28. November 2008 Elke Heidenreichs Sendung Lesen läuft jetzt zur besten, nämlich selbst wählbaren Sendezeit: immer. Allerdings nicht, wie sie zunächst angekündigt hatte, bei einem anderen Fernsehsender, sondern im Internet. Die Empfehlungssendung der Buchemphatikerin, die das ZDF im Oktober unter großem Protest aus der Verlagsbranche abgesetzt hatte, ist das Zugpferd eines neuen Literaturportals von den Machern der Lit.Cologne.
Unter www.litcolony.de findet man die erste Lesen!-Sendung, die, wie Elke Heidenreich es im Gespräch ausdrückt, in neuer Freiheit aufgezeichnet wurde: in der Kölner Kneipe Backes, mit Schmackes. Zunächst kriegen jene, die der Moderatorin nach der Demontage noch Häme hinterherschickten, mit gewohnter Flapsigkeit einen übergebraten (Marcel Reich-Ranicki findet uns im Internet vielleicht nicht, das macht aber nichts, denn Frauen verstehen ja sowieso nichts von Literatur), aber dann geht es auch gleich um Bücher, die man lesen soll: Tilmann Rammstedts Kaiser von China, Scherbenpark von Alina Bronsky oder Brautprinzessin von William Goldman. Zu Gast ist, wie ehedem auch im ZDF geplant, Campino, Sänger der Toten Hosen.
Die Menschen, die hier zusammenfinden, lieben Literatur
Mit dem Literaturportal wolle man das Pendant zum Festival im Netz schaffen, sagt Wolfgang Köhler, neben Edmund Labonté und Rainer Osnowski einer der Geschäftsführer der Lit.Cologne. Das Kölner Literaturfestival hat sich mit ungewöhnlichen Autorenkonstellationen an originellen Orten bei enormem Publikumsinteresse in den letzten acht Jahren als wichtigstes Buchereignis des Frühjahrs neben der Leipziger Messe etabliert. Nun wolle man, so Köhler, nach dem Prinzip der United Artists wichtige Stimmen des Kulturbetriebs im Internet vereinen.
Neben Roger Willemsen, der eine wöchentliche Videokolumne hat, sind bereits Charlotte Roche, Christine Westermann, Cordula Stratmann, Alexa Hennig von Lange, Kirsten Fuchs und Denis Scheck mit von der Partie. Eine halbe Million Euro, sagt Köhler, habe man investiert. Gestemmt wird die Seite mit eigenen Mitteln; von acht Redakteuren kümmern sich zwei ums Kinderprogramm. Das gesamte Angebot ist frei zugänglich; man hofft, dass die Verlage Werbung schalten werden - und das wiederum in der Hoffnung, bei Litcolony eine Community zu erreichen, die Willemsen bereits definiert hat: Die Menschen, die hier zusammenfinden, lieben Literatur.
Zur Gründung des Portals fühlte man sich bei Litcolony aber offenbar noch aus einem anderen Grund berufen. Die Kommunikation zwischen Verlagen und Kunden sei extrem gestört, heißt es immer wieder - was, so Köhler, vor allem an den Buchhandelsketten liege, die mehr an Werbekostenvorschüssen als an literarischer Qualität interessiert seien. So bietet die Seite zwar eine Schnittstelle zum Buchkauf bei Libri an, aber es wird auch einen Service geben, der dem Nutzer, der seine lokale Buchhandlung nicht kennt, nach Postleitzahleingabe eine in seiner Nähe nennt. Auch Elke Heidenreich, längst die Buchhändlerin der Nation, bittet die Zuschauer am Ende ihrer Sendung, alle Werke in der Buchhandlung ihres Vertrauens zu kaufen. Lesen! kommt jetzt übrigens jeden Monat, also doppelt so häufig wie im ZDF.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp