Von Tim Kanning
23. August 2007 Die Buchstaben AQA stehen bei Erich Pipa (SPD) für Fortschritt und Tatendrang. Der Landrat des Main-Kinzig-Kreises wird nicht müde, die Gemeinnützige Gesellschaft für Arbeit, Qualifikation und Ausbildung zu loben. Sie wurde Anfang 2005 eingerichtet, um Langzeitarbeitslose zu betreuen und sie möglichst in feste Beschäftigungsverhältnisse zu vermitteln.
Denn der Kreis gehört zu den 69 Gebietskörperschaften, die sich im Zuge der Hartz-IV-Reformen dafür entschieden hatten, alleine für ihre Langzeitarbeitslosen zu sorgen – also nicht, wie die Mehrzahl der Städte und Kreise, eine Arbeitsgemeinschaft mit der Bundesagentur für Arbeit zu gründen, den früheren Arbeitsämtern.
Sinkende Zahl der Langzeitarbeitslosen im Kreis
In Hessen gibt es zwölf weitere solcher Optionskommunen wie den Main-Kinzig-Kreis. So nennen die Fachleute das Modell. Das andere wird, weil es eben eine Arbeitsgemeinschaft gibt, Arge abgekürzt. Seit Anbeginn tobt der Streit, welches Modell dem anderen überlegen ist. Es ist eine Auseinandersetzung, die auf den ersten Blick nur Experten interessiert. Dabei geht es um weitaus mehr. Überlegen sein heißt schließlich: Es finden mehr Leute einen Arbeitsplatz.
Die Zahlen, die die AQA des Main-Kinzig-Kreises veröffentlicht, sind beachtlich. Seit Juni 2005 sank die Zahl der Langzeitarbeitslosen im Kreis demnach von 11.778 auf 7751. Für die Verfechter des Optionsmodells wie den Deutschen Landkreistag sprechen solche Zahlen klar dafür, dass die Arbeitsvermittlung aus einer Hand besser funktioniert als das Zusammenwirken von Kreis und Arbeitsagentur. Die Hauptargumente: Die Städte und Kreise sind näher an der regionalen Wirtschaft, kennen die wichtigsten Arbeitgeber am Ort und sind beweglicher, weil die große Behörde namens Bundesagentur für Arbeit außen vor ist.
Doch Wissenschaftler bestreiten, dass sich aus den Zahlen der AQA die Überlegenheit des Optionsmodells ablesen lässt. Die haben schon behauptet, sie wären die Besten, bevor sie überhaupt angefangen hatten“, sagt Werner Friedrich vom Bonner Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik. Er koordiniert die Forschungsarbeit, die die Bundesregierung bei mehreren Instituten begleitend zur Verwirklichung der Hartz-IV-Reformen in Auftrag gegeben hatte. Eine der Fragen: Wer vermittelt mehr Langzeitarbeitslose in dauerhafte Beschäftigung, Arge- oder Optionskommunen? Eine verlässliche Antwort, welches der beiden Modelle überlegen ist, liegt auch gut zweieinhalb Jahre nach Einführung der beiden Varianten noch in weiter Ferne. Erwartet wird sie erst für das nächste Jahr.
Undurchsichtige Daten
Anfangs lag das Problem darin, dass sich insbesondere die Optionskommunen ganz neu einrichten mussten. Wenn überhaupt, dann lieferten die einzelnen Arbeitsvermittler sehr unterschiedliche Daten. Inzwischen sind die Angaben zwar angeglichen, seit Januar werden sie monatlich mit dreimonatiger Verzögerung von der Bundesagentur für Arbeit veröffentlicht. Doch was sich hinter ihnen verbirgt, ist weiterhin undurchsichtig.
Das zeigt ein Vergleich des Wetteraukreises, der mit dem Arge-Modell arbeitet, und des Landkreises Offenbach, der sich alleine um seine Langzeitarbeitslosen kümmert. Beide sind von der Wirtschaftsstruktur her vergleichbar, die Arbeitslosenquote sank im April je um 0,1 Prozent. Was die beiden Träger allerdings im April für ihre Kunden getan hatten, unterscheidet sich nach der Statistik erheblich. Während die Mitarbeiter der Arge Wetterau jeden vierten Langzeitarbeitslosen mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen oder Ähnlichem versorgten, waren es im Landkreis Offenbach gerade einmal vier Prozent.
Aber was heißt das? Wurden im Kreis Offenbach stattdessen mehr Menschen direkt auf eine feste Stelle vermittelt? Wurde die Rubrik mit der sperrigen Überschrift Aktivierungsquote“ mit unterschiedlichen Zahlen gefüttert? Wenn die Werte so weit auseinanderliegen, wurden wahrscheinlich unterschiedliche Instrumente einbezogen“, sagt Friedrich. Bei den vier Prozent seien sicher Ein-Euro-Jobs nicht berücksichtigt worden. Überhaupt, die Statistik. Wer zum Stichtag in einem Ein-Euro-Job ist, gilt nicht mehr als arbeitslos“, so Friedrich, aber wirklich beschäftigt ist er auch nicht.“
Schlecht vergleichbare Zahlen
Auch die Arbeitgeberverbände ärgern sich über die immer noch undurchsichtige Datenlage. Die schlecht vergleichbaren Zahlen sind ein Manko“, sagt Christoph Gelking von der Arbeitsgemeinschaft hessischer Handwerkskammern. Werner Scherer, der die Arbeitsmarktpolitik für dieVereinigung der hessischen Unternehmerverbände koordiniert, ist froh, dass die ersten chaotischen Jahre“ der Optionskommunen vorbei sind. Inzwischen seien sie immerhin eingespielt, doch Kommunikation, Information und Transparenz seien lange nicht so gut wie erhofft.
Reinhold Maisch, der bei Scherers Verband in der Regionalverwaltung Hanau für die Bildungsarbeit in mehreren Kreisen mit beiden Systemen zuständig ist, kann noch keine klaren Unterschiede erkennen. Wie gut die Zusammenarbeit zwischen Arbeitsvermittlern und der regionalen Wirtschaft funktioniere, hänge von den jeweiligen Personen und der Struktur der Region ab. Im Main-Kinzig-Kreis seien Erich Pipa und die AQA sehr engagiert. Wenn es bei einem Arbeitslosen darum geht, dass er einen Führerschein braucht, dann bekommt er den finanziert“, so Maisch.
Doch in der Stadt Offenbach, die mit einer Arge arbeitet und ebenfalls zu Maischs Bezirk gehört, sei das nicht anders. Ein Vergleich sei schwierig, weil die Schwerpunkte in den jeweiligen Gebietskörperschaften ganz anders gelegt würden. Die Stadt Offenbach hat mehr Arbeitslose mit Migrationshintergrund als der Landkreis, so dass hier viel mehr mit Sprachkursen gefördert werden muss.“ Maisch ärgert sich darüber, dass sich die Vertreter beider Modelle nun Zahlen um die Ohren hauen, um zu zeigen, wer besser ist“. Über den Nutzen für die Arbeitslosen sagten sie wenig aus.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Marcus Kaufhold