Historische Finanzkrisen: Japan 1927

Das große Wackeln von Tokio

Von Stephan Finsterbusch

07. April 2008 Das Desaster begann mit einem kurzen Satz. Als Japans Finanzminister Naoharu Kataoka am 14. März 1927 vor dem Parlament stand, sprach er erst von Deflation, dann vom Goldstandard und schließlich von drohenden Schieflagen vieler Banken.

Die Opposition war alarmiert. Sie zettelte eine Debatte an und verschärfte den Ton. Der Minister zeigte Nerven. Nach einem stundenlangen Wortgefecht verlas er wutentbrannt eine ihm gerade ans Rednerpult gereichte Notiz: „Heute Mittag ging Tokios Watanabe-Bank pleite.“ Die Abgeordneten waren geschockt.

Ein unbedachter Satz löst Panik aus

Schon im Januar waren in Tokio fünf Sparkassen Bankrott gegangen. Mit Watanabe sollte nun eine Großbank am Ende sein. Damit stand Japan vor der schwersten Finanzkrise seiner Geschichte. In ihrem Verlauf verschwanden vierhundert Banken vom Markt, 10 Prozent aller Spareinlagen wurden ausgelöscht, ein Fünftel des Nationaleinkommens zur Rettung der Branche eingesetzt, und eine Regierung trat zurück.

Am Tag nach Kataokas fatalem Satz geriet Tokio in Panik. An der Börse stürzten die Kurse, auf den Straßen tobte die Menge. Binnen einer Woche schlossen zwölf Institute ihr Tore, einen Monat später waren alle Banken dicht.

Der Eisberg der unsinkbaren Hausbank

Zu dieser Zeit war schon die zweite Krisenwelle herangerollt. Ende März kappte die Bank von Taiwan der Suzuki Shoten alle Kreditlinien. Damit verlor das größte Handelshaus Japans seine Hausbank. Die Bank von Taiwan war sowohl als Zentralbank für das von Japan kolonialisierte Taiwan wie auch als Geschäftsbank für japanische Unternehmen tätig. Sie hatte den Suzukis im Ersten Weltkrieg den Aufstieg von einer Kaufmannsfamilie zu einem Handelsimperium finanziert.

In den zwanziger Jahren stieg Suzuki in den kapitalintensiven Schwermaschinenbau ein. Das Unternehmen verfünffachte die Schulden und machte riesige Verluste. Das schlug auf die Bank von Taiwan durch. Bestand ihr Kreditbuch doch zur Hälfte aus Darlehen an Suzuki.

Noch im Januar hatte Naokichi Kaneko, der Chef des Handelshauses, erklärt: „Die können uns gar nicht versenken.“ Er sollte sich täuschen. Die Banker aus Taipeh verloren im Februar 1927 am Tokioter Geldmarkt ihre Glaubwürdigkeit. Sie konnten daher keine frischen Mittel mehr aufnehmen und an Suzuki weiterreichen. Anfang April kollabierte das hochverschuldete Handelshaus.

Notfonds verweigert

Damit stand die Bank von Taiwan vor dem Aus. Zur Stützung des für die expansive Außenpolitik Japans wichtigen Instituts plante das Finanzministerium einen millionenschweren Notfonds.

Den sollte die Bank von Japan finanzieren, die Regierung garantieren und der Kaiser legalisieren. Der geheime kaiserliche Staatsrat verweigerte die Zustimmung. Das Kabinett des liberalen Regierungschefs Wakatsuki trat Mitte April zurück. Stunden später schloss die Bank von Taiwan die Türen. Ihr folgten die Oumi- und die Jugo-Bank, die die Konten des Kaiserhofs verwaltete.

1600 Banken machten dicht

Nun gab es kein Halten mehr. Bis Ende des Monats machte landesweit eine Bank nach der anderen dicht. Im Inselreich wurden fast alle der 1600 Banken geschlossen. Davon sollte ein Viertel nicht wieder öffnen. Das Land befand sich im finanzpolitischen Ausnahmezustand.

Die konservative Seiyukai-Partei übernahm die Regierung und stellte ihre erste Garde ans Steuer der Macht. Finanzminister wurde der ehemalige Ministerpräsident Korekiyo Takahashi. An die Spitze der Bank von Japan rückte Junnosuke Inoue, der schon zu Beginn der Zwanziger Gouverneur der Zentralbank und Retter damals schwer angeschlagener Privatbanken gewesen war.

Geldflut von der Zentralbank

Zunächst erwirkte der Finanzminister ein dreiwöchiges Schuldenmoratorium. Dann holte Notenbankchef Inoue zur Rettung der Bank von Taiwan und zur Stützung der Finanzbranche den Plan seines Vorgängers hervor.

Die Tokioter Zentralbank – eine Gesellschaft des öffentlichen Rechts, deren Kapitalanteile bis heute jedoch zur Hälfte bei Privatinvestoren liegen – sollte ohne Rücksicht auf Verluste die Rolle als letzter Retter in der Not spielen. Inoue schoss massiv Kapital in die Bank von Taiwan, gründete für angeschlagene Geschäftsbanken eine Auffanggesellschaft, erzwang sich Einblick in deren Bücher und warf die Notenpresse an.

Kurze Eigenkapitaldecke

Bis zum Sommer pumpte die Bank von Japan Hunderte Millionen Yen in die Branche. Überdies drängte Gouverneur Inoue auf Reformen, kannte er doch die Schwächen des Systems. Japans Institute waren eng mit ihren Großkreditnehmern aus Industrie und Handel verflochten. Sie hatten im Ersten Weltkrieg deren Expansion finanziert, aber eine dünne Eigenkapitalbasis und kein Risikomanagement.

