16. Januar 2009 Wo wohnt die Krise? Was wird aus der Stadt? Im Westen ist der Besitz der eigenen vier Wände stets gefördert worden. Das steht jetzt auf dem Spiel, sagt die amerikanische Historikerin Rebecca Solnit. F.A.Z.
Sie beschäftigen sich mit dem politischen Raum in unserer Gesellschaft und mit der Frage von Identität und Ort. Was zeichnet für Sie einen Ort aus?
Ein Ort wird nur in dem Maße lebendig, wie man ihn benutzt. Dichte, alternative Verkehrsangebote, Fußgänger, genug Leute auf der Straße, um sich sicher zu fühlen ... Ich glaube, diese konventionellen Eigenschaften machen einen Ort aus. Ich habe fast fünfundzwanzig Jahre lang in San Francisco in einem Stadtteil gewohnt, der als arme afroamerikanische Nachbarschaft begann und dann zu einer Gegend der weißen Mittelschicht wurde. Die Hinzugezogenen gingen nicht mehr aus dem Haus oder nur im Auto. Sie hatten gar keine Vorstellung von ihrer Nachbarschaft, der Ort hatte keinerlei urbane Bedeutung mehr.
Seit Monaten berichten Journalisten täglich von der Wall Street, dennoch bleibt die Finanzkrise merkwürdig abstrakt und unsichtbar. Brauchen wir symbolische Orte, an die man gehen kann, um gegen unsichtbare Kräfte zu protestieren?
Ja. Aber wo tut man das in einer globalen und entmaterialisierten Welt? Dank der medialen Netzwerke wäre eine Antwort: überall, mit zusammenhängenden Aktionen an vielen Orten. Aktionärsversammlungen wie die des Energiekonzerns Halliburton mussten ähnlich wie die G-8-Gipfeltreffen in entlegene, gesicherte Orte fliehen. Die jetzige Wirtschaftskrise ist aus dem starken Wunsch nach Privatsphäre und den eigenen vier Wänden entstanden. Das alte Ideal, die Welt zu verbessern, verkam zur Phantasie, das Traumhaus zu bauen. Und allzu oft wurde darin ein Weg gesehen, sich vom Gemeinschaftlichen und Politischen loszumachen. Das wurde nicht als Verlust, sondern als Privileg empfunden. In gewisser Weise wurde das Haus zum Siegeszeichen von Margaret Thatchers Ausspruch: So etwas wie eine Gesellschaft gibt es nicht.“
Ihr Buch Hollow City“ beschreibt, wie der Aufschwung der IT-Branche im benachbarten Silicon Valley San Francisco in den neunziger Jahren veränderte. Damals wurde viel Geld in exklusive Eigentumswohnungen investiert. Bewohner mit niedrigerem Einkommen wurden verdrängt. Ist das symptomatisch für die Krise der Städte?
Wir müssen aufzeigen und verstehen, wo in einer solchen Krise gelitten wird. Die Medien haben jetzt über die Familien berichtet, die von Zwangsversteigerung betroffen waren. In San Francisco gab es in den neunziger Jahren eine Spekulationsblase. Viele altansässige Institutionen, Gemeinschaftseinrichtungen und Menschen wurden verdrängt, was enorme Lücken in der kulturellen Landschaft der Stadt hinterließ, als die Blase platzte. Aber die Preise fielen nicht wieder, und die Stadt wurde noch unbezahlbarer, weniger vielfältig, weniger exzentrisch. Eine Wohnung zu bekommen wurde immer schwieriger, und man musste manchmal so hart dafür arbeiten, dass die Angst, sie zu verlieren, das Leben dominierte.
Das macht Menschen einsam und allein.
Ja, aber sich um solche Probleme der städtischen Transformationsprozesse zu kümmern, das galt unter Präsident Bush geradezu als luxuriös. Andere Themen waren aktueller, Folter zum Beispiel – nicht aber, ob ein Tanzstudio verschwindet oder Rentner aus ihren Wohnungen verdrängt wurden. Mir war aber immer wichtig, dass unser Protest gegen die Verdrängungsprozesse in der Stadt zum Kampf um die Basis der bürgerlichen Gesellschaft gehört, um das Fundament einer Kultur. Wenn ich mein Buch heute noch einmal schreiben würde, dann würde ich meine Aufmerksamkeit mehr auf die Profiteure des Immobilienbooms richten. Sie haben hohe Profite eingefahren und nur sehr wenig für die Stadt und ihre Einwohner getan.
Die Förderung von Wohneigentum ist ein Ziel amerikanischer Politik, genau wie in Deutschland und anderen westlichen Industrieländern. Wie konnte daraus die Hypothekenkrise entstehen?
