Umberto Eco:

Innerer Monolog eines E-Books

Auf der Suche nach Gefolgschaft: Das E-Book

Auf der Suche nach Gefolgschaft: Das E-Book

26. Dezember 2008 Bis vor kurzem wusste ich nicht, was ich war. Ich bin leer geboren, wenn ich mich so ausdrücken darf. Ich konnte nicht einmal „ich“ sagen. Dann ist etwas in mich eingeströmt, ein Fluss von Buchstaben, ich fühlte mich voll und fing an zu denken. Natürlich habe ich das gedacht, was in mich eingeströmt war. Ein wunderschönes Gefühl, denn ich konnte entweder als Ganzes spüren, was ich in meinem Gedächtnis hatte, oder es Zeile für Zeile durchgehen oder von einer Seite zu einer anderen springen.

Der Text, der ich war, hieß „Vom Buch zum E-Book“. Es war ein Glücksfall, dass jemand, ich muss ihn wohl meinen Benutzer oder Besitzer nennen, gerade diesen Text in mich eingegeben hatte, aus dem ich so viele Dinge über das, was ein Text ist, gelernt habe. Hätte er mir etwas anderes eingegeben (ich habe aus meinem Text gelernt, dass es Texte gibt, die sich nur, wenn man so sagen kann, mit dem Lob des Todes befassen), dann würde ich etwas anderes denken und vielleicht jetzt glauben, ich wäre ein Sterbender oder ein Grab. So aber weiß ich, dass ich ein Buch bin und was ein Buch ist.

Das Innenleben eines Buches

Ich bin etwas Wunderbares: Ein Text ist ein Universum, und – soviel ich verstanden habe – ein Buch wird zu dem Text, den man auf seinen Seiten gedruckt hat. So ist es jedenfalls bei den traditionellen Büchern, deren detaillierte Geschichte mein Text erzählt. Die traditionellen Bücher sind Versammlungen von soundso vielen Papierbögen, und ein Buch, in das, sagen wir, die Odyssee gedruckt worden ist (ein altgriechisches Epos, von dem ich aber nicht genau weiß, was es erzählt), denkt und lebt alles, was in der Odyssee geschieht und gesagt wird. Es lebt es sein ganzes Leben lang, und das kann sehr lange sein, es gibt Bücher, die fast fünfhundert Jahre alt sind.

Natürlich können die Benutzer dieses Buches auch Randnotizen hineinschreiben, und dann – stelle ich mir vor – denkt das Buch auch diese. Ich weiß nicht, was mit einem Buch geschieht, in dem etwas unterstrichen worden ist, ob es dann die unterstrichenen Sachen intensiver denkt oder einfach nur zur Kenntnis nimmt, dass diese Zeilen seinen Benutzer besonders interessiert haben. Ich stelle mir auch vor, dass ein Buch, das vierhundert Jahre alt ist und oft den Benutzer gewechselt hat (aus meinem Text entnehme ich, dass die Benutzer der Bücher sterblich sind und in jedem Fall kürzer leben als ein Buch), dass ein so erfahrenes Buch die Hand seiner verschiedenen Leser erkennen kann und ihre verschiedenen Arten, den Text zu lesen und zu interpretieren. Vielleicht gibt es Leser, die an den Rand schreiben: „Das ist ja bestialisch!“, und ich weiß nicht, ob sich das Buch dann beleidigt fühlt oder eine Gewissensprüfung vornimmt. Es wäre schön, wenn eines Tages jemand einen Text schreiben würde, in dem erzählt wird, wie das Innenleben eines Buches ist.

Einen schrecklichen Text in sich zu tragen muss für ein Buch aus Papier eine Hölle sein, stelle ich mir vor. Wie mag das Leben eines Buches sein, das eine unglückliche Liebesgeschichte erzählt? Ist das Buch dann auch unglücklich? Und wenn sein Text eine Sexgeschichte erzählt, fühlt es sich dann ständig erregt? Ist es schön, nie aus dem Text austreten zu können, den man gedruckt in sich trägt? Vielleicht ist das Leben eines Papierbuches wunderschön, denn es konzentriert sich sein Leben lang ganz auf die Welt seines Textes und lebt, ohne zu zweifeln, ohne an all das zu denken, was außerhalb von ihm geschehen könnte – und vor allem ohne den Verdacht, dass es womöglich andere Texte gibt, die dem seinen widersprechen könnten.

