Von Judith Lembke
24. Juli 2008 Als Albert von Metzler, der Vater des jetzigen Bankchefs Friedrich, einmal gefragt wurde, ob die Bank nicht auch Krisen erlebt habe, musste er nicht lange nachdenken: In der napoleonischen Zeit war es für uns nicht immer leicht, antwortete er.
Natürlich hat das Bankhaus in den 334 Jahren seiner Existenz nicht zum letzten Mal vor mehr als 200 Jahren eine schwere Zeit durchmachen müssen. Doch die Antwort zeigt, dass es bei dem ältesten unabhängigen Privatbankhaus in Deutschland meist weniger dramatisch zuging als bei seinen Wettbewerbern.
Unabhängig und skandalfrei
Das liegt vor allem daran, dass die Entwicklung des Bankhauses über Jahrhunderte mit der Geschichte der Gründerfamilie verbunden war. Und die hatte ebenso wenige Skandale aufzuweisen wie ihr Unternehmen. Als wichtigstes Ziel galt den Metzlers stets, die Unabhängigkeit des Bankhauses zu bewahren.
Aus dem wirtschaftlichen Erfolg der Familie resultierte wiederum ihre gesellschaftliche Stellung, die sie in der Stadt Frankfurt erlangte. Sie spiegelt sich auch heute noch in vielen (Ehren-)Ämtern der Familienmitglieder.
Im Anfang war der Tuchhandel
Wie die meisten Geldinstitute jener Zeit ist auch das Bankhaus Metzler aus einem Tuchhandel hervorgegangen. Frankfurt profitierte seit je von seiner günstigen geographischen Lage am Knotenpunkt verschiedener europäischer Verkehrsstraßen. Als der aus Sachsen eingewanderte Benjamin Metzler das Unternehmen 1674 gründete, war die Stellung der Stadt als Handelsplatz jedoch bedroht. Frankfurt litt unter dem deutsch-französischen Krieg, schließlich waren Franzosen die wichtigen Handelspartner der Stadt.
Trotzdem entwickelte sich die Metzlersche Tuchhandlung recht gut. Nach dem Tod des Gründers im Jahr 1687 heiratete seine Witwe den Spezereiwarenhändler Johann Zwirlein. Der Name Metzler blieb jedoch erhalten. Schon sehr früh zeigte sich der Willen der Familie zur Kontinuität und ein Traditionsbewusstsein, der das Bankhaus auch in Zukunft prägen sollte.
Von der Ware zum Kontakt
Die Kenntnisse, die Johann Zwirlein in das Geschäft einbrachte, trugen wesentlich zu seinem Ausbau bei: Das Geschäft wurde vom Tuchhandel auf Spezereiwaren, die gewinnträchtigste Handelssparte, umgestellt. Da die Waren beschafft und vertrieben werden mussten, entwickelte sich parallel ein Speditionsgeschäft.
Zudem nutzten die Händler ihre Kenntnisse über Zollverhältnisse und Währungsparitäten, wovon es allein auf dem Gebiet des Deutschen Reiches eine Vielzahl gab, und gewährte Kunden Vorschüsse und Wechselkredite auf die Waren. Aus dieser Koppelung von Waren- und Geldgeschäft haben sich zahlreiche Frankfurter Privatbanken entwickelt - unter anderem auch die Metzlers.
Mit der Weiterentwicklung des Metzlerschen Geschäftsmodells veränderte sich auch die Firmenpolitik. An die Stelle gefüllter Warenlager traten nun vor allem gute Kontakte und Kenntnisse der Bonität ihrer Kunden. Zudem erkannte die Familie schon früh die Bedeutung eines starken Außenhandels für ihr Geschäft. Anfang des 18. Jahrhunderts ging Wilhelm Peter Metzler nach Bordeaux, wo er eine Zweigstelle aufbaute. Die Beziehungen nach Frankreich entwickelten sich zu einem festen Bestandteil des Bankhauses.
Tu felix Metzler.
1762 kam Friedrich, Peter Wilhelms Sohn, aus Bordeaux zurück nach Frankfurt. Am Main führte unterdessen eine Frau die Geschäfte - für die damalige Zeit äußerst ungewöhnlich. Doch Friedrichs Tante Christina Barbara, die von Zeitgenossen als tatkräftig und energisch beschrieben wird, wusste sich durchzusetzen. Sie erkannte das große Potential ihres Neffen und ließ ihm eine gute Ausbildung zukommen, bis sie ihn 1769 in das Handelshaus aufnahm.
Friedrich Metzler sollte der erste reine Bankier der Familie werden. Sogar seine Ehe stellte Friedrich in den Dienst des Familienunternehmens: Um die Unabhängigkeit der Bank zu sichern, heiratete er die Tochter eines wohlhabenden Ulmer Tuchwebers.
Die Kapitalspritze ermöglichte Friedrich Metzler, in das äußerst profitable Staatsanleihegeschäft einzusteigen. Im Jahr 1779 übernahm das Bankhaus die erste Anleihe für Kurbayern in Höhe von 200.000 Gulden. 13 Jahre plazierte die Bank die erste preußische Staatsanleihe und schuf damit die Basis für seine Beziehungen zum Königshof in Potsdam. Mit dem Vermögen wuchs auch der Einfluss der Metzlers. Familienmitglieder tauchen ab der Mitte des 18. Jahrhunderts in politischen Ämtern und als Vorsitzende städtischer Institutionen auf.
