Von Judith Lembke
05. Juni 2008 Keine andere Bankiersfamilie in der europäischen Geschichte war der dynastischen Idee so verfallen wie die Medici. In ihrer Grablege haben sie dem Anspruch, Macht und Einfluss für Generationen zu sichern, Ausdruck verliehen: In der Kuppel symbolisiert ein gemaltes Horoskop die dynastische Vorbestimmung der Familie. Von diesem Gedanken war das Handeln der Medici beherrscht.
Fast alles, was wir heute mit dem Namen verbinden, lässt sich auf ihn zurückführen: Großer Reichtum, politische Intrigen, kluge Heiratspolitik, Mäzenatentum - all das diente letztlich nur dazu, die hervorragende Stellung der Familie für die Nachkommen festzuschreiben. Das ist besonders erstaunlich, weil die Medici keineswegs dem Adel entstammten, sondern der bürgerlichen Mittelschicht. Außerdem sprach im 14. Jahrhundert nicht viel dafür, dass sie innerhalb weniger Dekaden zur reichsten und mächtigsten Sippe von Florenz aufsteigen würden, war es mit der Familie im späten Mittelalter doch eher bergab gegangen.
Nähe zum Pontifex maximus hilft der Familie
Giovanni di Bicci de' Medici, der Begründer der Bank, wurde 1360 in eine wohlhabende, aber keineswegs reiche Familie geboren. Wie viele andere Bankiersfamilien zu der Zeit lag der Ursprung des Unternehmens im Tuchhandel, der jedoch gegenüber den Finanzgeschäften an Bedeutung verloren hatte. Zunächst arbeitete Giovanni di Bicci in einer Bank, die einem entfernten Cousin gehörte, und stieg dort schnell zum Partner und Leiter der römischen Filiale auf.
1397 kehrte der aufstrebende Medici-Spross nach Florenz zurück und gründete dort mit zwei Teilhabern eine eigene Bank. Einer der Partner stieg jedoch schon nach ein paar Monaten wieder aus - ein Schritt, den er bereut haben wird, starb er doch im Schuldgefängnis, während seine ehemaligen Partner zu den reichsten Bürgern von Florenz aufstiegen. Ihr Vermögen machten die Medici vor allem als Finanziers des Papstes - und zwar zu einer Zeit, als Zinsnahme von der katholischen Kirche offiziell noch verdammt wurde. Andererseits war die Kurie von dem Wirken der Bankiersfamilien abhängig, denn nur mit Hilfe ihres weitgespannten Filialnetzes konnte sie die Abgaben der Gläubigen aus ganz Europa eintreiben.
Die Nähe zum Pontifex maximus verhalf der Familie nicht nur zu Ansehen, sondern verschaffte ihr auch ordentliche Gewinne. Die Medici erhielten von der Kurie Provisionen für getätigte Geschäfte und entschieden bei der Vergabe von Pfründen und Ämtern schon bald mit. Mehr als die Hälfte ihres Gewinns erwirtschaftete die Bank unter Giovanni di Bicci am Tiber, und auch später dienten die römischen Geschäfte der Bank als finanzielle Basis.
In Florenz waren die Medici vor allem im Kreditgeschäft tätig, das wegen des Wucherverbots jedoch als Wechselgschäft getarnt war. Die Gewinne investierte der Bankgründer vor allem in Grundbesitz. Das versprach zwar nur eine niedrige Rendite, aber viel Sozialprestige, lebte doch der gesamte europäische Adel vor allem von der Landrente. Auch politisch war Giovanni di Bicci in der Florenzer Stadtregierung aktiv, zog die Fäden jedoch vor allem im Hintergrund. Am Sterbebett gab er seinen Söhnen mit auf den Weg, sie sollten "das Auge der Öffentlichkeit" meiden, um keine Missgunst zu erregen - wenige letzte Ratschläge sind wohl so wenig befolgt worden.
Ab 1429 leitete sein Sohn Cosimo der Ältere die Geschäfte. Er führte die Medici-Bank, die von nun an nicht einmal mehr sechzig Jahre existieren würde, in ihre Blütezeit und begründete den späteren Einfluss der Familie. Als Cosimo die Gesellschaft übernahm, konnte sie mit ihrem Vermögen den Bardi oder Peruzzi, den großen Florentiner Banken des 13. und 14. Jahrhunderts, noch lange nicht das Wasser reichen. Ihre Struktur war den untergegangenen Bankhäusern jedoch überlegen: Während die Bardi und Peruzzi seinerzeit bankrott gingen, weil die Bank als Ganzes für die Schulden jeder einzelnen Filiale haftete, hatte die Medici-Bank erstmals eine Holding-Struktur: Jede Niederlassung agierte als eigene Gesellschaft, 40 Prozent der Anteile gehörten dem Filialleiter, der Rest den Medici. Allerdings haftete weder die Familie noch die Zentrale in Florenz, sondern eine eigens gegründete Dachgesellschaft.
Cosimo spann auch das enge Beziehungsnetz, auf dem die Macht der Medici beruhte: Er perfektionierte ein System der Einflussnahme und Kontrolle, das dem der Mafia nicht unähnlich ist, die sogenannte Patronage. Im ihrem Zentrum steht der Patron, der seine Schützlinge auf verschiedene Weise fördert. Er verschafft ihnen Ämter, Pfründe und gute Beziehungen und hilft ihnen über finanzielle Engpässe hinweg. Als Gegenleistung muss der Klient in seiner jeweiligen Position zum Vorteil des Patrons handeln und dessen Macht und Prestige mehren.
