Fußball

Argentinischer Angriffswirbel

Von Elisabeth Schlammerl

Lionel Messi (r.) feiert mit Sergio Aguero: Brasilien kräftig durcheinander gewirbelt

Lionel Messi (r.) feiert mit Sergio Aguero: Brasilien kräftig durcheinander gewirbelt

19. August 2008 Argentiniens Fußballspieler sind auf dem besten Weg, den Triumph von Athen 2004 zu wiederholen. Die Mannschaft besiegte am Dienstagabend im ausverkauften Arbeiterstadion von Peking Brasilien 3:0 und trifft nun im Finale des olympischen Fußball-Turniers am Samstag im Pekinger „Vogelnest“ auf Nigeria, das ein paar Stunden zuvor in Schanghai Belgien 4:1 bezwungen hatte. Vor den Augen von Diego Maradona, der eigens nach Peking gereist ist, um mit Argentinien olympisches Gold zu feiern, schoss Sergio Aguero zwei der drei Tore. Vielleicht hat den Stürmer von Atletico Madrid die Anwesenheit des gut erholten Superstars im Stadion besonders motiviert, schließlich ist er mit Maradonas jüngster Tochter liiert. Den dritten argentinischen Treffer erzielte Kapitän Juan Riquelme per Foulelfmeter. „Unser Team hat eine große Show gezeigt“, sagte der argentinische Trainer Sergio Batista: „Wir genießen diesen Moment.“

Wer der Liebling der Chinesen ist, zeigte sich schon vor Anpfiff. Es war nicht Argentiniens Superstar Lionel Messi, der bis zu dem südamerikanischen Duell einen starken Eindruck hinterlassen hatte beim olympischen Turnier, sondern Ronaldinho. Als der ehemalige Weltfußballer des Jahres bei der Nationalhymne auf der Videoleinwand eingeblendet wurde, herrschte helle Begeisterung im Arbeiterstadion. Seit Ronaldinho vor ein paar Tagen ins Olympische Dorf in Peking eingezogen ist, hat er keine Ruhe mehr. Ein Autogramm hier, ein Erinnerungsfoto mit den freiwilligen Helfern da, stets ist viel Trubel um den Offensivmann. Der brasilianische Verband hatte sich deshalb über die „fast schon sexuelle Belästigung“ seines Spielers beschwert.

Eins-zu-Eins-Deckung gegen Messi hat nicht hingehauen

Die Lieblinge der Fans unter sich: Messi und Ronaldinho (r.)

Die Lieblinge der Fans unter sich: Messi und Ronaldinho (r.)

Auch zu Beginn der Partie war jeder Ballkontakt des Neuzugangs des AC Mailand goutiert worden, allerdings schaffte es Ronaldinho wieder nicht, dem brasilianischen Spiel seinen Stempel aufzudrücken. Irgendwann war es nicht mehr Ronaldinho, den die Zuschauer anfeuerten, sondern die Mannschaft Brasilien. Dem fünffachen Weltmeister gehörten im Stadion die Sympathien, und der hatte auch die erste gefährliche Aktion. Der Schalker Rafinha schoss in der siebten Minute aus halbrechter Position knapp am Tor vorbei. Dann verlagerte sich das Spiel aber in die andere Hälfte. Sergio Aguero und vor allem Lionel Messi wirbelten ein paarmal die brasilianische Defensive kräftig durcheinander. „Unsere Eins-zu-Eins-Deckung gegen Messi hat nicht hingehauen“, klagte der brasilianische Trainer Carlos Dunga. Breno spielte wie bei den vier Partien zuvor von Anfang an in der Innenverteidigung. Jener 18 Jahre alte Breno, der beim FC Bayern München im vergangenen halben Jahr wegen körperlicher und technischer Defizite nur zu Kurzeinsätzen gekommen war, hatte sowohl in der Vorrunde als auch im Viertelfinale gegen Kamerun eine tadellose Leistung abgeliefert. Diego, der Offensivmann von Werder Bremen, tat es Ronaldinho gleich - er tauchte unter.

Brasilien suchte nicht wie sonst so oft den direkten Weg zum Tor. Die mit elf Toren in vier Spielen offensivstärkste Mannschaft des Turniers hatte sichtbar Respekt vor dem Erzrivalen. „Die Brasilianer stehen gegen uns immer mit allen Mann hinten drin“, hatte Kapitän Juan Riquelme verkündet. „Wir müssen deshalb intelligent agieren und dürfen keine Konterchancen zulassen.“

Brasilien am Ende mit neun Mann

In der Heimat war man bislang nicht ganz zufrieden gewesen mit dem Auftritt ihrer Nationalmannschaft bei Olympia, zu behäbig fanden sie das Spiel, was sie vor allem Kapitän Riquelme anlasteten. Auf das Halbfinale trifft dies nicht zu. Die brasilianische Abwehr hatte schon vor der Pause ein paarmal größte Schwierigkeiten und viel Glück, als Sergio Aguero nur das Außennetz traf. In der zweiten Halbzeit reichten zwei schnelle Angriffe, um vor allem die Innenverteidigung bloßzustellen. In der 54. Minute flankte Angel di Maria in die Mitte, von dort lenkte Aguero den Ball zum 1:0 ins Tor. Drei Minuten später, als der Ball von links kam, stand der Stürmer wieder goldrichtig und traf zum 2:0. Nun agierten die Brasilianer etwas mutiger, sie mussten ja auch angreifen, wollten sie ihren Traum vom olympischen Gold nicht aufgeben. Aber die große Drangphase dauerte nur gut zehn Minuten, dann dominierte Argentinien wieder die Partie.

Die Anfeuerungsrufe der Zuschauer für die Brasilianer ebbten langsam ab, nur bei den nunmehr nur noch gelegentlichen Vorstößen kam Stimmung auf. Und plötzlich entdeckten die Chinesen ihre Sympathie für Messi, neben Aguero der beste Spieler auf dem Platz. In der 76. Minute war die Partie endgültig entschieden: Rafinha brachte im Strafraum Aguero zu Fall, sah dafür die Gelbe Karte und verhalf Argentinien zu einem Strafstoß. Kapitän Riquelme verwandelte sicher zum 3:0. Am Ende mussten die frustrierten Brasilianer nach Roten Karten für die rüde einsteigenden Lucas (81.) und Thiago Neves (84.) mit neun Mann auskommen.

Halbfinale, in Peking

Argentinien - Brasilien 3:0 (0:0)
Argentinien:
Romero - Zabaleta, Pareja, Garay, Monzon - Gago, Mascherano - Messi, Riquelme (90. Sosa), Di Maria - Aguero
Brasilien:
Renan - Rafinha, Alex Silva, Breno, Marcelo - Hernanes (61. Thiago Neves), Anderson, Lucas - Ronaldinho, Diego (71. Jo) - Rafael Sobis (61. Alexandre Pato)
Schiedsrichter:
Vazquez (Uruguay)
Zuschauer:
52 968
Tore: 1:0 Aguero (52.), 2:0 Aguero (58.), 3:0 Riquelme (76./Foulelfmeter)
Gelbe Karten: Zabaleta, Pareja, Garay / Breno, Hernanes, Anderson, Rafinha
Rote Karte: - / Lucas (81./grobes Foulspiel), Thiago Neves (85./grobes Foulspiel)



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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