Finalsieg gegen Spanien

Ein goldenes Hockey-Kunstwerk

Von Peter Penders, Peking

Einfach umwerfend, diese deutschen Hockeyspieler

Einfach umwerfend, diese deutschen Hockeyspieler

23. August 2008 Wieder eine goldige Hockey-Geschichte, wieder geschrieben von einer Mannschaft, die sich erst finden musste, dann aber ihre Chance nutzte, als es am meisten darauf ankam. Und da es wieder derselbe Trainer war, liegt der Verdacht nahe, dass dies eine ganz innige Beziehung ist: Markus Weise und Olympische Spiele.

Vor vier Jahren hatte er die Damen sensationell zur Goldmedaille geführt, nun gelang ihm dasselbe auch mit den Herren durch den 1:0-Sieg über Spanien. Viele Ähnlichkeiten, und doch war das Drehbuch diesmal ein ganz anderes.

Tibor Weissenborn hatte alles vorhergesagt

So mancher konnte hinterher gar nicht fassen, was da alles in diesen zwei Wochen in Peking geschehen war. Nur schwer hatte die deutsche Mannschaft in dieses Olympische Turnier gefunden, aber am Ende wäre sie nur noch ganz schwer zu schlagen gewesen.

Einer hatte das alles vorhergesagt, und vielleicht hatte er auch nur inständig gehofft, dass alles so kommen würde: „Wir haben die beste Abwehr der Welt, und deshalb werden wir Olympiasieger“, hatte der Kölner Tibor Weißenborn stets behauptet.

Die Spanier hatten kaum eine Chance

Ein guter Sturm gewinnt Spiele, eine Abwehr gewinnt Titel - als seine Prophezeiung eingetreten war, konnte er auf dem Höhepunkt seiner Karriere abtreten. Nach 324 Länderspielen war für ihn am Samstag Schluss, und schöner hätte das Ende wohl nicht sein können. „Das ist unglaublich, wenn man seine letzte Chance auf die Goldmedaille nutzt“, sagt der Mittelfeldspieler. Er war schon 2000 in Sydney und 2004 in Athen dabei gewesen, als es nicht mit dem erhofften Triumph klappte.

„Da haben wir immer gesagt, wir müssen die Goldmedaille gewinnen. Diesmal haben wir gesagt, wir müssen gar nichts, aber wir wollen gewinnen.“ Dass sie gewannen, hatten sie ihren Abwehrkünsten zu verdanken. Wie schon in ihrem Gruppenspiel, das die Auswahl des Deutschen Hockey-Bundes vor einer Woche gewinnen musste, um überhaupt noch das Halbfinale zu erreichen, ließen sie den Spaniern kaum eine Chance. „Zweimal zu null gegen eine Mannschaft zu spielen, die die drei besten Stürmer der Welt hat, das sagt alles über uns aus“, sagte Weißenborn.

So hatte man Zeller noch nie kämpfen sehen

Es gab viele Geschichten über diese Mannschaft zu erzählen - etwa die von Christopher Zeller, der im Mai noch am Knie operiert worden war und um dessen Einsatz sie deshalb lange bangen musste. Und Zeller, einer der strahlenden WM-Helden, gehörte zu denen, die sich nach dem WM-Triumph schwergetan hatten.

Vor einem Jahr bei der enttäuschenden Europameisterschaft war sein Einsatzwillen überschaubar, diesmal aber kämpfte er so, wie man es noch nie bei ihm gesehen hatte. Bekannt sind dafür seine Qualitäten - auch in diesem Endspiel: Seine Strafecke rauschte nach einer Viertelstunde zum alles entscheidenden Tor am spanischen Torwart vorbei ins Netz.

Kapitän Timo Wess war der überragende Abwehrchef

Danach drückten und drängten die Spanier, aber sie kamen spätestens an einem in diesem Spiel nie vorbei: Kapitän Timo Wess hat zwar trotz seiner erst 26 Jahre eine ganze Reihe von Länderspielen absolviert - besser als in diesem 232. Einsatz aber hat er vermutlich noch nie gespielt. Und für Wess war dieser Abend ohnehin ein ganz besonderer: Erstmals war schließlich auch sein Bruder Benjamin bei einem großen Turnier mit dabei.

„Jetzt ist die Sammlung komplett“, sagte der überragende Abwehrchef. Er hat nun alles gewonnen, was es ihm Hockey zu gewinnen wird: Er war Weltmeister (2002 und 2006), er war Europameister (2003), er hat den Europapokal gewonnen (2007), und nun ist er auch noch Olympiasieger.

Gespannt, locker, besessen, unverkrampft

Das ist nun auch Florian Keller, der damit eine mittlerweile unglaubliche Familiengeschichte fortschrieb, und der beim Anpfiff einen weltrekordverdächtigen Sprint in die Arme von Torwart Max Weinhold hinlegte. Vater Carsten hatte in München 1972 gewonnen, sein Halbbruder Andreas stand in der Goldmannschaft von Barcelona 1992, seine Schwester in der Sensationsmannschaft von Athen. Nun also wieder ein Keller.

Gespannt, aber gleichzeitig locker, besessen, aber nicht verkrampft - das Erfolgsgeheimnis dieser Mannschaft war leicht zu erkennen. „Der Trainer hat sehr viel Anteil“, sagt Wess über den Mann, der für dieses Turnier wohl das richtige Händchen besitzt. Markus Weise hatte schon vor den Olympischen Spielen Mut bewiesen, als er auf den international eher unerfahrenen Max Weinhold im Tor vertraute. Sie hatten etwas gebraucht, um sich zu finden, die deutsche Mannschaft und ihr neuer Trainer, ehe sie zu einer Einheit wurden. „Wir haben erfolgreich an den Baustellen gearbeitet, die sich hier innerhalb der Mannschaft aufgetan haben“, sagte Weise. Am Samstag war das Kunstwerk fertig, und es schimmerte golden.

Das Finale

Deutschland - Spanien 1:0 (1:0)
Deutschland: Weinhold (Rot-Weiß Köln) - Müller (Nürnberger HTC), Timo Weß (Rot-Weiß Köln), Biederlack (Club an der Alster), Christopher Zeller (Rot-Weiß Köln) - Weißenborn (Rot-Weiß Köln), Fürste (UhlenhorsterHC), Hauke (Harvestehuder THC) - Philipp Zeller (Rot-Weiß Köln), Witthaus (Crefelder THC), Nevado (Uhlenhorster HC)
Eingewechselt: Witte (Uhlenhorster HC), Benjamin Weß (Rot-Weiß Köln), Keller (Zehlendorfer Wespen), Meinert (Mannheimer HC), Jan-Marco Montag (Gladbacher HTC)
Spanien: Cortes - Ramon Alegre, Ribas, Enrique - Francisco Fabregas, Alex Fabregas, Garza, David Alegre - Amat, Freixa, Tubau
Eingewechselt: Sojo, Oliva, Fernandez, Sala, Arbos
Schiedsrichter: Ehlers/Gentles (Dänemark/Australien)
Tor: 1:0 Christopher Zeller (16./Strafecke)


Gold: Deutschland
Silber: Spanien
Bronze: Australien



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa, REUTERS

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