Cosimo schaffte es meisterhaft, Reichtum in politischen Einfluss zu verwandeln, ohne offiziell die Macht an sich zu reißen. Denn erst Alessandro de' Medici wurde mit einem Adelstitel ausgestattet und ab 1531 als Herzog ein "echter" Herrscher. Aus dem Blickwinkel der Patronage ist auch das Mäzenatentum der Medici zu betrachten. Sie standen zwar den Humanisten nah, Cosimo war jedoch vor allem anderen ein Bankier und Machtmensch. Sein Verhältnis zu den Mitmenschen, Institutionen, selbst zu Gott war merkantil geprägt. Sein Handeln folgte dem lateinischen Leitspruch "do ut des", was so viel bedeutet wie "Ich gebe, damit du gibst". Gute Werke, Kirchenschenkungen, die Förderung der schönen Künste dienten als Rückversicherung, die der guten Entwicklung der Firma im Diesseits dienen und dem Patriarchen einen guten Platz im Jenseits sichern sollten. Sein Denken, für jede Leistung eine Gegenleistung zu erwarten, war so ausgeprägt, dass er in seinen Bilanzen eine Verrechnungsspalte mit Gott führte.
Profite entwickelten sich zunehmend unterproportional zum Unternehmenswachstum
Die engen Geschäfts- und vermehrt auch Verwandtschaftsbeziehungen zu den Mächtigen Italiens waren ein zweischneidiges Schwert. Einerseits verprachen sie Prestige, Einfluss und hohe Profite, waren andererseits aber auch gefährlich. Kriege und der opulente Lebenswandel der Schuldner verschlangen viel Geld, das Risiko einer Zahlungsunfähigkeit schwang immer mit. Während zu Zeiten Giovannis noch die Regel gegolten hatte, Feudalherren keine Kredite zu geben, konnte man Verwandten und politischen Verbündeten schlecht die nötigen Darlehen verwehren.
Die Ära von Lorenzo dem Prächtigen begann 1469, nachdem sein Vater Piero, Cosimos Sohn, nach nur fünf Jahren an der Spitze der Bank, gestorben war. Sie stand ökonomisch unter schlechten Vorzeichen. In die Geschichte ist Lorenzo vor allem als Förderer von Künstlern wie Michelangelo oder Botticelli eingegangen. Zwar war er ein ebenso schlauer Taktiker wie Vater und Großvater, als Bankier war er jedoch weniger erfolgreich. Mehr als alles andere strebte er den Aufstieg in die Aristokratie an und fühlte sich zum Diktator berufen. Die Macht erkaufte er sich mit dem schwindenden Vermögen der Bank. Als Lorenzo antrat, waren die Medici die mit Abstand reichste Familie von Florenz. Die Bank hatte sich mit Zweigstellen in Brügge, Pisa, Avignon und London als europäische Größe etabliert. Doch die Profite entwickelten sich unter Lorenzo nicht proportional zum Unternehmenswachstum.
Als besonders ruinös erwies sich sein finanzielles Engagement am Hof von Burgund. Außerdem vertraute Lorenzo dem falschen Personal und verquickte in Rom auf unglückliche Weise Politik und Geschäft. Da das Bankvermögen schrumpfte, versuchte er, andere Geldquellen zu erschließen. Als faktischer Herrscher von Florenz griff er auf die konsolidierte Staatsschuld zu, den Grundpfeiler der Florentiner Finanzen.
Das ausgeklügelte Beziehungssystem versuchte er durch die Vergabe von Posten und weniger mit Geld zu lenken. Als Politiker agierte er entgegen Giovannis Rat nicht mehr im Hintergrund, sondern in aller Öffentlichkeit. Das rief Rivalen auf den Plan, denn mit dem Abstieg der Medici-Bank war der ökonomische Aufstieg anderer verknüpft, die nun eine Teilhabe an der Macht einforderten. Im Gegensatz zu seinem Bruder überlebte Lorenzo 1478 zwar ein Attentat seiner Widersacher, konnte den finanziellen Abstieg jedoch nicht aufhalten. Als er 1492 starb, erbte sein Sohn Piero weder große Reichtümer noch den Charme oder das politische Geschick seines Vaters.
1494 musste die Medici-Bank schließen. Seine Ehefrau kann das nicht sonderlich geschmerzt haben, hatte sie das Kreditgeschäft ohnehin als unwürdige Beschäftigung empfunden. Doch kurz darauf war es vorerst auch mit all der anderen Medici-Herrlichkeit vorbei, denn Piero, der später den Beinamen "der Glücklose" erhielt, musste vor dem fanatischen Dominikanermönch Girolamo Savonarola aus Florenz fliehen. So endeten nach noch nicht einmal hundert Jahren die Medici als Finanzdynastie. Ihre Ära als Großherzöge der Toskana, die drei Päpste, zwei französische Königinnen und unzählige Fürsten hervorbrachte, hatte jedoch noch nicht einmal begonnen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: GFDL