11. März 2009 West Berlin, 1979. In der Gropiusstadt, einer Trabantenstadt in Neukölln, wächst sich Frank Nowatzki, Sohn eines Arbeiterhaushalts, durch die Pubertät. Eine Aufstiegsphantasie seiner Eltern hat ihn in den Süden, unmittelbar in die Nachbarschaft der Mauer, geführt. Von dort aus heißt es nun, sich ins Zentrum der Stadt zurückzukämpfen. SO 36, Kreuzberg, die Szene am Kottbusser Tor ist das Ziel. Denn die zum Problemviertel verkommene Hochhaussiedlung ist nicht die Umgebung, die einen wachen Oberschüler intellektuell befriedigen kann. Also wird Frank Nowatzki Punk, und zwar aus Überzeugung. Kein Schickimicki-Modepunk mit möglichst perfekter Aufrüschung, sondern die proletarische Variante, mit bemaltem Sakko und selbstgeschorenen Haaren. Die Punk-Bewegung ist da drei, Nowatzki fünfzehn Jahre jung.
Und er will raus. Raus aus der Laubenpieperexistenz seiner Eltern. Gitarre spielen kann er nicht, hat also beste Voraussetzungen, sich einer Band anzuschließen. Sex Pistols, The Clash, Dead Kennedys, an Vorbildern mangelt es nicht für die Beton Combo, die 1979 ihren kurzen Siegeszug antritt. Nowatzki, der kaum drei Riffs beherrscht, hält die Gitarre. Künstlername Lobster, seiner Tätowierung wegen. Und weil die Gruppe auch ein Lied mit dem Titel Nazis Raus im Repertoire hat, gibt es in der Schule und auf der Straße bedrohliche Begegnungen mit Skinheads und Nazi-Punks. Da bin ich dann nur noch gerannt, sagt Nowatzki. Dann beginnt er, über Selbstverteidigung nachzudenken, landet beim Boxen: Wenn Leute zur Gewaltanwendung bereit sind, hast du keine andere Chance.

Unter der Schulbank lieber Bukowski als Böll
Auf der Schulbank liest er Heine, Kafka und den unvermeidlichen Böll (was hat diese Generation Böll lesen müssen!), unter der Schulbank Bukowski, Burroughs, Kerouac. Soweit alles ganz normal. Aber Nowatzki fasziniert der Umstand, dass die Helden der Beat-Generation ihre ersten Auftritte in Pulp-Magazinen wie Black Mask oder Gold Medal, im billig gemachten Heftchengenre hatten. Die Fasziniation durch eine gegenläufige literarische Massenware, das berührt eine Saite in Nowatzki, weil er als Punk von der Manipulation der Masse überzeugt ist. Er will - am bestehenden Gesellschaftssystem zweifelnd und das ewige Vorrecht der Jugend einfordernd - seinen eigenen Weg gehen, an den Institutionen vorbei. In der Rückschau erklärt er sein Motiv, unbekannte amerikanische Autoren deutschen Lesern nahebringen zu wollen, mit einem ungewöhnlich gedrechselten Satz: Es sei eine unglückliche Notwendigkeit im Leben, dass man meint, man müsste alles selbst ausprobieren.
Heute lebt Frank Nowatzki im Berliner Bezirk Friedrichshain in einer Seitenstraße der Frankfurter Allee. Renovierte Altbauwohnung, ein ausgestopftes Gürteltier auf dem Bücherregal, ein Hertha-Wimpel baumelt am Kaktus, mehr Schallplatten als CDs. Zwei Kinder haben sein Leben verändert, er ist begeisterter Vater. Den Lebensunterhalt verdient er in der EDV-Abteilung jenes Fachverlags, der ihn zum Verlagskaufmann ausbildete. Aber wirklich verbürgerlicht wirkt er nicht. In einem Garten auf märkischem Sand baut er Chili an, eine Anregung, die er aus dem eigenen Programm bezogen hat - aus Rick DeMarinis grandiosem Romanstreich Kaputt in El Paso (DeMarinis, Rick: Kaputt in El Paso).
Die Karriere im Verlagsgeschäft kommt ins Stottern
Zwei Amerika-Aufenthalte prägen ihn nachhaltig. Als Achtzehnjähriger erlebt er in Las Vegas Mike Tyson im Boxring. Und in Berkely lernt er Barry Gifford und dessen Verlag Black Lizard kennen, der Autoren wie Jim Thompson und Charles Willeford für die Punk-Generation fruchtbar gemacht hat. Willefords 1958 erschienener Roman Die schwarze Messe (Pulp Master Nummer 20) ist eine prägende Lektüre für Nowatzki. Er zeigt die Leute, auf deren Rücken der amerikanische Traum ausgetragen wird. Aber er zeigt eben auch, wie alles miteinander verzahnt ist, wie jeder nur versucht, seinen Schnitt zu machen. Da wird nicht alles gleich zum großen Verbrechen stilisiert.
