Von Nadine Oberhuber
30. Juni 2008 Wenn jemand mit der Taschenlampe in den Wald geht, dann tappt er vielleicht nicht mehr so im Dunkeln. Aber er leuchtet nur die Strecke bis zum nächsten Baum aus. Dahinter ist der Wald so schwarz wie die Nacht. So ähnlich fühlen sich Verbraucher, wenn Lebensversicherer ab sofort vorrechnen werden, welche Kosten tatsächlich in ihren Policen stecken.
Auf Euro und Cent müssen Versicherer nun offenlegen, welche Kosten in den Verträgen stecken. Dazu verpflichtet sie das Versicherungsvertragsgesetz, das die Verbraucher stärker schützen will. Denn diverse Gerichte hatten immer wieder angemahnt, dass sich Kunden in den bisherigen Vertragswerken fühlen müssten wie im Dickicht des tiefsten Urwalds: Die Kosten einer Lebens- oder Rentenversicherung konnten nicht einmal vereidigte Versicherungsgutachter problemlos ermitteln, geschweige denn Otto Normalsparer. Dass sich so keine Preis-Leistungs-Vergleiche anstellen ließen, lag auf der Hand. Jetzt soll alles besser werden - heißt es.
Mehr Transparenz, doch wenig Vergleichbarkeit
Nun steht zwar in den Verträgen genau, welche Abschlusskosten die Unternehmen und ihre Vermittler kassieren und welche sonstigen Kosten noch vom Kundengeld einbehalten werden. Aber ob das wirklich zur Erleuchtung beiträgt? Es darf bezweifelt werden.
Denn erstens haben die Unternehmen viele Möglichkeiten, Kosten zu verstecken oder ihre ausgewiesenen Kosten mit komplizierten Angaben gehörig schönzurechnen. Zweitens werden die interessanten Vergleiche - etwa die von fondsgebundenen Versicherungen mit Fondssparplänen - auch mit der Offenlegung nicht wirklich einfacher. Denn während die einen jetzt ihre Kosten in Eurobeträgen angeben, rechnen die anderen weiter in Prozentzahlen.
Und deren Wirkung ist schwer abzuschätzen: Ein Prozent Gebühr für die Verwaltung eines Fonds oder einer Versicherung klingt ja nach nichts, sagt Versicherungsmathematiker Peter Schramm, aber den wenigsten ist klar, dass damit über 30 Jahre gesehen ein Drittel ihres Vermögens weg ist. Deshalb tobt jetzt ein bizarrer Streit zwischen den Anbietern. Die fürchten vor allem eines: dass die Kunden bald ihre Produkte durchschauen.
4000 Euro für eine Beratung und eine Briefmarke
Denen wird demnächst ganz schön die Kinnlade runterklappen, wenn sie lesen, dass sie für den Abschluss einer Lebensversicherung gut 4000 Euro hinblättern - für nichts weiter als ein Beratungsgespräch mit dem Vertriebsmitarbeiter und die Zusendung des Versicherungsantrags. Oder dass die Kosten bei einer Rürup-Rentenversicherung über 150.000 Euro satte 10.000 Euro betragen, bei manchen Anbietern sogar 16.700 Euro.
Das ist der Moment, in dem die Versicherungen sich beeilen zu sagen, dass diese Zahlen alleine ja nicht sehr aussagekräftig seien. Man müsse auch bedenken, dass der Kunde dafür - im Gegensatz zu einem Fondssparplan - einen Zusatznutzen erhalte: So bekomme er eine lebenslange Rente, egal wie lange er lebe. Oder seine Familie eine Zahlung im Todesfall.
Das stimmt, aber sie müssten auch sagen, dass die wenigsten Kunden wirklich ausgezahlt bekommen, was sie sich erhoffen. Am Ende stehen nämlich ganz andere Summen, als die hohen Überschussprognosen versprechen.