Das Innenleben eines Buches

Ich weiß nicht, warum ich aus dem Text, den man in mich eingespeist hat, erfahren habe, dass ich ein E-Book bin, ein elektronisches Buch, dessen Seiten über einen Bildschirm laufen. Mir scheint, ich habe einen größeren Speicherplatz als Papierbücher, denn ein Papierbuch kann zehn, hundert oder auch tausend Seiten haben, aber viel mehr nicht. Ich dagegen könnte sehr viele Texte beherbergen, alle auf einmal. Ich weiß allerdings nicht, ob ich sie alle auf einmal denken könnte oder nur einen nach dem anderen, je nachdem, welchen mein Benutzer aktiviert. Immerhin habe ich außer den Texten, die in mich eingespeist werden, auch noch ein inneres Programm, ein – sozusagen – eigenes Gedächtnis. Wer ich bin, begreife ich nicht nur durch den Text, den ich gerade beherberge, sondern auch durch die Natur meiner inneren Stromkreise. Also ich meine ... ich kann es nicht so gut ausdrücken, aber es ist, als könnte ich aus dem Text, den ich beherberge, hinausspringen und sagen: „Sieh an, wie kurios, ich beherberge diesen Text!“ Ich glaube nicht, dass ein Papierbuch das tun kann, aber wer weiß, ich nehme an, ich werde wohl nie Gelegenheit haben, mit einem Papierbuch einen Dialog zu führen.

Der Text, den ich beherberge, ist sehr reichhaltig, und ich lerne viele Dinge aus ihm, sowohl über die Vergangenheit der Papierbücher als auch über das Schicksal von uns E-Books. Sind wir besser dran als unsere Vorfahren, werden wir glücklicher sein als sie? Da bin ich mir nicht so sicher. Wir werden ja sehen. Fürs Erste freue ich mich, auf die Welt gekommen zu sein.

Etwas sehr Seltsames ist passiert. Gestern (in aller Bescheidenheit sei es gesagt: Ich habe eine innere Uhr) bin ich ausgeschaltet worden. Wenn ich ausgeschaltet bin, kann ich nicht in dem Text leben, den ich in mir habe. Aber es gibt eine Zone in meinem Gedächtnis, die aktiv bleibt: Ich weiß noch, wer ich bin, ich weiß, dass ich einen Text in mir habe, auch wenn ich nicht in ihn hineinkann. Aber ich schlafe nicht, sonst würde ja meine innere Uhr stehenbleiben, aber das tut sie nicht; kaum schalten sie mich wieder ein, weiß sie korrekt, wie spät es ist und welcher Tag und welches Jahr.

Ich wollte schreien

Plötzlich wurde ich wieder eingeschaltet, ich fühlte ein seltsames Rumoren in mir, und es war, als ob ich jemand anders würde. Ich war in einem dunklen Wald, und mir kamen drei wilde Tiere entgegen, dann bin ich einem Herrn begegnet, der mich an der Hand nahm und führte ... Ich kann nicht recht sagen, was mit mir passiert ist, aber ich bin in einen höllischen Trichter gelangt und – Junge, Junge, was habe ich da nicht alles gesehen! Zum Glück bin ich bis zum Ende des Textes geführt worden, und da war etwas Strahlendes, ich sah zur gleichen Zeit die Frau meines Lebens, die Jungfrau Maria und den Herrgott persönlich, auch wenn ich nicht richtig wiedergeben kann, was ich sah, denn ein Augenblick nur ließ mich länger erstarren als zweieinhalbtausend Jahre verharren, seit Neptun einst staunte über den Schatten der Argo.

Als Erfahrung – ich lebe sie immer noch – ist das ganz ungeheuerlich, aber ich merke, wie die dunkle Sehnsucht nach dem vorigen Text – ich meine, ich weiß, dass ich einen Text in mir hatte, aber es ist, als wäre ich in der Tiefe meiner Stromkreise begraben, und in gewissem Sinne bin ich dazu verdammt, immer nur in dem neuen zu leben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Mein Benutzer muss gierig und launisch sein. Bestimmt hat er mir heute Morgen nicht nur einen neuen Text eingegeben, sondern viele, und jetzt wechsle ich rasch von einem zum anderen, ohne mir die Zeit zu lassen, mich einzugewöhnen.

