Katharina Hacker und Suhrkamp

Chronik einer Zerrüttung

Von Felicitas von Lovenberg

Erzählt von einer Desillusion: Autorin Katharina Hacker

Erzählt von einer Desillusion: Autorin Katharina Hacker

14. November 2009 An diesem Montag erscheint der neue Roman von Katharina Hacker im Suhrkamp Verlag. „Alix, Anton und die anderen“ markiert einen Anfang und zugleich einen Endpunkt. Einen Anfang, weil dies der erste einer auf drei Teile angelegten Romanreihe ist, in der Katharina Hacker sich mit diesen Personen und ihrem Kosmos beschäftigen will. Einen Endpunkt, weil dies das letzte Buch Hackers bei Suhrkamp sein wird - und selbst als solches erscheint es gegen den Willen der Autorin. Insofern markiert dieses Werk, das von Freundschaft handelt und der Achtsamkeit, die dazugehört, auch den Tiefpunkt der Beziehung zwischen einer der bekanntesten deutschen Schriftstellerinnen und ihrem langjährigen Verlag.

Bereits im Juni hatte Katharina Hacker die Leitung des Suhrkamp Verlags schriftlich gebeten, sie gehen zu lassen. Da war der neue, bisher vierte Roman der zweiundvierzigjährigen, in Berlin lebenden Autorin in der Programmvorschau für den Herbst allerdings schon angezeigt. Ulla Unseld-Berkéwicz, so Hacker, habe ihr zurückgeschrieben, sie bestehe auf dem Roman. Schließlich sei das Buch vorangekündigt und von Verlagsseite bereits Arbeit in das Projekt geflossen. „Um eine sich womöglich Monate hinziehende juristische Auseinandersetzung zu vermeiden (der Roman war angekündigt, einen Vertrag gab es aber nicht), hat in meinem Namen ein Rechtsanwalt dem Verlag die Hardcover-Rechte an dem Manuskript, wie es zu jenem Zeitpunkt vorlag, angeboten. Ulla Unseld hat diese Rechte gekauft. Die fünfzehnjährige Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag ist für mich mit diesem Buch beendet.“ So steht es seit einigen Wochen in einer Presseerklärung auf der Internetseite der Autorin (www.katharinahacker.de). Und weiter: „Ein Lektorat hat nicht stattgefunden.“

„Kleine Unfreundlichkeiten, Geringschätzungen, Unachtsamkeit“

Hinter den dürren, in sachlichem Ton gehaltenen Sätzen steckt ein Konflikt, der die branchenüblichen Querelen weit übersteigt: eine Buchveröffentlichung, die die Absichten der Verfasserin missachtet. Die Beziehung zwischen der Schriftstellerin und dem Verlag ist offenbar zerrüttet, trotzdem müssen beide Seiten jetzt gute Miene zum bösen Spiel machen, um dem Kind, für das beide Sorge tragen, nicht noch mehr zu schaden, als es eine Trennung ohnedies schon tut.

Die Gründe dafür, dass ein Autor den Verlag wechselt, können vielfältig sein. Oft haben sie mit Geld zu tun, bisweilen auch mit entscheidenden inhaltlichen oder persönlichen Differenzen zwischen Autor und Verleger. Manchmal ist die Zeit aber auch einfach reif für eine Veränderung - wie es bei Katharina Hacker der Fall zu sein scheint. Nachdem sie sich zum Verlagswechsel entschlossen hatte, konnte es dafür aus ihrer Sicht keinen logischeren, sinnvolleren Zeitpunkt geben als mit diesem Buch, an dem sie fast vier Jahre lang gearbeitet hat und das einen neuen Werkzyklus einläutet. Dass bei ihrem Weggang neben nicht ungewöhnlichen Autoreneitelkeiten - wer wollte nicht Spitzentitel sein? - und finanziellen Überlegungen auch Umgangsfragen eine Rolle gespielt haben dürften, macht sie deutlich: „In der Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag habe ich nun gelernt, wie kleine Unfreundlichkeiten, Geringschätzungen, Unachtsamkeit sich ausbreiten, von einer Handlung zur nächsten, von einem Menschen zum nächsten.“

Gegen ihren Wunsch und ihre ästhetische Absicht

Dass Verleger die Autoren, die sie aufgebaut haben, zu halten versuchen, zumal wenn sie dann so anerkannt und erfolgreich sind wie Katharina Hacker, gehört zum Geschäft; das Vorgehen aber, sie notfalls gegen ihren Willen zum Bleiben zu zwingen, trägt despotische Züge. Die Frage, ob Hackers Einwilligung, ihren Roman in der Vorschau anzukündigen, bereits einen bindenden Vorvertrag darstellt, mag juristisch legitim sein; auf persönlicher Ebene muss ein solches Vorgehen irritierend wirken. Nebenbei erinnert der jetzige Fall an einen anderen überflüssigen Streit vom letzten Jahr, als Suhrkamp bei keinem Geringeren als Marcel Reich-Ranicki auf die Vertragserfüllung bei einem Buch pochte, das dieser lieber anderswo publiziert hätte.

