Littell in England

Die Exotik des Bösen

Von Gina Thomas, London

18. März 2009 Wie in den Vereinigten Staaten (siehe auch Amerikanische Reaktionen auf Littell: Genial und pervers) hat Jonathan Littells Roman „Die Wohngesinnten“ („The Kindly Ones“) auch in Großbritannien eine äußerst gemischte Aufnahme gefunden. Die Reaktionen reichen vom Totalverriss in der „Sunday Times“ bis zur schwärmerischen Huldigung an „ein großes Werk der belletristischen Literatur, dem sich Leser und Gelehrte noch über Jahrzehnte zuwenden werden“, wie es Antony Beevor, Autor des Bestsellers „Stalingrad“, in der „Times“ voraussagt. Der Literaturwissenschaftler Andrew Hussey hält den Roman für „Holocaust-Kitsch“, nicht aber, wie andere, für „Holocaust-Pornographie“. Tim Martin beschreibt es im „Daily Telegraph“ als „ausuferndes, gewagtes, rastloses Monster von einem Buch“.

Im Ganzen fällt die Kritik respektvoll verhalten aus. Fast alle Rezensenten, selbst jene, die, wie Jason Burke, Auslandskorrespondent des „Observer“ mit Sitz in Paris, Littell große Meriten zusprechen, beklagen auch Mängel. Burke weist auf die ausgiebigen skatologischen und sexuellen Bezüge hin, „die manchem exzessiv erscheinen mögen“. Dennoch habe Littell reüssiert, wo schon viele ehrgeizige Autoren vor ihm gescheitert seien. Der Roman zeige auf brillante Weise, wie gewöhnliche Menschen zu Mördern würden, und enthülle so „etwas Verzweifeltes und Deprimierendes, aber ungemein Wichtiges“. Max Aue, der SS-Henker, spreche mit charakteristisch brutaler Klarheit die Wahrheit, wenn er sage: „Ich bin wie ihr.“

„Ein Eisernes Kreuz aus Plastik“

Mehrere Rezensenten erheben indes Einspruch gegen die Vorstellung, dass die Hauptfigur den Durchschnittsdeutschen verkörpere. Andrew Hussey konstatiert, das zentrale Argument des Romans, wonach die Katastrophe des Nationalsozialismus keine von den Feinden der Menschheit geschaffene Abweichung sei, sondern, selbst in ihren schrecklichsten Momenten, eine große menschliche Tragödie, scheitere an dem monströsen Wesen Aues. Im „Guardian“ bemängelt James Lasdun, dass Littell Aue mit „einer Reihe von radikal anomalen psychosexuellen Eigenschaften“ ausgestattet habe. „Eine Figur, der es Spaß macht, zu beobachten wie ihre Mutter und ihr Stiefvater die Würste verspeisen, mit denen sie sich gerade sodomisiert hat, scheint nicht gerade die überzeugendste Grundlage zu sein für die Behauptung, dass wir alle gleich sind.“ Der Roman liefere vielmehr eine Studie der Exotik des Bösen, so Lasdun. Je perverser die Geschichte werde, desto singulärer erscheine Aue. Trotzdem bezeichnet der Kritiker „The Kindly Ones“ als Werk, das ungeachtet seiner Schwächen zum Vergleich mit Tolstoi und Melville auffordere.

Der schottische Schriftsteller Allan Massie hingegen lehnt im „Scotsman“ den Vergleich mit „Krieg und Frieden“ als absurd ab, hält den Roman aber für eine „monumentale Leistung“. Nur belaste Littell sein Werk mit zu viel historischem Detail. Die Figuren würden nicht lebendig. Dadurch fehle jenes menschliche Interesse, das große Literatur auszeichne. Keiner aber geht so hart mit Littell ins Gericht wie Peter Kemp, der in der „Sunday Times“ gegen die „schreckliche Irrealität“ wettert, durch die der Roman trotz aller Details so überzeugend wirke wie „ein Eisernes Kreuz aus Plastik“. „The Kindly Ones“ verdiene allenfalls eine Auszeichnung für die Erzählfigur mit dem lockersten Schließmuskel der Literaturgeschichte, faucht der von den ausführlichen Beschreibungen der Stuhlprobleme Aues gelangweilte Kemp.

Mit deutlich größerer Begeisterung hat die britische Kritik dieser Tage zwei andere Neuerscheinungen aus dem Ausland als Entdeckungen begrüßt: Hans Falladas „Jeder stirbt für sich allein“, übersetzt als „Alone in Berlin“, und Stefan Zweigs postum veröffentlichter Roman „Verwirrung der Gefühle“, der den Titel „The Post-Office Girl“ trägt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Verlag

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