Zuschlag bleibt versteckt
Unabhängig davon: Allein die Höhe der ausgewiesenen Kosten löst bald eine gehörige Debatte aus, beobachtet einer, der es wissen muss: Reiner Will ist Geschäftsführer der Agentur Assekurata, die sich auf Versicherungsvergleiche spezialisiert hat. Für ihn ist vor allem eines erstaunlich: wie weit die Kosten von Anbieter zu Anbieter auseinanderklaffen und - wie wenig die ausgewiesenen Kosten tatsächlich aussagen: Es gibt auch Versicherer, die gar keine Abschlusskosten ausweisen müssen. Weil sie die einfach auf die laufenden Kosten aufschlagen und über die gesamte Laufzeit verteilen.
Deshalb ist immer noch kaum zu beziffern, wie sehr die Kosten auf die Rendite drücken. Welcher Spielraum bleibt, exerzieren Branchenberater durch: Da nennt Versicherung A 100 Euro sonstige Kosten jährlich, Versicherung B führt 0 Euro Kosten, dafür geringere Rendite an, und Versicherung C sagt: linear fallende Kosten von 185 auf 40 Euro. Wer hat nun die beste Quote? Der Kunde zahlt, ohne zu wissen, wie viel genau.
Kreuz und quer, hin und her
Der Kostenbegriff ist allzu dehnbar, findet Gutachter Schramm: Versicherungen, die ihre Gebühren nicht als Abschlusskosten beziffern wollen, können sie auch als Verwaltungskosten oder als Kapitalanlagekosten in den Büchern verstecken. Theoretisch können große Konzerne die Kosten aus der Lebensversicherung sogar auf ihre Krankenversicherungssparte abwälzen.
Die Quersubventionierung ist in der Branche ohnehin üblich: Kraftfahrzeug- und Haftpflichtversicherungen sind nur so billig, weil die Versicherungsmakler ihren Lebensunterhalt mit den Provisionen aus Lebensversicherungen verdienen. Jedenfalls noch. Wenn die Kunden erst mal ahnen, wie viel sie da bezahlen, werden sie schnell fragen: wofür überhaupt?, hofft Schramm, mit ihrer Beratungsleistung können die Versicherungsvertreter dann vielleicht 500 Euro Abschlussprovision rechtfertigen. Aber keine 5000 mehr.
Zumal der erste Anbieter Karstadt-Quelle jetzt mit einem cleveren Produkt auf den Markt prescht: der Versicherung mit Kostenflatrate. Ganze 300 Euro werden beim Abschluss fällig - und Karstadt-Quelle sagt, da seien keine Kosten versteckt. Da müssen sich die Wettbewerber die Frage gefallen lassen, warum sie das nicht auch können.
Verkaufsretter Abgeltungssteuer
Nun hat die Branche noch ein neues Argument: Eine Lebensversicherung sei trotz der hohen Kosten ein gutes Geschäft, wegen der niedrigeren Abgeltungsteuer auf Versicherungen. Das mache die höheren Kosten wieder wett. Mit diesem Satz verkaufen Vertreter derzeit Tausende von Fondspolicen, die nun angeblich besser abschneiden als Fondssparpläne.
Das ärgert Verbraucherschützer wie Niels Nauhauser. Sie sehen den Wettbewerb zugunsten des schlechteren Produkts Versicherung verzerrt und warnen: Die Versicherung spart zwar Steuern, meist fressen aber die doppelten Kosten für Fonds- und Versicherungsverwaltung den Vorteil wieder auf.
Nur die besten Fondspolicen haben gegen die schlechtesten Fonds die Nase vorn, belegen Vergleiche. Gegen eines kommen sie gar nicht an: Besitzer von Indexfonds-Sparplänen drücken zwar später reichlich Steuern ab, tragen aber trotzdem den höchsten Gewinn davon. Die Taschenlampe können sie sich dabei auch sparen: Es gibt keinen Kostenwald. Wenn das kein Lichtblick ist.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: F.A.Z.
Ich habe eine solche Krise an den Weltbörsen noch nie gesehen
Koreanischer Won im freien Fall
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