Ausgerechnet der Verlag, der wie kaum ein anderer für Loyalität und unbedingten Respekt seinen Autoren gegenüber steht, der Verlag der großen kritischen Werkausgaben und der Editionen letzter Hand - ausgerechnet Suhrkamp veröffentlicht mit „Alix, Anton und die anderen“ jetzt also einen Roman nicht nur gegen den Wunsch seiner Verfasserin - sondern auch in einer Form, die deren ästhetischen Absichten zuwiderläuft. Denn das vom Verlag gewählte Layout gibt der Erzählweise des Romans einen ganz anderen Charakter.

„Alix, Anton und die anderen“ ist in zwei Spalten geschrieben. Die eine gibt das Geschehen wieder, die andere weiterführende Begebenheiten zu den Protagonisten. In Katharina Hackers eigener Fassung sind beide Spalten gleich breit und in gleich großer Schrift gesetzt; überdies steht die eine Spalte immer rechts und die andere links. Suhrkamp hingegen hat eine Art Marginalspalte jeweils nach außen gesetzt, so dass beim Lesen nicht der Eindruck eines parallelen Erzählens, sondern von Anmerkungen an die Haupthandlung entsteht. Das von Hacker abgelieferte und von einem Grafiker eigens gesetzte Manuskript umfasste knapp zweihundert Seiten; das fertige Buch hingegen hat lediglich hundertsechsundzwanzig. Diese massive Komprimierung durch das Layout hat Folgen für die eigenwillige Erzählweise des Romans - und damit auch auf dessen Rezeption durch die Leser.

Geteilte Desillusion und unaufhaltbare Vereinzelung

Auf ihre wiederholte Frage, warum der Text, anders als ursprünglich besprochen, nicht nach ihrer Vorgabe gesetzt wurde, habe sie keine Antwort erhalten, sagt Katharina Hacker. Raimund Fellinger, Cheflektor Suhrkamps und auch für diesen Roman zuständig, war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Statt seiner gibt Pressesprecherin Tanja Postpischil Auskunft: Der Roman von Katharina Hacker verdanke seine Qualität „ganz entscheidend auch dem Lektorat Raimund Fellingers“. Selbstverständlich habe ein Lektorat stattgefunden. „Gleich null“ war das Lektorat nach Katharina Hackers Darstellung. Das geänderte Layout erklärt man bei Suhrkamp mit dem ungewöhnlich großen Format des Buches, das von Anfang an geplant gewesen sei. Da der von Katharina Hacker beauftragte Grafiker von anderen Proportionen ausgegangen sei, habe man das Buch neu setzen müssen.

„Alix, Anton und die anderen“ erzählt von einer Gruppe von Freunden in Berlin, eigentlich aber von der einsamen Erkenntnis, dass manche Lebensträume wohl unerfüllt bleiben werden. In ihrer geteilten Desillusion sind die Freundschaften zwischen Alix, Anton, Bernd und Jan zwar innig und intim, bewahren sie jedoch nicht vor der Vereinzelung. Die Frage, inwieweit Kinder seelische Mangelzustände ausgleichen können, beschäftigt die Figuren auf unterschiedliche Weise. Die ungewöhnliche Erzählform der zwei Spalten begründet die Autorin im Gespräch mit ihrer Abneigung gegen den Eindruck einer Unvermeidlichkeit des Geschehens, der in Romanen so häufig entstünde. Dieser Zwangsläufigkeit des Erzählens hält sie ihr Buch entgegen. Genauso wichtig wie das, was in den zwei Spalten steht, ist ihr darum der Raum zwischen dem Gesagten, der für all das steht, „was man ausgelassen, ausgeschlagen hat im Leben“.

Der Ruf des Verlags ist in weiterer Hinsicht beschädigt

Der Romanzyklus, der jetzt mit „Alix, Anton und die anderen“ bei Suhrkamp beginnt, wird im S. Fischer Verlag fortgesetzt. Ein weiteres Buch, das an diesen Erzählkosmos angrenzt, aber eigenständig bleibt, hat Katharina Hacker bereits fertiggestellt; es wird im Frühsommer unter dem Titel „Die Erdbeeren von Antons Mutter“ herauskommen. Danach soll der zweite Teil der Romanreihe folgen; dessen Anfang, den man auch als Ende des aktuellen Buches lesen kann, wird in den nächsten Tagen auf Katharina Hackers Internetseite erscheinen. Dort prangt auch der Satz „Halte dich ungefähr hier auf!“, ein Zitat aus Ludwig Wittgensteins „Philosophischen Untersuchungen“, den die Autorin als Motto ihres Schreibens versteht.

Hätte man Hacker einfach ziehen lassen, wäre zwar sicher erneut die Rede vom „brain drain bei Suhrkamp“ gegangen. Indem der Verlag sich nun aber auf ganzer Linie, von der Akquise der Buchrechte bis zur Erscheinungsweise des Werks, über die Autorin gestellt hat, beschädigt er seinen in Sachen der ästhetischen Qualität der Bücher nach wie vor tadellosen Ruf. Bei zentralen künstlerischen Fragen muss der Autor das letzte Wort haben: Diesen Leitsatz haben wir alle gelernt - von Suhrkamp.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Cinetext/Bruder, Suhrkamp

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