Mitarbeiterbeteiligung

Geburtsstunde für eine neue Form der Geldanlage

Von Steffen Uttich

22. April 2008 Mit der geplanten stärkeren Förderung der Mitarbeiterbeteiligung entsteht eine völlig neue Form der Geldanlage. Nach dem zum Wochenauftakt vorgestellten Plänen der Großen Koalition in Berlin soll künftig auch die indirekte Beteiligung von Arbeitnehmern an ihren Unternehmen über spezielle Fonds möglich werden.

Diese Mitarbeiterbeteiligungsfonds müssen dabei das Kunststück fertig bringen, börsennotierte und nicht börsennotierte Wertpapiere in einem Portfolio sinnvoll zusammenzufügen. „Mit einigen wenigen Veränderungen ist das Modell durchaus praktikabel“, lautet eine erste Einschätzung von Sebastian Klein, Geschäftsführer der Commerzbank-Fondsgesellschaft Cominvest und Vorstandsmitglied im Bundesverband Investment (BVI).

Bislang ist die Kapital- beziehungsweise Gewinnbeteiligung von Arbeitnehmern an ihren Unternehmen in Deutschland nur in Ansätzen vorhanden. Neben der Erhöhung des Steuerfreibetrags von 135 auf 360 Euro im Jahr soll künftig nach den Vorstellungen von CDU und SPD vor allem die erweiterte Zugangsmöglichkeit über Fonds der Mitarbeiterbeteiligung einen neuen Schub verleihen. Geht das Gesetzgebungsverfahren ohne größere Verzögerung voran, könnte es schon im nächsten Jahr die ersten Fonds dieser Art geben.

Erst einmal zum Laufen bringen

In der praktischen Umsetzung kommt den etablierten Kapitalanlagegesellschaften eine Schlüsselrolle zu. Ihnen trauen die Politiker zu, dass vorgesehene Modell mit Leben zu erfüllen. Allerdings sieht Cominvest-Chef Klein vor allem Nachbesserungsbedarf in den vorgesehenen Anlagerichtlinien. Nach den Plänen der Koalition sollen die neuartigen Mitarbeiterbeteiligungsfonds 75 Prozent ihres Geldes in diejenigen Unternehmen investieren, deren Mitarbeiter am Fonds beteiligt sind - 50 Prozent über unverbriefte Darlehensforderungen wie beispielsweise Schuldscheine und 25 Prozent über nicht börsennotierte Unternehmensbeteiligungen und Wertpapiere. Nur die restlichen 25 Prozent des Fondsvermögens können nach dem klassischen Geschäftsmodell einer Fondsgesellschaft in Aktien, Anleihen und Geldmarkttitel investiert werden.

„Unter den drei Gesichtspunkten Bewertung, Liquidität und Risikostreuung ist die vorgesehene Aufteilung problematisch“, sagt Klein. Drei Viertel des Fondsportfolios würden aus Titeln bestehen, für die keine Marktpreise zur Verfügung stehen. Bei größeren Mittelabflüssen kann das rasch zu Problemen führen. Doch schon bei einer Absenkung auf 50 Prozent sieht der Branchenvertreter dieses wesentliche Hindernis für den Alltagsbetrieb von Mitarbeiterbeteiligungsfonds beseitigt. Die Einschränkungen für das Fondsmanagement seien dann zwar immer noch relativ hoch. Es wäre aber eine pragmatische Lösung, um die neue Form der Geldanlage überhaupt erst einmal zum Laufen zu bringen.

„Herkulesarbeit“

Offen bleibt zunächst, ob die Mitarbeiterbeteiligungsfonds als Sondervermögen in der Form eines jedermann zugänglichen Publikumsfonds oder eines restriktiveren Spezialfonds aufgelegt werden. Auch der Ertrag für die Fondsanbieter dürfte sich zunächst im überschaubaren Rahmen halten. Die Berliner Koalition geht in ihrem Konzept von Steuerausfällen durch den höheren Freibetrag von 300 Millionen Euro im Jahr aus. Damit dürfte es dauern, bis das Geschäft eine nennenswerte Größe erreicht. Insgesamt verwaltet die deutsche Fondsbranche derzeit ein Vermögen von 1,4 Billionen Euro. Klein verweist statt dessen auf den Effekt, dass mit den Mitarbeiterbeteiligungsfonds die Akzeptanz für Geldanlagen am Kapitalmarkt zunehmen sollte, was der Aktien- und Anlagekultur in Deutschland allgemein und der Branche durch einen höheren Absatz klassischer Investmentfonds speziell zugute kommen sollte.

Auf jeden Fall sieht der Cominvest-Chef nach dem Startschuss für die Mitarbeiterbeteiligungsfonds eine „Herkulesarbeit“ auf die Kapitalanlagegesellschaften zukommen, um eine passende Struktur zu finden. Fraglich ist beispielsweise, wie die Unternehmen für einen Fonds zusammenfinden. Die Gewerkschaften favorisieren diesbezüglich Branchenlösungen. Dieser Ansatz würde jedoch die Risikostreuung in den Mitarbeiterbeteiligungsfonds verringern. Eine große Unbekannte in dem neuen Modell der Mitarbeiterbeteiligung ist auch die Bereitschaft mittelständischer Unternehmen, die entsprechenden Wertpapiere für die Beteiligung ihrer Mitarbeiter überhaupt zur Verfügung zu stellen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance/ dpa

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