Börsenpsychologie

Sexualhormon verspricht Gewinne

Von Bettina Schulz

21. April 2008 Morgenstund' hat Gold im Mund. Vor allem wenn man als Finanzmarkthändler morgens mit einem hohen Hormonspiegel an Testosteron aufwacht. Je höher der Hormonspiegel des männlichen Sexualhormons am Morgen, desto größer die Gewinne, die ein Händler über Tag am Markt abkassiert. Das haben 17 Händler eines Londoner Maklers bewiesen, die zweimal am Tag für Wissenschaftler der Universität Cambridge Speichelproben abgeben mussten und erst dann in den Handelssaal gelassen wurden.

Der Versuch zeigte schon nach wenigen Tagen: je mehr Testosteron, desto höher die Risikobereitschaft und desto besser die Gewinne. Dabei geht es interessanterweise nicht darum, welcher Händler am meisten Testosteron hat. Sondern es geht darum, bei welchem Händler der Hormonspiegel am Morgen im Vergleich zu seinem eigenen Durchschnittswert am meisten nach oben ausschlägt.

Erfolg gebiert den Erfolg

„Ich habe mich immer gefragt, warum unsere Händler mitunter so merkwürdige und irrationale Entscheidungen auf dem Handelsparkett getroffen haben“, sagt John Coates, Wissenschaftler an der Universität Cambridge, der ehemals den Handelssaal der Deutschen Bank in New York leitete, dort aber schon an der Rockefeller University die Auswirkungen der Sexualhormone Testosteron und Cortisol kennenlernte.

Heute erforscht Coates als Neurowissenschaftler, wie Sexualhormone das männliche Entscheidungsverhalten steuern, und zwar auch auf dem Handelsparkett. Die Händler, die sich freiwillig für den Versuch zur Verfügung stellten, sind extremer Eigenverantwortung ausgesetzt, müssen oft in Sekunden entscheidende Transaktionen eingehen und auflösen und werden ausschließlich nur nach ihrem persönlichen Erfolg bezahlt.

Coates und der ebenfalls an der Arbeit beteiligte Professor und Neurowissenschaftler Joe Herbert von der Cambridge University erkannten zudem, dass Erfolg den Hormonspiegel des Testosterons weiter ansteigen lässt und dies wiederum zu höherer Risikofreude, beherzten Entscheidungen und damit weiteren Gewinnen führt. Dies würde wissenschaftlich erklären, warum es im Spiel und Sport, aber auch im Handelssaal „Gewinnsträhnen“ gibt.

Zuviel ist zuviel

Die Gefahr ist nur, dass explodierende Gewinne und eine entsprechende Euphorie den Hormonspiegel des Testosterons so ansteigen lassen, dass Übermut folgt, keine rationalen Entscheidungen mehr getroffen werden und dies zu den Übertreibungen der Preisblasen im Endstadium einer Hausse führt. „Eigentlich muss das Management in den Handelssälen über die Auswirkungen von Steroiden wie Testosteron ausgebildet werden, denn das Verhalten des Händlersaals müsste in der Euphorie einer Hausse entsprechend kontrolliert werden“, sagt Coates.

Bei einem Kursabschwung, Verlusten und Angst wird hingegen das Verhalten der Händler von Cortisol, einem Stresshormon, beeinflusst. Cortisol jedoch drosselt die Risikofreude des Betroffenen und bricht seine Entscheidungskraft, was in der deutschen Sprache mit „lähmender Angst“ oder „starr vor Schreck“ ausgedrückt wird. „Es ist weniger der Verlust als die drohende Unsicherheit, die den Spiegel des Cortisol in die Höhe treibt und Händler vor Entscheidungen zurückschrecken lässt. Das verschärft den Abschwung und die Angst in einer Finanzmarktkrise überproportional“, sagt Coates.

Vorwürfe senken Cortisol-Spiegel

Interessanterweise leiden Menschen weniger an Cortisol, wenn sie die Angst, Furcht und den Frust weiterreichen. „Das erklärt, warum wir in einem Abschwung die wütenden Beschuldigungen und Vorwürfe beobachten, die vom Management aus bis nach unten zu den Händlern weitergereicht werden - eine ganze Kaskade an Ärger. Es ist der Instinkt, die Auswirkungen des Cortisols zu begrenzen“, sagt Coates. Auch dies müsste das Management bei Banken und Maklern eigentlich wissen, um die eigene Wut und das oft zermürbende und stressgeladene Verhalten in Marktkrisen abzufedern.

Coates meint, selbst die Notenbanken müssten die Psychologie der Handelswelt an den Finanzmärkten berücksichtigen, sowohl in der Übertreibung einer Hausse wie auch in der Angst des Abschwungs. „Die Notenbanken können die Zinsen senken, aber wenn die Marktteilnehmer durch den Einfluss des Stresshormons Cortisol vor Entscheidungen zurückschrecken, lassen die Reaktionen des Marktes auf sich warten,“ warnt Coates.

Frauen ohne Einfluss

Das Verhalten der Finanzmärkte wird von Männern und damit dem Niveau ihrer Sexualhormone beeinflusst. Frauen haben nur ein extrem niedriges Niveau des Sexualhormons Testosteron, reagieren daher anders. Angesichts der extrem geringen Zahl von Frauen in Handelssälen, dem hormonverzerrenden Einfluss der Pille und der Komplexität der Hormonschwankungen im Zyklus der Menstruation werden entsprechende Experimente mit Frauen auf sich warten lassen. In dem Handelssaal des Maklers, bei dem Coates seine Experimente tätigte, gab es unter 260 Händlern ohnehin nur vier Frauen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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