Von Agnes Schönberger
06. August 2007 Für Sie gibt es keine Arbeit mehr: Das musste sich Ilona Jäger Ende 2004 anhören, als sie nach 15 Jahren als Chefsekretärin bei einer Fluggesellschaft als Folge von Umstrukturierungen entlassen worden war. Der Arbeitsvermittler gab der Einundfünfzigjährigen zu verstehen, dass sie sich keine Hoffnungen auf einen neuen Job machen dürfe. Ich war geschockt, sagt Jäger. Sie konnte sich nicht vorstellen, zu Hause auf die Rente zu warten. In einem Kraftakt, wie sie selbst sagt, ist es ihr gelungen, sich aus der Situation zu befreien: Im April 2005 eröffnet sie im Rodgauer Stadtteil Jügesheim das Feinkostgeschäft Culinara. Und: Jäger ist so erfolgreich, dass sie Anfang Juli eine Filiale in Rödermark/Ober-Roden eröffnete und fünf Mitarbeiter beschäftigt. Zwei weitere will sie im Herbst einstellen.
Der Erfolg der Jungunternehmerin fiel der Wirtschaftsförderung Rodgau auf, die sie für den Wettbewerb Mutmacher der Nation nominierte, in dem sie es bis zur hessischen Endausscheidung gebracht hat. Bei Mutmacher der Nation handelt es sich um eine bundesweite Mittelstandsinitiative, die zum vierten Mal Unternehmer auszeichnet, die auch in Krisenzeiten nicht aufgeben und somit mutige Vorbilder für Deutschland sind.
Tagsüber Laden umgebaut, abends gebüffelt
Auf die Idee mit dem Feinkostfachgeschäft war Jäger zufällig gekommen. Während eines Rehabilitationsaufenthaltes hatte sie in einem Feinkostladen in Limburg ein Geschenk für ihre Therapeutin gekauft. Das Angebot des Ladens habe sie fasziniert. Die Idee ging ihr nicht mehr aus dem Kopf, und als die gebürtige Jügesheimerin an der Vordergasse einen leerstehenden Laden sah, war es Zeit zum Handeln, wie sie sagt. Sie mietete die Räume und besuchte von Januar 2005 an ein Existenzgründungsseminar. Während sie tagsüber den Laden umbaute und einrichtete, büffelte sie nachts über den Grundlagen der Betriebswirtschaft und suchte im Internet nach Lieferanten für Feinkost. Das ist liebevolle Kleinarbeit, sagt sie.
Wichtig ist ihr, dass es die Waren, die man bei ihr kaufen kann, in keinem Supermarkt gibt. Ohne ihren Lebensgefährten Gerhard Lederer, der sie tatkräftig unterstützt, wäre ihr Vorhaben jedoch kaum geglückt. Denn nicht nur sie selbst beschlichen manchmal Zweifel, ob alles gutgehen werde, auch Freunde und Verwandte waren skeptisch und fragten, ob ich verrückt wäre.
Abfindung als Grundstock
Doch Jäger ist nicht verrückt, sondern erfolgreich. 70.000 Euro investierte sie in die Einrichtung sowie den Warenbestand. Den Grundstock für die Firmengründung bildete die Abfindung des alten Arbeitgebers. Den Restbetrag finanzierte sie über ihre Hausbank. Am 1. April 2005 eröffnete sie die Jügesheimer Culinara auf 120 Quadratmetern. Es gibt 140 Tee- und 60 Senfsorten, belgische Pralinen, deutsche Trüffel, Essige und Öle zum Abfüllen, exotische Konfitüren, handgeformte Nudelspezialitäten sowie Weine und Schnäpse. Sehr gut verkaufen sich Präsentkörbe, die Jäger für Privatleute wie auch Firmen zusammenstellt und auf Wunsch auch versendet. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete sie mit ihren Mitarbeitern schon einen Umsatz von 150.000 Euro.
Die Geschäftsfrau hat festgestellt, dass es nicht ausreicht, im Laden zu stehen und auf die Kundschaft zu warten. Sie wirbt nicht nur, sondern lädt auch zu Verkostungen und Weinseminaren ein. Auf Veranstaltungen und Aktionen der Gewerbevereine in Rodgau sowie Rödermark ist sie präsent und geht auch zu Firmen hin, um ihr Angebot vorzustellen. Denn ein Brief ist zwar schnell geschrieben, aber auch schnell im Papierkorb, sagt die Unternehmerin. Die Vierundfünfzigjährige hat den Schritt in die Selbständigkeit nicht bereut. Zwar hat sie, wie sie sagt, eine 70-Stunden-Woche und seit zweieinhalb Jahren keinen Urlaub mehr, aber hier bin ich mein eigener Chef.
Text: F.A.Z., 04.08.2007, Nr. 179 / Seite 59
Bildmaterial: F.A.Z. / Foto Cornelia Sick