Hockey-Herren vor dem Finale

Der Weise-Weg

Von Peter Penders, Peking

Vorgänger Peters diametral entgegengesetzt

Vorgänger Peters diametral entgegengesetzt

23. August 2008 Kann der Mann was, oder hat er nur einmal richtig Glück gehabt? Wer die Arbeit von Markus Weise, dem Hockey-Bundestrainer der Herren, vor ein paar Tagen hätte bewerten müssen, wäre in einer schwierigen Lage gewesen. Vor vier Jahren hatte der Mannheimer die deutschen Damen quasi aus dem Nichts zum ersten Mal in der Verbandsgeschichte auf den Olymp geführt, und der Boulevard hatte ihn wie immer automatisch zum „Goldschmied“ geadelt.

Als sein Herren-Kollege Bernhard Peters sich mit der Verteidigung des WM-Titels vor zwei Jahren zum Fußballklub TSG Hoffenheim verabschiedete, wechselte Weise die Seiten, aber zuvor war das letzte Turnier mit den Damen gründlich danebengegangen: Platz acht bei der Weltmeisterschaft bedeutete das schlechteste Abschneiden seit 1990. Und auch der Start mit den Herren ging komplett daneben: Platz vier bei der Europameisterschaft 2007 war das schlechteste Ergebnis, das der Verband bei kontinentalen Titelkämpfen je erleiden musste, während die Damen ohne Weise überraschend Europameister wurden.

„Das Wichtigste bei einem solchen Turnier ist die Birne“

Trainer und Team haben zusammengefunden

Trainer und Team haben zusammengefunden

Kann der Mann also was, oder hatte er nur einmal richtig Glück? An diesem Samstag kann Weise der erste Trainer überhaupt werden, der mit Damen und Herren die olympische Goldmedaille gewonnen hat – und bei der Beantwortung der Frage dürften keine Zweifel mehr bestehen. Das sah Ende vergangener Woche noch komplett anders aus, denn auch in Peking drohten die Hockeyherren nach zwei Unentschieden gegen Belgien und Südkorea wie bei der EM zu scheitern. In solchen Situationen rumort es in erfolgsgewohnten Mannschaften gewaltig – und ein reinigendes Gewitter war dringend geboten. Das deutsche Team hatte ein sehr diffuses Bild geboten, schien, führungslos auf dem Platz, zielsicher in eine Pleite zu steuern.

In solchen Situationen hauen Trainer in der Regel auf den Tisch. Markus Weise tat nichts dergleichen, er stellte der Mannschaft Fragen, und die Antworten sollte sie ihm auf dem Platz geben. „Ich kann nicht entscheiden, mit welcher Einstellung die Jungs auf den Platz gehen“, sagt der ehemalige Bundesligaspieler, „aber das Wichtigste bei einem solchen Turnier ist die Birne.“

Weise und Vorgänger Peters - diametral entgegengesetzt

Und oben im Kopf waren seine Spieler irgendwann ganz klar. Als sie in den letzten beiden Gruppenspielen gewinnen mussten, behielten sie die Nerven und schafften es, zumindest auf dem Platz zu einer Einheit zu werden. „Wir haben erfolgreich an unseren Baustellen gearbeitet und sind nicht durch das Turnier geflogen. Aber durch so etwas kann eine besondere Dynamik entstehen“, sagt Weise.

Seinen Führungsstil mit dem seines Vorgängers Bernhard Peters zu vergleichen ist einfach: Er ist diametral entgegengesetzt. Peters bestimmte, hatte die Führung der Mannschaft fest in der Hand, Weise setzt auf Mitbestimmung und will die Spieler nicht nur mit ins Boot, sondern gleich auf die Kapitänsbrücke holen. „Wir haben uns finden müssen“, sagt der Mannheimer zu den anfänglichen Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit mit seiner Mannschaft, der er viel mehr Freiräume lässt als sein Vorgänger. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, erfolgreich zu sein – die von Weise war es anfänglich nicht. Bei der Europameisterschaft verspielte eine überheblich wirkende deutsche Mannschaft sogar die direkte Qualifikation für diese Olympischen Spiele.

„Ich musste da erst reinwachsen“, sagt Weise

„Solche Wachstumsprozesse sind manchmal schmerzhaft“, sagt Weise, der 2006 ohnehin lieber noch zwei Jahre bei den Damen geblieben wäre. Er streitet nicht ab, dass es viele Reibungspunkte gegeben habe, und undankbar war die Aufgabe ohnehin, ein Team nach einem WM-Triumph zu übernehmen. Die Mannschaft musste mit der neuen Freiheit umgehen, was nicht jedem gelang, der Trainer mit der neuen Position als Herren-Coach – was ihm schwerer fiel als gedacht. „Der Job ist ein ganz anderer, viel umfangreicher. Ich musste da erst reinwachsen“, sagt Weise.

2004 Gold mit den Damen, 2008 Gold mit den Herren?

2004 Gold mit den Damen, 2008 Gold mit den Herren?

Trotz des Lernprozesses tauchten auch in Peking aber wieder Schwierigkeiten auf. Spieler wie der Berliner Florian Keller kehrten zwar nur deshalb in die Nationalmannschaft zurück, weil Weise nicht mehr alles vorgibt und es entspannter zugeht, aber das Team trat entgegen allen Beteuerungen zunächst merkwürdig unentschlossen auf. Auch Weise stand im schon alles entscheidenden Gruppenspiel gegen Spanien enorm unter Druck, denn ein abermaliges Scheitern hätte viele Fragen an diesem Führungsstil aufgeworfen.

„Natürlich war die Belastung hoch, aber wenn ich da einknicke, bin ich der falsche Mann für diesen Posten“, sagt er. Nun aber stehen sie nach dem Halbfinalerfolg über Holland im olympischen Endspiel (Samstag, 14.30 MESZ), und den großen Fußstapfen seines Vorgängers ist Weise damit schon ein Stückchen entschlüpft. Eine verkrampft spielende deutsche Mannschaft war vor vier Jahren unter Peters im Halbfinale gescheitert. Der neue Jahrgang aber wirkt vor dem abermaligen Aufeinandertreffen mit Spanien locker und wild entschlossen gleichzeitig. Wie die Mannschaft es dahin gebracht hat, ist für viele in der Branche ein Rätsel, aber nicht nur nach Rom führen viele Wege.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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