Jakob Fugger der Reiche (1459 bis 1525) baute einen Weltkonzern
Die Anfänge waren bescheiden, aber doch schon vielversprechend. Im Jahre 1367 beschloss der in dem schwäbischen Dorf Graben ansässige Landweber Hans Fugger, sein Glück in der 30 Kilometer entfernten freien Reichsstadt Augsburg zu suchen. Mit Einfallsreichtum, Zähigkeit und Durchsetzungsvermögen zog Hans Fugger neben einer Weberei einen Textilhandel auf.
Als der erste Fugger 1409 die Augen schloss, hinterließ er ein schönes Haus, ein hübsches Vermögen und ein ansehnliches Unternehmen, das in wenigen Generationen zu einem der größten Finanzkonzerne der damaligen Zeit heranwachsen sollte.
Der erste nennenswerte Ausflug in die Finanzwelt endete allerdings mit einem Debakel. Die beiden Söhne von Hans Fugger, Andreas und Jakob der Ältere, zerstritten sich und beschlossen, das väterliche Erbe zu teilen. Andreas, der die wegen ihres Wappens die Fugger vom Reh genannte Linie begründete, fand in seinem Sohn Lukas einen äußerst energischen Nachfahren. Lukas baute ein großes Handelshaus auf mit Specereien, Seiden und wullin Gewand, wie es damals hieß, und betätigte sich als Finanzier der Habsburger.
Doch der unnahbare und arrogante Fugger verzettelte sich in seinen Geschäften und sah sich ruiniert, als ein Kredit an die Habsburger notleidend wurde. Die Fugger vom Reh verschwanden aus der Wirtschaftsgeschichte und galten lange als ausgestorben, bis man nach dem Zweiten Weltkrieg in Warschau späte Nachfahren identifizierte.
Weitaus besser machten es die Fugger von der Lilie, wie der auf Jakob den Älteren zurückreichende Familienzweig bald hieß. Zu einem Konzern von Weltformat wurde das Geschäft der Fugger von der Lilie unter der Leitung der Söhne Jakobs des Älteren (um 1408 bis 1469), von denen vor allem der gleichnamige Sohn Jakob, der später den Beinamen der Reiche erhielt, herausragte.
Der Erfolg der Fugger beruhte wesentlich auf einer Ausweitung des Geschäftsmodells: Neben den Warenhandel trat der Einstieg in die Förderung von Edelmetallen; außerdem wurden die katholische Kirche und das damals mächtigste Herrscherhaus Europas, die Habsburger, zu bevorzugten Kunden der Fugger. In der Heimatstadt Augsburg sorgten kühl kalkulierte Ehen mit Sprösslingen anderer bedeutender Handelshäuser für eine Verbreiterung der Macht- und Kapitalbasis.
So entstand ein Mischkonzern mit Niederlassungen in fast ganz Europa. Was die Fugger über ihre Konkurrenten hinauswachsen ließ, waren weniger der traditionelle Warenhandel oder der Betrieb von Bergwerken, selbst wenn sie auf den Märkten für Silber und Kupfer vorübergehend eine starke Stellung besaßen: In diesen Geschäftszweigen war das Unternehmen zwar bedeutend, aber nicht haushoch dominierend.
Die Macht, der Reichtum, der legendäre Ruf - sowie der spätere Niedergang - der Fugger beruhten wesentlich auf ihren Finanzgeschäften und hier besonders auf ihrer engen Verbindung zu dem geldhungrigen Haus der Habsburger.
Ihr großes Rad drehten die Fugger wie jede Bank nur zu einem geringen Teil mit eigenem Geld, sondern überwiegend mit Einlagen von Kunden, die sie dann als Kredit an Nehmer wie die Habsburger ausreichten. Überlegen waren die Fugger ihren Konkurrenten vor allem in der Fähigkeit, Einlagen betuchter Kunden anzuziehen.
Ihr wichtigster Geldgeber wurde der Fürstbischof (später Kardinal) von Brixen in Südtirol, Melchior von Meckau, der zu Geld gekommen war, nachdem man in seinem Reich Erze entdeckt hatte. Meckau hatte zeitweise mehr Geld in dem Unternehmen als die Fugger selbst, was den Augsburgern beinahe zum Verhängnis geworden wäre, als Meckau während eines Aufenthalts in Rom starb, der Papst sich kurzerhand zum Erben erklärte und das Geld Meckaus aus der Fugger-Firma abziehen wollte.
Meckaus Anlagepolitik wurde dennoch zur Mode: Auch andere Kirchenobere vertrauten den Fuggern diskret hohe Beträge an - ebenso wie weltliche Fürsten und reiche Bürgerfamilien. Die engen Verbindungen zur katholischen Kirche hatten eine Beteiligung der Fugger am Handel mit Ablässen begünstigt.