Wieder daheim, startet Nowatzki 1988 die Black-Lizard-Reihe mit sechs Titeln, ein Unternehmen, das er wegen drückender Schuldenlast wieder einstellt. Denn an den Institutionen, und seien es Banken, ist nicht immer vorbeizukommen. Nowatzi hat es am eigenen Leib erfahren, zwei Jahre versucht er beim wissenschaftlichen Springer Verlag in Heidelberg Karriere zu machen (Fotografien aus dieser Zeit zeigen ihn mit Krawatte). Er scheitert an einem ehrgeizigen Junghierarchen. Dann rutscht er in Berlin endgültig ins Buchgeschäft hinein - durch den 2001 verstorbenen Verleger Erich Maas, einen Mann mit Gespür, der vor dem Mauerfall seine Fühler nach Ost Berlin ausgestreckt hatte. Nowatzki jobbt als Türsteher und glaubt an seine Autoren, weil er weiß, dass sie keine Chance haben, in einem großen Publikumsverlag zu landen.
Das Geschäft läuft nicht so wie in einer Würstchenbude
Zusammen mit Maas macht er munter drauf los, die Presse ist gut, der Start erfreulich. Der Australier Garry Disher holt 2000 mit seinem deutschen Debüt Gier (Pulp Master Nummer 7) aus dem Stand den Deutschen Krimi-Preis. Dishers Romane um den Berufsverbrecher Wyatt sind reinstes Hard-Boiled-Genre, eine stilsichere Fortschreibung von Autoren wie dem neuerdings unter seinem Pseudonym Richard Starck wieder zu Ehren kommenden Donald E. Westlake. Die Durchsetzung auf dem deutschen Markt verdankt Disher denn auch Nowatzki, auch wenn der sich den Autor später mit dem Zürcher Unionsverlag teilt. Zwei bis drei Bücher im Jahr stemmt Nowatzki in einer Art eingespieltem Familienbetrieb. Dazu gehört der Hamburger Maler 4000, der alle der im Einerlei der Krimireihen auffallenden Titelbilder gestaltet hat; dazu gehört auch als Lektorin die Germanistin Angelika Müller. Der Verleger selbst übersetzt, aber nur, wenn er sich den Text zutraut.
Das ist Verlegerei im Nebenerwerb inklusive Selbstausbeutung: Wir betrachten das als kulturelle Aufgabe. Wenn wir die Bücher nicht machen würden, würde sie keiner machen. Die Risiken hat Frank Nowatzki kalkulieren gelernt. Büchermachen läuft ja nicht so, dass man sich in der Metro Würstchen holt und sie dann in der Würstchenbude fürs Doppelte verkauft. Für Lizenzen zahlt er einen symbolischen Obolus; oft sei es so, dass die Autoren in ihrer Heimat keinen festen Verlag hätten und sich freuten, wenn im Ausland jemand für sie kämpfe. Die Bände verkaufen jeweils zwischen ein- und dreitausend Exemplare, Fans sammeln die Reihe komplett. Darin finden sich wiederentdeckte Schreiber wie Derek Raymond, Paul Cain, Gerald Kersh, neuentdeckte wie Buddy Giovinazzo, Paul Freeman oder auch durchstartende wie Thor Kunkel, der zuletzt bei einem Großverlag scheiterte. Reich werden kann niemand mit diesen Büchern.
Den erwähnten Rick DeMarinis wollte bislang kein deutscher Verlag in Lizenz übernehmen, weil der Roman angeblich zu brutal oder pervers sei, in kein Krimireihen-Konzept passe. Man sehe sich an, welche ausufernden Folterszenen etwa Kunkels vormaliger Verlag in einem Bestseller wie Jilliane Hoffmans Cupido verbreitet, dann weiß man, dass DeMarinis zu intelligent und zu komplex ist, um in den Container jener Dutzendware zu passen, die alle paar Wochen in den Buchhandel gekübelt wird. Ein Pulp Master muss gedanklichen Mehrwert mitbringen, ein auf die Handlung reduzierter Krimi sei doch uninteressant, befindet der Verleger. Wie bitte? Naja, sagt Frank Nowatzki dosiert grinsend, es stimme schon, dass er im Gewand von Pulp verkaufe, was letztlich jenseits davon liege. Eine Mogelpackung von Format.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Andreas Pein