffen werden: „Das war ja schließlich auch der Grund, warum wir das Werk verlagert haben“, erinnerte er an die Vorgeschichte.

Ticona, eine Tochter des amerikanischen Konzern Celanese, will noch in diesem Monat mit Vorarbeiten in Höchst beginnen. Die Verantwortlichen des Werkes rechnen damit, im September die Erlaubnis zur Verlagerung des Betriebes zu erhalten. Auf dem Areal der ehemaligen Hoechst AG südlich des Mains sollen statt der bisher 110 000 Tonnen des Kunststoffes Hostaform bis zu 140.000 Tonnen und später einmal sogar 170.000 Tonnen im Jahr hergestellt werden – von 280 statt bisher 350 Mitarbeitern.

Regierungspräsident Gerold Dieke wollte der Entscheidung seiner Behörde nicht vorgreifen. Er wies allerdings darauf hin, dass es lediglich darum gehe, einen seit Jahrzehnten reibungslos funktionierenden Betrieb, der mit neuester Technik ausgerüstet werde, zu verlagern. Am frühen Nachmittag hatte sich im Bürgerhaus Sindlingen der Diskussionsbedarf erschöpft. Der Erörterungstermin, vorsorglich auf fünf Tage terminiert, war nach vier Stunden, vierzig Minuten erledigt. Die Mittagspause mitgerechnet.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Infraserv

 

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