Über die Entstehung des engen geschäftlichen Bandes zwischen dem Augsburger Unternehmen und den Habsburgern ist viel geschrieben worden. Auf der einen Seite stand der asketische, disziplinierte und eisenharte Jakob Fugger (1459 bis 1525), der vor allem an das Geschäft dachte, und auf der anderen Seite der träumerische und politisch leichtgewichtige Maximilian von Habsburg, den der Historiker Richard Ehrenberg als den schlechtesten Haushalter aller Habsburger und verschwenderisch bis an die Grenzen des Wahnsinns bezeichnet hat.
Letztlich kam die Geschäftsbeziehung beiden zugute. Maximilian, der den Beinamen der letzte Ritter trug, erhielt dringend benötigtes Geld, das er unter anderem für seine verschwenderische Hofhaltung und die Bezahlung von Soldaten brauchte.
Im Gegenzug profitierten die Fugger von der politischen Macht der Habsburger, die ihre schützende Hand über das von Konkurrenten angefeindete und von weiten Teilen der Bevölkerung als Preistreiber verachtete Unternehmen hielten und ihnen einträgliche Geschäftsmöglichkeiten eröffneten. Maximilian verlieh Jakob Fugger obendrein den Grafentitel. Somit sah das Geschäft auch für die Fugger gut aus. Nur musste ein Katastrophenfall ausbleiben: Die Habsburger durften nicht zahlungsunfähig werden.
Die Bindung an die Habsburger wurde nach dem Tode Maximilians im Jahre 1519 überdeutlich, als dessen Enkel Karl V. die Kaiserkrone nur erhielt, weil Jakob Fugger und ein paar andere Bankiers fast eine Million Gulden Bestechungsgelder organisierten. Der französische Gegenkandidat konnte dagegen nur 300.000 Gulden Bestechungsgelder anbieten.
Sechs Jahre später starb Jakob Fugger, der zu Recht der Reiche hieß: Im Jahre 1479, zu Beginn seiner Karriere, hatte er ein Vermögen von 60 Gulden versteuert. Nach seinem Tode errechneten die Erben ein Vermögen von rund 2,1 Millionen Gulden, das ihn zu einem der reichsten Männer seiner Zeit gemacht hatte. Es ist schwierig, diese Summe auf die heutige Zeit zu übertragen, aber sie dürfte einem aktuellen Vermögen zwischen 300 und 500 Millionen Euro entsprechen.
Jakob war kinderlos gestorben; das Erbe ging an zwei Neffen, von denen sich Anton Fugger (1493 bis 1560) als der geschäftstüchtigere erwies. Anton ist in die Geschichte als der zweite große Fugger neben Jakob dem Reichen eingegangen: Während sein Onkel die Firma zu einem Weltkonzern aufbaute, gelang es Anton, sie in schwierigen Zeiten zu bewahren.
Die zahllosen Kriege der Habsburger sowie die konfessionellen Spannungen in Deutschland erschwerten den Finanzhäusern das Geschäft; außerdem erlaubten die beschränkten Kommunikationsmöglichkeiten keine straffe Führung eines über weite Teile Europas verstreuten Konzerns. So verlor die Augsburger Zentrale allmählich die Kontrolle über Geschäfte, die von den Leitern weit entfernter Niederlassungen eigenständig eingeleitet wurden. Anton gelang es zwar, den Umsatz der Fugger auszuweiten, aber ein nicht geringer Teil der Aktiva bestand aus Forderungen gegen die Habsburger, deren Bonität zu leiden begann.
Der spanische Staatsbankrott des Jahres 1557 traf daher die Fugger, wenn auch nicht so schwer wie andere Finanzhäuser jener Zeit. Mit dem Tode Anton Fuggers endet die große Zeit der Familie, auch wenn spätere Generationen noch mit Gewinn im Handel tätig waren und ein umfangreicher Besitz an Land und Immobilien die finanzielle Sicherheit der Familie bis in die Gegenwart gewährt.
Erwähnenswert ist, dass Jakob der Reiche mit der Fuggerei die erste, bis heute bestehende Sozialsiedlung der Welt baute.
Das Bild der Fugger unterläuft in jüngster Zeit eine vorsichtige Wandlung. Lange Zeit hatte die Geschichtsschreibung die Fugger zu ihren Glanzzeiten als einen die Konkurrenten weit überragenden Konzern beschrieben und Jakob den Reichen als einen eiskalten politischen Strippenzieher ersten Ranges geschildert, der hinter den offiziellen Machthabern über Krieg und Frieden entschieden habe.
Die moderne Geschichtsschreibung beginnt sich von dieser Sichtweise etwas zu entfernen. Die Fugger waren während mehrerer Jahrzehnte außerordentlich erfolgreich, aber dennoch kann keine Rede davon sein, dass sie turmhoch über ihren Konkurrenten gestanden hätten.
Auch haben frühere Generationen wohl den politischen Einfluss der Fugger ein wenig überschätzt. Die Habsburger nutzten das Augsburger Finanzhaus als potenten Kreditgeber; gleichzeitig standen sie aber auch mit Wettbewerbern der Fugger in Geschäftskontakt. All das ändert aber nichts daran, dass die Fugger zeitweise ein Finanzunternehmen führten, wie man es in Deutschland bis zum Aufstieg der Rothschilds nicht mehr sehen würde.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Public Domain