Solange die Wirtschaft wuchs, ging alles gut. Als Tokio jedoch im Oktober 1919 entschieden hatte, Amerika bei der Rückkehr zum Goldstandard der Vorkriegszeit zu folgen, begannen die Probleme.

Weltproblem: der zweite Goldstandard

Um die alte Wechselkursparität wiederherzustellen, mussten die Notenbanker das in den Jahren von Kriegsproduktion und Hochkonjunktur im Land verdoppelte Preisniveau halbieren, Kapazitäten reduzieren und den Yen stabilisieren.

Dafür hoben sie den Leitzins auf den historischen Höchststand von 8 Prozent und beschnitten das Kreditwachstum der Banken. Das zeigte Wirkung. Die Konjunktur kühlte sich ab, und die Preise sanken.

Allerdings führte die die gezielte Deflationspolitik der Notenbank dazu, dass viele Unternehmen unter der wachsenden Last ihrer Schulden begraben wurden. Damit türmten sich in den Bilanzen der Banken die faulen Kredite.

Großzügige Nothilfen - ein Fehler

Die Zentralbank sah sich gefordert. Allein 1920 half sie fast zweihundert angeschlagenen Instituten mit Bürgschaften. Jahre später wird Gouverneur Inoue in einem Gespräch mit dem Chef des amerikanischen Bankhauses J.P. Morgan sagen: Diese Geldschwemme sei ein Fehler gewesen, sie habe die Branche in falscher Sicherheit gewogen und das Chaos von 1927 verursacht.

Was Inoue nicht sagte, war, dass die Bank von Japan vier Jahre davor ihre Deflationspolitik abermals zu unterbrechen und die Liquiditätsschleusen weit zu öffnen hatte.

Ein Erdbeben macht den Anfang

Im September 1923 war Tokio von einem schweren Erdbeben erschüttert worden, das 140.000 Menschen das Leben kostete und große Teile der Stadt vernichtete. Der Sachschaden bezifferte sich auf 6 Milliarden Yen – die Hälfte der Wirtschaftsleistung des Landes.

Für den Neuaufbau nahm die Regierung im Ausland hochverzinste Kredite von 500 Millionen Yen auf. Die Zentralbank musst nach einer kaiserlichen Order den Finanzmarkt stützen und alles rediskontieren, was ihr von Tokioter Unternehmen und Banken an Wechseln vorgelegt wurde.

Überbewertung minderwertiger Anleihen

So nahm sie bis März 1924 für 430 Millionen Yen Handelswechsel minderer Qualität in ihre Bücher und stempelte sie als Erdbebenanleihen ab. Die Papiere hatten eine Laufzeit von zwei Jahren, mussten mehrmals prolongiert und mit Staatsgarantien protegiert werden.

Dennoch saß die Zentralbank Ende 1926 auf einen Berg uneingelöster Anleihen im Wert von 200 Millionen Yen. Die Hälfte der Summe ging allein auf das Konto von Suzuki Shoten. Das Handelshaus hatte die Gunst der Katastrophenstunde massiv genutzt, schlechte Wechsel in sichere Erdbebenanleihen und gutes Geld umzumünzen.

Überfällige Reformen als Auslöser

Im Januar 1927 war die Geduld der Notenbanker am Ende. Sie drehten der Bank von Taiwan vorübergehend den Geldhahn zu und machten Druck auf Suzuki. Das Finanzministerium gab Schützenhilfe. Zudem erarbeitete es eine Reform der Bankgesetze. Man wollte die Eigenkapitalvorschriften der Institute verschärfen, Marktkontrollen erhöhen, einen Einlagensicherungsfonds gründen und Fusionen forcieren. Darüber kam es im März im Parlament zu heftigen Debatten. Dabei rückte der mittlerweile amtierende Finanzminister Naoharu Kataoka ins Kreuzfeuer.

Seine Kritiker beschuldigten ihn, nahe stehende Unternehmen mit Staatsgeldern vor dem Untergang zu schützen. Kataoka fühlte sich verunglimpft, verlor die Beherrschung und verkündete die Pleite der Watanabe-Bank.

Die Pleite, die keine war

Später wird er sagen, er habe allenfalls den Ernst der Lage schildern und nicht „die Todesstrafe über ein lebendes Institut“ verhängen wollen. Denn technisch gesehen, war das Bankhaus nicht am Ende. Das Institut hatte Liquiditätslücken, doch die konnte es immer wieder schließen. Dennoch teilte es die Engpässe den Behörden mit.

Während der Sitzung des Budgetausschusses am Nachmittag des 14. März 1927 reichte ein Finanzbeamter eine zweideutig formulierte Notiz über die Lage von Watanabe seinem Minister in dem Augenblick weiter, in dem der vor der Opposition Rede und Antwort stand.

Am Tag nach seinem fatalen Satz entschied die Industriellenfamilie Watanabe, ihre Bank zeitweise zu schließen, um einen Ansturm panischer Kunden zu verhindern. Das ging schief. Das Unheil nahm seinen Lauf.

Erst bebte Tokio, dann die Börse und schließlich die gesamte Wirtschaft. Japan erlebte im Jahr 1927 die bis dahin schwerste Bankenkrise seiner Geschichte.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

 

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