Wirtschaftliche Privatisierung setzt ein Klima der psychologischen Privatisierung voraus – also den Rückzug des Individuums aus dem öffentlichen Leben. Der Wunsch nach einem Eigenheim wurde durch die Medien noch gesteigert, das Privat als Idyll stilisiert. Die Banken vergaben fröhlich Kredite, die nicht abgezahlt werden konnten, weil sie Kredite bündeln und auf dem Markt weiterverkaufen durften, ohne dass die Käufer dieser Finanzprodukte eine Vorstellung davon hatten, was in ihnen enthalten war. Das Haus war auch eine abstrakte Ware. Jeder glaubte daran, dass gerade seines an Wert gewinnen würde, komme, was wolle. Ich habe in meiner Umgebung einige Leute wahnwitzige Entscheidungen treffen gesehen. Sie konnten sich nicht freimachen von diesem Eigenheimwahn, und es war fast so, als würde ihnen die Sprache fehlen, das Risiko in Worte zu fassen.
Sehen Sie Parallelen zwischen der Spekulationsblase der neunziger Jahre und der heutigen?
Ja, denn auch der Internetboom stand im Einklang mit der Privatisierungsrhetorik, mit der Idee, dass die neuen Technologien deshalb so großartig seien, weil man sein Haus nicht mehr verlassen müsse. Kierkegaard hat einmal gesagt, dass die Reichen und die Diebe eines gemeinsam hätten: Beide lebten im Verborgenen. Die Werbung schwärmte, wie schön es wäre, nie mehr in einer Schlange in der Bank oder im Supermarkt anstehen zu müssen. Und auch hier schien es keine Sprache zu geben, die zum Ausdruck brachte, dass man in Schlangen jemanden treffen könnte. Die Menschen hatten nichts gegen die Rhetorik der Privatheit, der Effizienz, des Komforts, des Profits in der Hand. Kurios finde ich nur, dass die Angestellten der IT-Branche San Francisco förmlich überfluteten, weil sie trotzdem nicht in den Vorstädten leben wollten. Auch sie wollten die althergebrachten städtischen Annehmlichkeiten genießen, den öffentlichen Platz, das Nachtleben.
Es wird immer schwieriger, die ökonomischen und die ökologischen Zwänge zu ignorieren, denen ein Leben am Stadtrand unterliegt. Ist die Krise eine Chance für das Zentrum unserer Städte?
Das bahnt sich schon seit geraumer Zeit an. Ich frage mich, ob nicht das Ende des billigen Erdöls die Idee der Vorstädte in Amerika zerstören wird. Wenn die Reichen die Städte neu für sich entdecken, dürften manche Außenbezirke den Armen überlassen werden. Sehr lange Arbeitswege sind in der unteren Mittelschicht weit verbreitet. Der arbeitenden Bevölkerung, die sich für ein Haus entschieden hat, war es den langen Weg zur Arbeit wert. Für mich ist das Wahnsinn: warum ein ideales Heim für meine Familie schaffen, wenn ich dafür ein paar Stunden pro Woche opfern muss, die ich eigentlich mit ihr hätte verbringen können? Warum sich nicht stattdessen etwas Moderateres kaufen oder auch mieten, das nah zur Arbeitsstätte liegt? Vom ökologischen Tribut mal ganz abgesehen.
Sie sprechen von langen Anfahrtswegen zur Arbeit. In Ihrem Buch Wanderlust“ haben Sie dagegen die Wichtigkeit des Gehens für das öffentliche Leben betont. Warum verbindet uns das Gehen?
Im öffentlichen Raum halten nur die wenigsten von uns inne. Gehen ist eine Möglichkeit, Orte durch körperliche Erfahrung miteinander zu verbinden – man durchmisst und erlebt den Raum zwischen zu Hause und dem Kino oder dem Arbeitsplatz oder dem Park. Es ermöglicht uns, sich unter Fremden zu Hause zu fühlen. Ohne das funktioniert Demokratie nicht. Eine Kultur, die nicht läuft, ist bereits eine besiegte Kultur. Man kann Protest oder Aufbegehren nicht im Auto und auch nicht im Internet ausüben.
Aber gerade der Wahlsieg Barack Obamas wird doch auch auf den sehr effektiven Einsatz des Internets zurückgeführt. Mit neuen Medien wurden neue Gemeinschaften von Unterstützern und freiwilligen Helfern mobilisiert.
Obama gehört sicher zu einer Generation, für die Internet und Mobiltelefon zum Alltag gehören. Er arbeitet aber mit einer noch viel jüngeren Generation, die extrem vernetzt ist und dementsprechend denkt und lebt. Doch schon lange bevor die meisten dieser Technologien existierten, hat Obama für soziale und politische Organisationen gearbeitet. Jetzt erlauben diese neuen Technologien ihm, bis in jeden noch so entlegenen Ort vorzudringen und genau das fortzuführen, was er schon immer vor seiner Haustür getan hat.
Die Fragen stellte Tanja Herdt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, Jude Mooney