17. November 2008 An jenem Morgen, an dem er den Österreichischen Staatspreis für Literatur erhalten wird, zermartert sich Thomas Bernhard das Hirn, worüber er in seiner Dankesrede sprechen soll: Ich fand kein Thema für eine Rede. Ich dachte, sollte ich vielleicht auf die Weltlage eingehen, die, wie immer, schlimm genug gewesen war. Oder auf die unterentwickelten Länder? Oder auf die vernachlässigte Krankenversorgung. Oder auf den schlechten Gesundheitszustand der Zähne unserer Schulkinder? Sollte ich etwas über den Staat an sich oder über die Kunst an sich oder über die Kultur überhaupt etwas sagen? Sollte ich vielleicht gar etwas über mich selbst sagen? Ich fand alles abstoßend und ekelerregend.
Schließlich setzt sich Thomas Bernhard verzweifelt und klagend zu seiner Tante an den Frühstückstisch. Vielleicht nach dem Frühstück, sagte meine Tante, und ich dachte, ja, vielleicht nach dem Frühstück, und ich frühstückte und frühstückte, aber mir war noch immer nichts eingefallen. In letzter Minute, kurz bevor man in größter Eile das Haus verlässt, tippt Thomas Bernhard hastig etwas in die Maschine, ein paar Sätze nur; aber die Zeit reicht nicht einmal mehr dazu, sie der Tante rasch vorzulesen. Tante und Neffe erwischen gerade noch ein Taxi und fahren zur Preisverleihung: Diese Fahrt war die Fahrt zu einer Hinrichtung.
Der meistverunglimpfte Schriftsteller
Der Eklat, der dann folgte, ist Literaturgeschichte. Der Minister verlässt nach den Dankesworten des Preisträgers zornbebend und türenschlagend den Saal, Fäuste werden drohend geschüttelt, Beleidigungen gebrüllt, und am nächsten Tag schreibt eine Wiener Zeitung, der Schriftsteller Thomas Bernhard sei eine Wanze, die man vertilgen müsse. Damit war ein Ton angeschlagen, der bis zum späten Theaterskandal um Bernhards Heldenplatz nicht mehr verklingen sollte. Der Dichter hat zwar nur den Kleinen Österreichischen Staatspreis erhalten - eine gezielte Perfidie, wie er glaubt -; aber von nun an ist er in seinem stets zum Hass bereiten Heimatland der bestgehasste, tiefstverabscheute, meistverunglimpfte Schriftsteller.
Er ist der Große Österreichische Staatsbeschimpfer. Und er ist der immer wieder aufs Neue ausgezeichnete Literaturpreisverächter, ein Dichter, der sich beschmutzt fühlt durch den immer schon welken Lorbeer, der ihm aufs Haupt gesetzt wird, und der sich oft genug dafür verachtet, dass er das Geld nimmt, das mit den verhassten Auszeichnungen verbunden ist.
Abrechnung mit dem Kulturleben
Nirgends sonst treffen Künstler und Staat so unvermittelt aufeinander wie bei der öffentlichen Dichterehrung. Thomas Bernhard hat den Literaturpreiszirkus Zeit seines Lebens verabscheut. Er hat ihn gefürchtet und gehasst, und er hat über ihn gelacht, so gut es ging. Die Rituale der Preisverleihung, die oft unsäglichen Grußworte und ahnungslosen Reden der Funktionäre, die mittelmäßigen Streichquartette und die in der ersten Reihe schnarchenden Politiker und Honoratioren, die dünkelhaften Juroren und die selbstherrlichen Akademiepräsidenten, das ganze halbgebildete Schranzentum, das sich so oft wie möglich versammelt zum Zweck des Selbstgenusses mit den Mitteln der Dichterdemütigung - all das hat Thomas Bernhard gehasst, und er hat es in einem Hass ausgekostet bis zur bitteren Neige.
Wie es typisch für ihn war, ließ er Torturen Tiraden folgen. So wurde jede Preisverleihungszeremonie als Widerstand verstanden, den es zu überwinden galt, und als Material, das sich zu Literatur erarbeiten ließ. So entstand unter dem Titel Meine Preise die Abfolge von beißenden Berichten aus dem öffentlichen Kulturleben, deren Vorabdruck heute im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung beginnt. Es ist das erste Werk überhaupt, dass aus dem Nachlass des 1989 verstorbenen Dichters erscheint.
In heiterster Verzweiflung
Vor sieben Jahren, in der Ausstellung Thomas Bernhard und seine Lebensmenschen. Der Nachlaß, waren die beiden ersten Seiten von Bernhards Bericht über die Verleihung des Staatspreises zu sehen: Zwei mit der Maschine geschriebene, mit dickem Filzstift korrigierte Blätter, die aus einem fünfzigseitigen Konvolut stammten, dem Bernhard den Titel Meine Preise gegeben hatte. Handschriftlich hatte er hinzugefügt: 9 Preise von 12 od. 13.
Thomas Bernhard hatte das wahrscheinlich um 1980 entstandene Manuskript seinem Verleger für den März 1989 angekündigt, ohne Siegfried Unseld allerdings Genaueres über diese Prosa-Arbeit mitzuteilen, deren Abfolge autobiographischer Skizzen in heiterster Verzweiflung den ganzen Bernhard zeigen: den jungen, hoffnungsvollen Novizen der österreichischen Literatur ebenso wie den selbstbewussten Büchnerpreisträger, den snobistischen Liebhaber teurer Anzüge und den überglücklichen Besitzer einer englischen Limousine und nicht zuletzt den stets in Geldnöten steckenden Immobilienbesitzer, der ein Haus nach dem anderen kauft, weil sich erst unter dem Druck der Schulden die Schreibblockaden auflösen.
Sein Zorn auf das Schriftstellergeschwätz
Thomas Bernhard ist in diesen auch selbstironischen Texten oft unerbittlicher gegen sich selbst als gegen die verhassten Funktionäre. Nur die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung darf nicht auf Ironie oder Milde hoffen. Als sie den ehemaligen Bundespräsidenten Walter Scheel zum Ehrenmitglied machen will, triff sie Bernhards ganzer Zorn: Thomas Bernhard verlässt die Akademie unter heftigstem Protest, der zeigt, dass nicht alles Verhasste auf die Funktionäre und auf Österreich allein beschränkt war. Es konnte durchaus auch einmal gegen deutsche Kollegen gehen: Das Schriftstellergeschwätz in den Hotelhallen Kleindeutschlands ist ja wohl das Widerwärtigste, das sich denken lässt.
Thomas Bernhards Meine Preise ist von heute an als Vorabdruck im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu lesen.
Text: F.A.Z.
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