China-Symposion

Zu Gast bei Diktatoren?

Von Oliver Jungen

Unter Protest: Der chinesische Delegierte Mei Zhaorong verlässt zwischenzeitlich das Frankfurter Symposion

Unter Protest: Der chinesische Delegierte Mei Zhaorong verlässt zwischenzeitlich das Frankfurter Symposion

14. September 2009 Es gab ihn, den einen Moment, an dem alles auf der Kippe stand, den Moment, in dem Jürgen Boos, der Direktor der Frankfurter Buchmesse, das Symposion „China und die Welt“ vielleicht doch hätte abbrechen müssen. Dieser Moment war nicht der Abmarsch der chinesischen Delegation aus dem Konferenzraum des Instituto Cervantes. Genau das hatte die Delegation schließlich angekündigt, sollten die beiden doch noch angereisten Autoren Dai Qing und Bei Ling vom Podium aus ihre Meinung kundtun dürfen - was sie entgegen erster Planungen durften. „Beschneidung der Redefreiheit“, „Missbrauch der öffentlichen Gewalt“ und „Missachtung der Grundrechte“ kennzeichneten die chinesische Politik dieses Jahrhunderts, konstatierte Dai Qing.

Der kritische Moment aus deutscher Perspektive kam nach dem Wiedereinzug der Delegation. Er bestand in einem ganz und gar ungeheuerlichen Satz, einem mit viel Applaus und Bravo-Rufen von den offiziell geladenen chinesischen Besuchern bedachten Satz des ehemaligen chinesischen Botschafters in Deutschland Mei Zhaorong. „Ich habe große Achtung vor Deutschland und den Deutschen“, rief Mei zornig, „aber ich muss feststellen, dass man hier von Demokratie spricht, aber in der Praxis eigentlich diktiert!“ Muss sich, darf sich Deutschland als Diktatur bezeichnen lassen? Ausgerechnet von einem chinesischen Politiker?

Damit war die Erregung, die sich über mehrere Tage durch Feigheit der deutschen Seite und durch Unverschämtheit der chinesischen Seite potenziert hatte, auf ihrem Höhepunkt angelangt. Alle Beteiligten waren sichtlich nervös. Für Jürgen Boos und den Programmverantwortlichen Peter Ripken stand die Reputation auf dem Spiel. Spät erst hatten die Vertreter der Buchmesse eingelenkt, sich dann aber hinter die Position von Herbert Wiesner, dem Generalsekretär des mitveranstaltenden PEN, gestellt: Dai Qing und Bei Ling wurden eingeflogen, obwohl die chinesische Delegation sie als unerwünscht betrachtete. Für die vorherige Hasenherzigkeit - den beiden Dissidenten war nahegelegt worden, erst zur Buchmesse zu kommen - entschuldigte man sich.

Mehr als vermessen

Die Aufregung im Vorfeld hatte zu einem beachtlichen Presseaufgebot geführt, wobei im Mittelpunkt der Kamera- und Mikrofontrauben nur die beiden Dissidenten zu sehen waren. Niemand interessierte sich für die verloren herumstehenden offiziellen chinesischen Vertreter. Dies setzte sich fort in der Eröffnungsrede der Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth, die außer Jürgen Boos namentlich einzig die beiden Kritiker begrüßte. Diese Rede mag eine selbstgefällige Note gehabt haben - Frau Roth berichtete mit Stolz, wie oft sie bereits in China freie Reden für die freie Rede gehalten und wie oft sie den Dalai Lama empfangen habe -, aber sie war deutlich und angemessen. Vielleicht hätte sich auch der Satz „Ich sage Ihnen: Das interessiert mich nicht, was die gerne sehen oder nicht sehen“ eleganter formulieren lassen. Doch die chinesische Delegation hatte sich alles selbst zuzuschreiben. Der Affront war von ihr ausgegangen, das Ansinnen, bestimmen zu wollen, wer in Deutschland reden darf und wer nicht, war mehr als vermessen.

Insofern gab es eigentlich keinen Grund für die offizielle Entschuldigung von Jürgen Boos bei den chinesischen Partnern, die diese im Hinterzimmer zur Bedingung für ihre Rückkehr gemacht hatten. Boos, der das Symposion retten wollte, entschied sich dennoch für den diplomatischen Weg und entschuldigte sich vor Publikum und Presse bei der chinesischen Seite dafür, das Programm eigenmächtig abgeändert und die beiden Sondergäste ohne Rücksprache auf das Podium gebeten zu haben. Auch dürfe natürlich jeder entscheiden, ob er den Raum verlasse oder nicht. Freundlich gedeutet, hatte die Entschuldigung von Boos den Inhalt: Wir bedauern, dass die chinesische Seite uns genötigt hat, von der kulturdiplomatischen Usance einvernehmlicher Zusammenstellung von Rednerlisten abzugehen.

Gerade noch rechtzeitig

Erst nach der Erklärung von Boos ergriff Mei das Wort, sprach von diktierten Verhältnissen und verbat sich energisch Demokratieunterricht. Er schob nach, dass man sich gewaltig irre, wenn man glaube, „diese Frau“ und „dieser Mann“ sprächen für 1,3 Milliarden Chinesen. Schließlich geißelte er noch die deutschen Medien, „eine unkontrollierte Macht - und so etwas ist gefährlich“, die „böswillige Verleumdungen“ in die Welt setzten, etwa die, China sei ein unfreier Staat.

Vielleicht hätte man abbrechen müssen, aber dann wären viele andere, nicht ausschließlich linientreue Stimmen nicht zu Wort gekommen. Vielleicht war es daher auch richtig, sich im Stillen zu denken, dass der ehemalige Botschafter trotz seiner Claqueure sicher auch nicht für 1,3 Milliarden spreche, offiziell ja sogar nur noch für sich selbst. Die Auffassung, dass zu viel individuelle Freiheit ein Schaden für das Gemeinwohl sei, wie er verkündete, wird von der jüngeren chinesischen Generation, den liberal natives, wohl längst nicht mehr geteilt. Im Übrigen gehört zur Kulturdiplomatie die Wechselseitigkeit: Man wird sich wohl doch alles anhören müssen, was man im Zweifel der Gegenseite ins Gesicht sagen will. Nicht euphemistische Beschreibungen des chinesischen politischen Systems sind das, woran sich chinesische Diplomaten gewöhnen müssen.

Es war zu lesen, die Buchmesse habe voreilig gehandelt bei der Einladung Chinas, denn das Land sei noch nicht so weit. Das ist durch die Ereignisse der letzten Tage nicht erwiesen. Die Gründe, den kulturpolitischen Dialog mit China zu suchen, liegen nach wie vor auf der Hand. Der Eklat vom Wochenende hat aber gerade noch rechtzeitig markiert, wofür man kein Verständnis mehr haben darf, wenn man nicht das eigene Selbstverständnis aufs Spiel setzen will.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp

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