Von Bettina Schulz, London
28. April 2008 Die internationalen Wertpapier- und Bankaufsichtsbehörden verschärfen ihre gemeinsamen Untersuchungen von Hedge-Fonds-Aktivitäten zur Zeit der Finanzmarktkrise. Die Ermittlungen der britischen, irischen und amerikanischen Aufsichtsbehörden sollen ergeben, ob Hedge-Fonds bewusst Gerüchte über Liquiditäts- und Kapitalnöte von Banken streuten, Leerverkäufe tätigten und davon profitierten, dass die Banken fast an den Rand einer Liquiditätskrise gedrängt wurden.
Die Financial Services Authority (FSA) in London bestätigte, dass sie alle Banken aufgefordert habe, sämtliche Handelstransaktionen, Leerverkäufe, Telefongespräche und E-Mails im Zusammenhang mit der britischen Bank HBOS an die Behörde zu übermitteln. Die Untersuchung bezieht sich zudem auf die Banken Lehman Brothers und Anglo Irish Bank und vor allem auf Transaktionen bestimmter Hedge-Fonds.
Gerüchte sind ein Teil des Geschäftes
Die Aufsichtsbehörden waren Mitte März alarmiert worden, als das amerikanische Management von Bear Stearns noch am Mittwoch, den 23. März, beteuerte, keine Liquiditätsschwierigkeiten zu haben, die Bank jedoch innerhalb von 48 Stunden durch Marktgerüchte in die Illiquidität getrieben wurde. Nachdem Bear Stearns am Freitag, den 14. März und dem folgenden Wochenende von der amerikanischen Federal Reserve und JP Morgan aufgefangen wurde, brach der Aktienkurs von Lehman Brothers am folgenden Montag um fast 50 Prozent ein. Wieder gab es Gerüchte, die Investmentbank stehe vor der Liquiditätskrise. Die Angst vor einer systemischen Bankenkrise war hoch. Auch in Europa lösten Gerüchte über HBOS und Anglo Irish Bank eine Verkaufswelle von Bankaktien aus. In Australien wurden ähnliche Gerüchte über Institute wie Babcock Brown verbreitet.
Wir könnten heute sogar sagen, welche Hedge-Fonds welche Gerüchte über uns gestreut haben. Marktteilnehmer, die den Hedge-Fonds unsere Aktien zum Leerverkauf ausgeliehen haben, haben sich bei uns bereits entschuldigt, heißt es bei einem Institut, das nicht genannt werden möchte, jedoch mehrere Tage ernste Liquiditätsschwierigkeiten befürchtete. Zwar tragen Makler Gerüchte an Anleger weiter und dies ist Teil des Geschäftes. Es ist jedoch als Marktmanipulation verboten, Gerüchte zu streuen, um deren Effekt auf den Aktienkurs dann auszunutzen. Die Gefahr in Krisenzeiten ist, dass bei dem sehr niedrigen Handelsvolumen Gerüchte und Leerverkäufe einen Aktienkurs extrem unter Druck setzen können.
Beängstigende Folgen
Die FSA reagierte am 19. März daher ungewöhnlich scharf: Wir werden nicht akzeptieren, dass Marktteilnehmer die Situation an den Märkten missbrauchen, indem sie Gerüchte streuen und darauf handeln. Einen Tag später gab die Irish Financial Services Regulatory Authority eine ähnliche Warnung heraus. Die britische Notenbank Bank von England dementierte gar öffentlich Gerüchte, Notenbankgouverneur Mervyn King habe eine Asienreise wegen einer bevorstehenden Bankenkrise storniert und Notsitzungen mit Banken seien anberaumt worden Auf dem Höhepunkt der Krise war es ein Leichtes, Gerüchte über Banken zu streuen. Durch den immer niedrigeren Wert von Wertpapierpositionen am Markt erodierte die Sicherheit, die Banken nutzten, um sich zu finanzieren. Entweder sie warteten mit mehr Sicherheiten auf, oder sie riskierten, mit einem Schlag einen Teil ihrer Finanzierung tilgen zu müssen, was sie nicht gekonnt hätten.
Es war beängstigend zu sehen, wie Marktgerüchte ein Institut wie Bear Stearns innerhalb von 48 Stunden in die Knie zwingen konnten, sagt Neil Dwane, Chief Investment Officer der Fondsgesellschaft RCM. Dwane kritisiert Marktteilnehmer, die Anleiherisiken und Aktien der Banken leer verkauft und von der eskalierenden Krise der Banken bewusst profitiert haben. Dwane sagt aber, dass die Banken und Aufsichtsbehörden eine Mitschuld hätten: Die Banken haben mit Billigung der Aufsichtsbehörden ihre Risiken immer noch nicht ganz offen gelegt, es ist immer noch nicht klar, wie viel Kapital sie aufnehmen müssen, und es ist immer noch nicht deutlich, welche langfristige Eigenkapitalrendite für die Banken realistisch ist. Angesichts dieser Unsicherheiten sei der Markt nicht gefeit vor Gerüchten.
Der Nachweis ist schwierig
Aufsichtsbehörden, Notenbanken und Banken ziehen indessen an einem Strang, um die Gefahr einer systemischen Bankenkrise zu bannen. Während die Notenbanken Liquidität bereitstellen, drücken die Aufsichtsbehörden ein Auge zu bei der Bewertung der Bankrisiken und Banken müssen ihr Kapital aufstocken. Unpassende Gerüchte von Hedge-Fonds, die die Misere noch anheizen, werden lautstark bekämpft.
Ob die Aufsichtsbehörden damit Erfolg haben werden, ist fraglich. Vergangene Woche wurde ein Leerverkäufer von der amerikanischen Securities and Exchange Commission (SEC) belangt, weil er falsche Gerüchte gestreut habe. Es ist dennoch extrem schwer für Aufsichtsbehörden, dies nachzuweisen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.
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