Unbillen: Napoleon und die Aktienbanken
Zu Beginn des Krieges gegen Napoleon verhielten die Metzlers sich erst einmal abwartend - schließlich unterhielten sie ausgedehnte Geschäftsbeziehungen nach Frankreich. Doch die Besetzung Frankfurts durch die französischen Truppen traf die Stadt und ihre Bürger schwer. Die Kontributionsforderungen waren viel zu hoch. Der Rat der Stadt wandte sich an die wohlhabenden Bürger, und auch die Metzlers leisten ihren Beitrag, obwohl die Einnahmen in diesen Jahren äußerst mager waren.
Während einige mit Schmuggelware unermesslich reich wurden, gingen andere Bankhäuser am Geschäft mit Staatsanleihen zugrunde. Die Metzlers hatten die Zeichen der Zeit rechtzeitig erkannt und waren aus diesem Geschäft ausgestiegen.
Dem Aufkommen der Aktienbanken im 19. Jahrhundert stand die Familie zunächst einmal zurückhaltend gegenüber. Während andere Privatbankiers die Chance witterten, sich Investitionskapital zu beschaffen und dabei das eigene Risiko zu begrenzen, erkannten Metzlers schnell die aufziehende Konkurrenz. Die Industrialisierung des Landes verschlang Kapitalmengen, die die Privatbankhäuser allein nicht aufbringen konnten.
Rettung in der Spezialisierung
Mit der Verlagerung des politischen Gewichts nach Preußen wuchs auch die Bedeutung Berlins als Finanz- und Handelsplatz. Frankfurt büßte seine Geltung ein, und auch die Lage der privaten Bankhäuser verschlechterte sich. Den Metzlers wurde bewusst, dass sie mit den Aktienbanken, die ihre Größenvorteile voll ausspielten, nicht mithalten konnten. Ein allzu rasches Bilanzwachstum wäre wohl nur auf Kosten der eigenen Unabhängigkeit möglich gewesen.
Das Bankhaus reagierte auf die neuen Wettbewerber mit einer strategischen Ausrichtung des Geschäfts, die das Bankhaus noch heute prägt. Um die Jahrhundertwende schränkten die Metzlers das Kontokorrent- und Kreditgeschäft ein und konzentrierten sich auf den Effektenhandel und die Vermögensverwaltung.
Der Inflation entronnen
Noch bedrohlicher als die Wettbewerber aus den eigenen Reihen wirkten sich jedoch die Wirtschaftskrisen zwischen den beiden Weltkriegen aus. Die Hyperinflation in den zwanziger Jahren brachte die Vernichtung sämtlicher Aktivwerte mit sich. Ausländische Wertpapiere wurden beschlagnahmt und gegen wertlose Reichsmark eingetauscht. Viele Firmenverbindungen des Bankhauses überstanden die Inflation nicht.
Auch jetzt reagierte man wieder schnell genug auf die neuen Zeiten und baute das Dienstleistungsgeschäft konsequent aus. Der Beginn der Weltwirtschaftskrise im Herbst 1929 führte wieder zu herben Verlusten. Kaum war die Krise gemeistert, wurde die Bank mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Die gesetzlichen Restriktionen der Nazis wie ein Verbot des freien Aktienhandels und die Isolation vom Ausland ließen das Geschäft weiter schrumpfen.
Wiederaufbau
Bei Kriegsende stand der über 80 Jahre alte Hugo von Metzler zunächst allein. Als Albert von Metzler 1950 aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, übernahm er gemeinsam mit Gustav von Metzler und Ferdinand Prinz von Lobkowitz die Verantwortung für die Bank.
Die Geschäftsführer verfolgten konsequent die vor dem Krieg aufgenommene Linie und konzentrierten sich auf die Ausweitung des Dienstleistungsgeschäfts. Zum Leitbild wurde eine auf internationale und institutionelle Kunden gerichtete Merchant Bank. Damit hob sich Metzler von den anderen Banken ab, in denen die Kreditvergabe eine zentrale Rolle spielte. Zudem wurden das Wertpapiergeschäft und das Investmentbanking ausgebaut.
Auf Krisen vorbereitet
Wertpapierberatung, Vermögensverwaltung, Devisen- und Außenhandel sowie Corporate Finance gewannen immer mehr an Bedeutung. 1971 trat Friedrich von Metzler, der die Geschäfte auch heute noch führt, gemeinsam mit seinem gleichaltrigen Vetter Christoph von Metzler in die Bank ein.
Mitte der achtziger Jahre wurde die Bank, die bislang als Personengesellschaft organisiert gewesen war, in eine Kommanditgesellschaft auf Aktien umgewandelt. Mit diesem Schritt sollte vor allem die Kapitalbasis gestärkt werden, um die Unabhängigkeit der Bank zu sichern.
Allerdings wurde der Charakter der Privatbank gewahrt, denn unverändert haftet die Unternehmensleitung persönlich. Eine Besonderheit der Bank ist, dass nur ein kleiner Teil der Gewinne ausgeschüttet wird, der Rest wird als stille Reserve in der Bank gelassen. Wir wissen, dass immer wieder Krisenzeiten kommen, auch wenn es im Moment nicht danach aussieht, lautet die Begründung von Metzlers. Die Turbulenzen der vergangenen 334 Jahre haben sich tief in das kollektive Gedächtnis der Bank eingegraben - auch wenn die napoleonischen Kriege schon lange vorbei sind.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.