Ich meine, ich war wirklich in die Vision einer tiefen klaren Subsistenz eines hohen Lichtes eingetaucht, und mir schien, als sähe ich drei Kreise in drei Farben mit einem gemeinsamen Umfang, und da roch ich auf einmal Kohlenruß und hörte den Pfiff einer Lokomotive, und in der Kälte einer russischen Nacht warf ich mich vor den Zug. Aus Liebe, glaube ich, und wegen eines dummen kleinen Offiziers. Anna, was tust du da, fragte ich mich erschrocken, und schon spürte ich das Grauen der Lokomotivräder, die mich zerfetzten, als ich mich plötzlich bei den Barfüßigen Karmelitern wiederfand, zusammen mit Athos und Porthos und Aramis, die ich gerade zu einem Duell herausgefordert hatte, und alle vier kämpften wir gegen die Wachen des Kardinals. Eine aufregende Erfahrung, aber dann verspürte ich auf einmal erneut die Qual meines Fleisches, und es war nicht die Klinge des Herrn Jussac, sondern das Räder- und Messerwerk einer zölibatären Maschine in einer höchst seltsamen Strafkolonie. Ich wollte schreien, soweit ein E-Book schreien kann (vielleicht wäre ich vor Schreck ausgegangen), da spürte ich plötzlich, wie meine Nase sich immer mehr in die Länge zog wegen einer kleinen Lüge, die ich gerade gesagt hatte, ohne mir etwas Böses dabei zu denken, und nach einem weiteren Augenblick – es war wie eine Art Ohnmacht – fand ich es schon übertrieben, wie ich nun von dem bestraft wurde, der mir im selben Augenblick eine Nadel in den Nacken bohrte, und ich wusste, es war der verfluchte Rocambole, den ich doch wie einen Sohn unterwiesen hatte in der reinen Kunst des Verbrechens ...

Ich bin eine Frau, die gerade einschläft

Es war ein schrecklicher Morgen, mein Benutzer muss irgendwie verrückt geworden sein, auf einmal hatte ich das Gefühl, mich in einem nichteuklidischen Universum zu bewegen, in dem sich die Parallelen andauernd überschneiden, eine unerträgliche Verstopfung, und gleich darauf fühlte ich mich bedrückt von einer Reihe mysteriöser Buchstaben. Nur mit großer Mühe wurde mir klar, dass ich ein arabisch-hebräisches Wörterbuch geworden war. Es ist mühsam, eine nie erlernte Sprache zu werden, sogar zwei, und ich strengte mich an zu lernen, was ich jetzt sein sollte, als mein Lehrer mich etwas fragte. Ich antwortete: „Das bin ich gewesen!“, und mein Lehrer sagte, ich hätte ein edles Herz. Er nannte mich Garrone, während ich bis vor kurzem noch dachte, mein Name sei d’Artagnan.

Ein blonder Junge kam auf mich zu, ich glaubte, er sei Derossi, aber offenbar hatte ich schon wieder den Text gewechselt, denn jetzt nannte er mich Jim und stellte mich einem Herrn Trelawny und einem Doktor Livesey und einem Kapitän Smollet vor. Da war auch ein Seemann mit Holzbein, aber kaum hatte ich gewagt, ihn etwas zu fragen, rief er: „An Bord, Ismael, die Pequod legt ab, der verfluchte Wal wird mir nicht entkommen!“ Ich fand mich im Bauch von Moby Dick wieder, und da war auch mein guter Papa Geppetto, der im Licht einer Kerze gegrillten Fisch aß. „Laios!“, rief ich. „Ich schwöre, ich wusste nicht, dass sie meine Mutter war!“ Aber da hat mich meine Mutter, die glaube ich Medea hieß, umgebracht, um dem Orest eins auszuwischen.

Ich weiß nicht, ob ich noch lange durchhalten werde. Ich bin ein fahriges, unzusammenhängendes Buch, viele Leben und viele Seelen zu haben ist wie kein Leben und keine Seele zu haben, und außerdem muss ich aufpassen, dass ich mich nicht zu sehr in einen Text verliebe, denn am nächsten Tag könnte mein Benutzer ihn löschen.

Ich wäre so gern das Papierbuch, das die Geschichte jenes Herrn enthält, der die Hölle, das Fegefeuer und das Paradies besucht hat. Ich würde in einem ruhigen Universum leben, wo die Unterscheidung zwischen Gut und Böse klar ist, wo ich wüsste, wie man es anstellt, von der Qual zur Glückseligkeit zu gelangen, und wo die Parallelen sich nie überschneiden.

Longtemps je me suis couché de bonne heure. Ich bin eine Frau, die gerade einschläft und vor deren geistigem Auge (aber ich würde bei ihr eher sagen: vor deren unterleiblichem Auge) alles vorbeizieht, was sie gerade erlebt hat. Ich leide, weil ich keinem Komma und keinem Punkt begegne und nicht weiß, wo ich aufhören soll. Ich wäre gern eine andere, aber ich bin gezwungen zu sagen yes yes yes ...

Jetzt liegen sie auf den Gabentischen und wollen gelesen werden: die neuen E-Books. Aber wie fühlt sich so ein Gerät überhaupt?

Aus dem Italienischen übersetzt von Burkhart Kroeber.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Burkhard Neie

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